Preisfrage: Welcher Schritt ist wohl der wichtigste? In den letzten Jahrzehnten hat sich ein eher unguter Trend manifestiert: Studien zu den obigen Schritten 2 und 3, also Beobachtung und Beschreibung, werden in der Forschergemeinde immer häufiger geringschätzig als „rein deskripitiv“ abqualifiziert – und damit den vermeintlich viel „edleren“ Projekten untergeordnet, die Zweck, Mechanismus und Funktion von etwas entschlüsseln. Letzteres sei es, was die Kollegen gemeinhin am meisten schätzen würden – und was daher auch die Fachzeitschriften und Fördergeldgeber am liebsten sehen wollten.
Dabei macht das obige Schema eigentlich klar: Jegliche Suche nach Zweck und Funktion von etwas ist zwingend abhängig von sorgfältiger Beobachtung und Beschreibung. Und das kann bisweilen mindestens so knifflig und originell sein wie das Entschlüsseln funktioneller Mechanismen.
Ein gutes Beispiel, wie wichtig allein die Wahl der Bedingungen ist, unter denen man beobachtet, lieferte vor einigen Jahren ein Artikel über die Farbmuster transparenter Insektenflügel von Ekaterina Shevtsova und ihren schwedischen Kollegen an der Universität Lund. Das Team nahm sich jede Menge Insektenflügel vor und fotografierte sie vor schwarzem statt, wie üblich, vor hellem Hintergrund. Und siehe da – was im Hellen durchsichtig und unspektakulär ausgesehen hatte, schillerte plötzlich wie Schmetterlingsflügel in allen möglichen Farben.
Ein gutes diagnostisches Werkzeug
Da die untersuchten Flügel jedoch keinerlei Farbpigmente enthielten, schauten die Schweden noch etwas genauer hin – und fanden heraus, dass das bunte Schillern durch die spezifische Lichtbrechung und -absorption entstand, die wiederum durch die mikroskopische Feinstruktur der Flügel bewirkt wurde. Zugleich registrierten sie beim Beschreiben dieser Beobachtung, dass das Flügelfarbmuster für die jeweilige Insektenart sehr spezifisch war – mit der Folge, dass es sich als gutes diagnostisches Werkzeug zur zuverlässigen Spezies-Bestimmung erwies.
Kein Wunder, dass so mancher Insekten-Taxonom und -Systematiker jubelte. Denn vor allem Fliegen- und Wespenarten sind manchmal sehr schwer voneinander zu unterscheiden. Was mit dieser einfachen neuen Beobachtungsmethode in dieser Hinsicht möglich ist, demonstrierten Ekaterina Shevtsova und ihr Team in ihrer Studie gleich selbst. Aufgrund verschiedener Flügelfarbmuster zeigten sie, dass bestimmte Fliegen, die in allen anderen morphologischen Merkmalen keinerlei signifikante Unterschiede aufwiesen, tatsächlich in drei klar getrennte Arten unterteilt werden müssen. Ein Befund, den spätere genetische und molekularbiologische Studien bestätigten.
Doch damit war der eindrucksvolle und nachhaltige Wert dieser „rein deskriptiven Studie“ noch nicht erschöpft. Denn einige Drosophila-Spezialisten waren ebenfalls begeistert von den Erkenntnissen. Schließlich dient die kleine Taufliege ganzen Heerscharen von Forschern schon lange als der Modellorganismus schlechthin – mit der Folge, dass etliche von ihnen die generelle genetische und biochemische Kontrolle der Entwicklung von Insektenflügeln an dem Tierchen studieren. Und denen war natürlich sofort klar, welch schlagkräftiges Werkzeug sie mit der Flügelfarben-Methode in die Hand bekamen, um die Auswirkungen von genetischen oder zellbiologischen Störungen auf die Flügelbildung sehr detailliert zu untersuchen.





