Unser Alltag kann ganz schön stressig sein und uns gelegentlich auch mal aus der Bahn werfen. Bei traumatischen Erlebnissen oder wenn der Stress lange anhält, erkranken manche Menschen sogar daran. Ob wir eine Depression oder eine andere psychiatrische Störung entwickeln oder nicht, hängt dabei nicht nur vom Stresslevel, sondern auch von unseren Genen ab, wie frühere Studien nahelegen. Aber welche Gene sind konkret dafür verantwortlich, dass manche Menschen gut mit Stress und belastenden Lebensereignissen umgehen können, während andere als Reaktion auf Stress eine psychiatrische Störung entwickeln?
Eine Forschungsgruppe um Signe Penner-Goeke vom Max-Planck-Institut für Psychiatrie (MPI) in München hat sich dieser Frage nun auf molekularer Ebene genähert. Dafür verwendeten die Wissenschaftler zwei menschliche Zelllinien, die sich als Modelle für die genetisch-molekulare Stressreaktion eignen, und setzten sie dem synthetischen Wirkstoff Dexamethason aus, der die Wirkung des natürlichen Stresshormons Cortisol nachahmt. Dann untersuchten sie mit molekulargenetischen und statistischen Methoden, welche genetischen Varianten an der zellulären Reaktion auf Stress beteiligt sein könnten. Dafür analysierten Penner-Goeke und ihre Kollegen insgesamt 3.662 Einzelmutationen innerhalb von genetischen Varianten in 320 Genregionen, die häufig bei Patienten mit psychiatrischen Störungen vorkommen.
Menschen mit vielen „Stress-Genen“ reagieren auch gestresster
Die Analysen ergaben, dass 547 der untersuchten Genvarianten an einer hormonell induzierten Stressreaktion in den Zellen beteiligt waren. Diese Art von stresssensitiven Genvarianten trat in knapp der Hälfte aller untersuchten Genregionen auf. Auffällig häufig waren diese Varianten an regulatorischen Stellen der DNA zu finden – auch an Stellen, die Nervenzellen im Gehirn regulieren, wie die Forschenden berichten. Penner-Goeke und ihre Kollegen schließen daraus, dass einige der Varianten das Risiko, eine psychiatrische Störung zu entwickeln, beeinflussen können. „Wir haben eine Reihe von Varianten gefunden, die mit psychiatrischen Störungen in Verbindung stehen“, so Penner-Goeke.
In weiteren Experimenten untersuchten die Forschenden, ob sich das Risiko für psychiatrische Erkrankungen verändert, wenn solche Genvarianten kombiniert vorliegen. Dafür unterzogen sie 183 beziehungsweise 171 Testpersonen zwei verschiedenen Stressaufgaben und maßen dabei ihren Hormonspiegel im Speichel beziehungsweise ihren Blinzelreflex. Im ersten Test sollten die Teilnehmenden eine Rechenaufgabe lösen, im zweiten wurden sie erschreckt. Zudem sequenzierten die Wissenschaftler die DNA der Probanden, um zu ermitteln, welche Genvarianten diese in ihrem Erbgut aufweisen. Bei diesen Experimenten zeigte sich, dass Menschen mit einer höheren Anzahl von stressbezogenen Genvarianten während und kurz nach den Versuchen höhere Mengen des Stresshormons Cortisol in ihrem Speichel hatten und auch intensiver auf Erschrecken reagierten. Penner-Goeke und ihre Kollegen schließen daraus, dass diese Genvarianten beeinflussten, wie heftig die Reaktion der Personen in den Stresssituationen ausfiel.





