Bei uns Menschen leben Frauen im weltweiten Durchschnitt derzeit 5,4 Jahre länger als Männer. Ein solches geschlechtsspezifisches Muster ist aber kein rein menschliches Phänomen: Auch bei anderen Säugetieren ist dies oft zu beobachten. Bei Vögeln und Insekten überleben hingegen die Männchen oft die Weibchen. Warum das so ist und welche evolutionären Mechanismen dieses Phänomen in der Tierwelt beeinflussen, war bislang ein Rätsel.
Einfluss der Umwelt
Dem sind nun Forschende um Johanna Stärk vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig nachgegangen. Dafür untersuchten sie die geschlechtsspezifischen Unterschiede in der Lebenserwartung von 528 Säugetier- und 648 Vogelarten, die in Gefangenschaft leben, etwa in Zoos oder Naturparks. Zusätzlich analysierten sie die Lebenserwartung von wildlebenden Tieren, darunter 69 Säugetier- und 41 Vogelarten, von denen auch Daten aus Zoos vorlagen. Mit statistischen Methoden suchten Stärk und ihre Kollegen nach Mustern in den Daten.
Die Auswertung ergab, dass bei 72 Prozent der untersuchten Säugetiere die Weibchen mit höherer Wahrscheinlichkeit länger leben. Ihr Leben ist im Durchschnitt um zwölf Prozent länger als das der Männchen. Das gilt auch für einige Primaten, darunter Paviane und Gorillas sowie unsere nächsten Verwandten, die Schimpansen. Bei den Vögeln dagegen leben bei 68 Prozent der Arten die Männchen länger – im Schnitt um etwa fünf Prozent. Diese geschlechtsspezifischen Unterschiede traten sowohl in Zoos als auch in der Wildnis auf, waren aber in Wildpopulationen etwas ausgeprägter. Das legt nahe, dass auch Umwelteinflüsse wie Raubtiere, Krankheiten, Nahrung oder Klima die Lebenserwartung prägen. In Zoos spielen diese Faktoren kaum eine Rolle, daher gibt es dort weniger Geschlechtsunterschiede, schließt das Team. Doch es muss noch weitere Faktoren geben.

Einfluss der Paarungsstrategie
Darauf verweisen auch die beobachteten Ausnahmen: „Bei einigen Arten fanden wir das Gegenteil des erwarteten Musters”, sagt Stärk. Beispielsweise werden bei Nachtaffen die Männchen älter und bei Habichten und Adlern die Weibchen. Bei manchen Säugetier- und Vogelarten werden Männchen und Weibchen auch schlicht ähnlich alt, darunter bei vielen Wasservögeln und Hunden (Canidae). Das sind oft Arten, die monogam leben und bei denen Männchen und Weibchen ähnlich groß sind – ein bei Vögeln weit verbreitetes Muster. Im Gegensatz dazu leben Weibchen länger, wenn die Arten nicht-monogam leben und die weiblichen und männlichen Tiere unterschiedlich groß sind – wie es oft bei Säugetieren oder Raubvögeln der Fall ist. Auch bei Arten mit starken weiblichen Bezugspersonen leben die Weibchen länger als Männchen.





