Von RALF STORK
Unter den Säugetieren ist die Gruppe der Fledermäuse einzigartig. Da ist die Sache mit dem Fliegen, klar. Das können Primaten, Nagetiere, Unpaarhufer und all die anderen nicht. Aber rein äußerlich betrachtet sind es nicht unbedingt die Flughäute, die Fledermäuse so besonders machen. Der Anblick von Flügeln in den unterschiedlichsten Formen und Größen ist uns schließlich von anderen Warmblütern vertraut. Aber diese Gesichter. Bei jeder Art ist mindestens ein Merkmal völlig anders als bei allen anderen Tieren: Viele haben große, nackte Ohren, zum Teil durch Hautfalten und Vorsprünge vergrößert. Beim Braunen und beim Grauen Langohr sind die Ohren fast so lang wie der Körper. Die Große Hufeisennase dagegen trägt in der Mitte des Gesichts ein knorpeliges Gebilde mit einer Hufeisenförmigen Basis, einem Loch in der Mitte und einer spornartigen Ausstülpung weiter oben. Die Europäische Bulldoggenfledermaus wiederum hat eine Oberlippe, die fünfmal gefaltet ist. Die besonderen Gesichtsmerkmale sind Teil des einzigartigen Orientierungssystems der Fledermäuse: Sie verlassen sich kaum auf ihre Augen, sondern erstellen mithilfe von Echoortung ein akustisches Bild ihrer Umwelt.
Die Aktivität verschob sich in die Nacht
Die ältesten Fledermausfossilien sind etwa 50 Millionen Jahre alt. Man geht davon aus, dass sich Fledermäuse aus kletternden, insektenfressenden Säugetieren entwickelt haben. Ihre nächsten Verwandten sind vermutlich Igel, Spitzmäuse und Maulwürfe. Die Fähigkeit zum aktiven Flug hat sich nach und nach aus dem Gleitflug entwickelt wegen der evolutionären Vorteile, die es für Baumbewohner mit sich bringen kann, die weit springen, ein bisschen gleiten und schließlich aktiv fliegen können. Die Flügel werden vor allem aus den Handknochen gebildet. Bis auf den Daumen sind alle Finger stark verlängert. Zwischen ihnen spannt sich eine dünne Flughaut. Zuerst entwickelte sich die Fähigkeit, zu fliegen. Die Echoortung kam später hinzu, das lässt sich aus den gefundenen Fossilien ablesen:
Das älteste – Onychonycteris finneyi – hatte zwar schon Flügel, aber noch keine anatomischen Anpassungen für die Ortung mit Ultraschall. Bei dem nächstjüngeren Fossil – Icaronycteris – finden sich dagegen eine vergrößerte, spiralförmig gewundene Hörschnecke, ein leichter Schädelbau, der auf kräftige Kehlkopfmuskeln hindeutet, sowie stärker verknöcherte Gehörknöchelchen. Das alles sind Merkmale, die sich auch bei den heutigen, mit Echoortung manövrierenden Fledermäusen, finden.
Die allerersten Fledermäuse waren wahrscheinlich tagaktiv. Bei Icaronycteris hatte sich die Aktivität dann vermutlich schon stärker Richtung Dämmerung verschoben: Sie nutzte vermutlich Echoortung, hatte aber auch noch große funktionsfähige Augen – eine klassische Brückenart, bei der die späteren Spezialisierungen noch nicht voll entwickelt sind.





