Was von den Hoffnungen und Ängsten des 19. Jahrhunderts Wirklichkeit geworden ist.
Die USA im Jahr 2000: Männer und Frauen arbeiten gleichberechtigt nebeneinander. Sie finden Erfüllung in ihrem Job, trotzdem hören sie mit 45 Jahren auf zu arbeiten. Jeder hat genug Geld, um sich gut zu kleiden und zu essen. Aber auch ausgefallene individuelle Wünsche und Bedürfnisse werden befriedigt, die Gesellschaft lebt im Überfluß. Maschinen übernehmen in Fabrik und Haushalt die Arbeit. Elektrizität sorgt für Wärme und Beleuchtung. Jeder kann sich bequem in einem dichten Netz von Straßenbahnen im Zwei-Minuten-Takt fortbewegen. Jegliches Privateigentum ist abgeschafft; Industrie und Handel werden vom Staat kontrolliert. Jeder ist Arbeitgeber und Arbeitnehmer zugleich. Kein Mensch wird wegen seines Geschlechts oder seiner Hautfarbe benachteiligt – Solidarität und Verbrüderung sind die Ideale der Gesellschaft.
Dies ist das Amerika des Jahres 2000 – so, wie es sich der amerikanische Journalist Edward Bellamy im Jahre 1887 in seinem Bestseller „Looking backward 2000 – 1887″ ausmalte. Er traf mit seiner Vision einer gerechten Gesellschaft, in der kein Mangel herrscht, den Nerv der Zeit. Denn die industrielle Revolution hatte in Europa und den USA seit Beginn des Jahrhunderts enorme gesellschaftliche Umwälzungen mit sich gebracht. In den Fabriken übernahmen immer mehr Maschinen den Produktionsprozeß. Die Dampfkraft beschleunigte das Leben.
Doch immer mehr Arbeitslose bevölkerten die Städte. Und wer Arbeit hatte, schuftete oft für einen Hungerlohn und verwahrloste zusehends. Die Fabrikbesitzer dagegen sonnten sich in ihrem schnell wachsenden Reichtum und in ihrem neuen Selbstbewußtsein. Die Gesellschaft teilte sich: Es gab wenige Menschen mit viel Geld und viele Menschen mit wenig Geld. Die „soziale Frage” entstand. Der Glaube an Fortschritt und Kapitalismus wurde damals nicht nur durch die soziale Ungerechtigkeit erschüttert. Schlecht abgesicherte Bankgeschäfte und leichtfertige Börsenspekulationen ließen die internationalen Finanzmärkte zusammenbrechen. Viele Spekulanten verloren über Nacht ihr ganzes Vermögen.
Ende des 19. Jahrhunderts herrschten Unsicherheit und Zukunftsangst – und die visionäre Literatur hatte Hochkonjunktur. Nicht nur Bellamy, auch andere Publizisten in Amerika und Europa machten sich Gedanken über die Zukunft: Wie könnte das Schreckgespenst des Kapitalismus gebändigt werden? Wie sollte mit der schnellen Entwicklung der Technik umgegangen werden?
Gesellschaftliche Utopien entstanden, in denen es keine soziale Ungerechtigkeit mehr gab. Karl Marx und Friedrich Engels entwickelten konkrete Vorstellungen, wie eine solche Gesellschaft funktionieren könnte. „Das Kapital” (1867) wurde zum Programm: Marx forderte darin die Revolution der Arbeiterklasse. Das Proletariat müsse für das „Absterben der Staatsgewalt” kämpfen und selbst für die Verbesserung seiner Lebensbedingungen sorgen. Dadurch käme es zu einer klassenlosen Gesellschaft, in der alle nach ihren Fähigkeiten und Bedürfnissen leben.
Doch lange nicht alle sahen im Kommunismus die Lösung für die Probleme. So lehnte der deutsche Politiker Theodor Hertzka in seinem Roman „Freiland” aus dem Jahre 1890 den kommunistischen Gedanken vollkommen ab. Die Suche nach Gleichheit war für ihn nichts als „kommunistische Halluzination des Hungerfiebers”. Er setzte auf Individualität: „Die Menschen sind einander nicht gleich, weder in ihren Fähigkeiten noch in ihren Bedürfnissen.” Und er garantierte jedem „den ungeschmälerten Genuß der Früchte seiner Arbeit”. Hertzka war überzeugt: Nur so kann die Gesellschaft des 20. Jahrhunderts überleben – denn nur so fühlt sich jeder verantwortlich. Wäre der Staat der Eigentümer aller Produktionsgüter, würde jede Eigenverantwortung des einzelnen zerstört.
Die Sozial-Utopisten des 19. Jahrhunderts blickten auf eine lange Tradition utopischer Romane zurück. Es waren immer Romane, die sich kritisch mit dem Heute auseinandersetzten, um den Idealtypus der besseren Gesellschaft im Morgen zu entwerfen. Und immer waren es Szenarien, in denen die Technik und die Naturwissenschaft eine besondere Rolle spielten. Absolute Machbarkeit – das war typisch für die Zeit. Es war kaum ein Problem vorstellbar, das nicht mit Hilfe der Naturwissenschaft und Technik zu lösen wäre – darin waren sich Wissenschaftler und Literaten einig.
Raumschiffe, die zum Mond fliegen, oder Unterseeboote, die zum tiefsten Punkt der Weltmeere vordringen – nichts schien in den neuen Science-fiction-Romanen unmöglich zu sein. Prominentestes Beispiel für das neue Literatur-Genre: Jules Verne. Er wollte mit seinen Abenteuerromanen unterhalten.
Der russische Philosoph Aleksandr Bogdanow hingegen wollte den Menschen eine Perspektive geben. In seinem Roman „Der rote Planet” , der kurz nach der Jahrhundertwende erschien, beschreibt er die Besiedlung des Mars: Riesige Kanäle werden gebaut, um die Wüsten fruchtbar zu machen. Berge werden abgetragen, um die Bodenschätze zu nutzen. Sind die Ressourcen erschöpft, fliegt man einfach weiter: mit atomar betriebenen Sternschiffen zur Venus. Nichts ist undenkbar und das Ziel besteht allein darin, die Natur zu unterwerfen. Auch der Mensch selber stand im Mittelpunkt der Utopien. Mit wissenschaftlichen Methoden sollte die biologische Regeneration optimiert werden, das Alter keine Rolle mehr spielen. In der Welt von Morgen wird der Mensch gezüchtet, sein Erbgut veredelt. So entsteht der ideale Übermensch, optimal den kollektiven Bedürfnissen angepaßt.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts geraten die Szenarien zunehmend schwärzer. Zwei Weltkriege kurz hintereinander und die faschistischen Regimes in Europa erschüttern den Glauben an den prinzipiell guten Menschen. Und der Rassenwahn – im nationalsozialistischen Deutschland auf seine grauenhafte Spitze getrieben – macht deutlich, wohin die Ideen der Menschenzüchtung führen können. Die utopischen Gesellschaften werden ihres „guten Sozialismus” beraubt. Die Beherrschung der Natur durch den Menschen weicht der Herrschaft der Technik über den Menschen. Aldous Huxleys „Brave New World” von 1932 oder George Orwells „ 1984″ von 1949 zeichnen erschreckend, wohin staatliche Kontrolle und das Verbot von Individualismus führen können.
Und die gelebte Utopie? Auch sie gibt es in unserem Jahrhundert. Die Ideen von Marx und Engels finden sich wieder in den ideologischen Grundwerten der Sowjetunion. Aber auch die gigantischen Projekte Bogdanows wurden real: Die Russen bauten unter Stalin riesige Staudämme, um Elektrizität zu produzieren. Dafür trugen sie ganze Berge ab, begradigten Flußläufe über Tausende von Kilometern und fluteten gewaltige Täler. Sie gingen ganz im Sinne Bogdanows vor: Der Mensch gestaltet die Natur nach seinem Willen. Inzwischen ist der real gelebte Sozialismus gescheitert. Sicher auch aus den Gründen, vor denen schon Theodor Hertzka gewarnt hatte: Gleichheit und fehlender Besitz führen zu geringerer Produktivität und zu Unzufriedenheit. Doch wie steht es mit dem Wunsch nach einer besseren Zukunft durch die Technik? Wir leben heute in einer Gesellschaft, aus der die Technik nicht mehr wegzudenken ist. Die Visionen der Utopisten haben sich längst erfüllt: Die Nutzung von Elektrizität ist heute so selbstverständlich wie die Fortbewegung mit Straßenbahnen. Es ist so gekommen, wie sie es sich vorgestellt haben: Der Fortschritt basiert auf den Erkenntnissen von Naturwissenschaft und Ingenieurskunst.
Und doch, die Technik hat nicht nur Gutes gebracht: Die Entwicklung von Autos und Flugzeugen machte Menschen nicht nur mobiler, sondern setzte auch mehr Treibhausgase frei. Die Entdeckung der Kernspaltung ermöglichte nicht nur die friedliche Nutzung der Kernenergie, sondern auch die Herstellung von Atomwaffen. Der Wunsch, die Natur in den Dienst des Menschen zu zwingen, führte zu einem Raubbau in riesigem Ausmaß. Die globale ökologische Krise ist die Folge. Entsprechend sind die Utopien der letzten 40 Jahre: Die Versöhnung mit der Natur steht an erster Stelle. Huxley schreibt in „Island” von 1962: „Sei gut zur Natur, und sie wird gut zu dir sein.” Was die Utopien und Visionen über die Zeiten hinweg verbindet, ist der Wunsch, Frieden und Harmonie für alle Menschen zu schaffen. Diese Hoffnung müssen wir wohl mit in das nächste Jahrhundert nehmen. Und vielleicht erfüllt sich dann ja die Vision der Friedensnobelpreisträgerin Bertha von Suttner. Sie hatte schon 1899 für unser Jahrhundert vorausgesagt, daß es nicht zu Ende gehen wird, ohne daß die Gesellschaft „den Krieg als legale Institution abgeschafft haben wird”.
Swantje Middeldorff





