In wenigen Monaten soll vor der britischen Küste das erste Meeresströmungskraftwerk den Betrieb aufnehmen.
Die Ozeane sind eine unerschöpfliche Energiequelle. So nutzt das französische Gezeitenkraftwerk von St. Malo am Ärmelkanal den Tidenhub, die Höhendifferenz zwischen Hoch- und Niedrigwasser, zur Stromgewinnung. Und ein europäisches Ingenieurteam plant, die Energie zu nutzen, die im hin und her fließenden Wasser der Gezeitenströme steckt. Bereits im kommenden Herbst soll die Pilotanlage des weltweit ersten kommerziell betriebenen Meeresströmungskraftwerks im Bristol Channel vor der Küste Cornwalls ans Netz gehen. Ziel ist es, Strom zu einem vergleichbaren Preis wie andere nachhaltige Energieträger zu liefern. Für das Projekt Seaflow haben sich unter der Federführung des englischen Ingenieurbüros IT Power der schwedische Pumpen- und Turbinenhersteller ITT Flyg, der britische Offshore-Bohrspezialist Seacore und das Institut für Elektrische Energietechnik der Universität Kassel zusammengetan. Die Kosten von fünf Millionen Mark teilen sich die Europäische Kommission und die britische Regierung. Tragender Bestandteil des Unterwasser-„Windrads” ist ein 45 Meter hoher und 2,5 Meter dicker Stahlpfeiler, der knapp 15 Meter tief im Meeresboden verankert wird. An seiner Spitze befindet sich das Betriebsgehäuse, das auch bei höchsten Pegelständen noch aus dem Wasser ragt. 10 Meter unter der Wasseroberfläche ist an dem Pfeiler ein vierblättriger Rotor von 15 Meter Durchmesser aufgehängt. Mit rund 8 Kilometer pro Stunde treibt der Wasserstrom die Rotorblätter an. 350 Kilowatt speist der Gezeitengenerator direkt ins englische Stromnetz ein. Um eine solche Leistung zu liefern, müßte sich ein Windrad an Land zehnmal schneller drehen oder dreimal längere Rotorblätter besitzen. Der Preis für den Unterwasserstrom liegt nach vorläufigen Berechnungen bei rund 17 Pfennig pro Kilowattstunde. Beim Bau der Anlage greifen die Ingenieure auf Materialien und eine Bohr- und Verankerungstechnik zurück, die sich bereits in der Offshore-Erdölförderung bewährt haben. Vorbilder gibt es auch für den Dauer-betrieb: „Es kann eine modifizierte Technik aus der Windenergie angewendet werden”, erklärt Jochen Bard, Seaflow-Projektleiter an der Universität Kassel, „und da gehört Deutschland zur Spitze.” Aus Kassel kommen der Rotor, die Steuerung und der Netzanschluss. Die Stromübergabe erfolgt im Betriebsgehäuse, das zur Warnung für den Schiffsverkehr grellrot bemalt und mit Blinklichtern und Radar-Reflektoren ausgerüstet ist. Hier sind auch die elektrischen Regelungseinheiten wetterfest untergebracht. Die kleine Schleuse im Betriebsgehäuse dient als Zugang für eventuelle Reparaturen. Die Seaflow-Betreiber rechnen für ihren Pfahlbau mit einer Standzeit von rund 20 Jahren. Meeresströmungskraftwerke bieten mehrere Vorteile: Sie machen keinen Lärm, der Geländeverbrauch ist minimal, sie verschandeln die Landschaft nicht und gefährden weder Tiere noch Pflanzen. Außerdem läßt sich das Verhalten der Gezeitenströme genau vorhersagen, und das Kraftwerk läuft stets gleichmäßig im Bereich der Grundlast. Extreme Energiespitzen wie bei Wellenkraftanlagen gibt es nicht. In einer Vorstudie fanden die Ingenieure in europäischen Küstengewässern über hundert potenzielle Standorte für Unterwassermühlen. Ihre Gesamtleistung läge bei rund 12500 Megawattstunden, das entspricht der Leistung von zehn Atomkraftwerken des Typs Biblis. Noch größere Potentiale sehen sie außerhalb Europas. „Die Meeresresource”, begeistert sich Peter Fraenkel von IT Power, „ist buchstäblich so groß wie die Ozeane.”
Niko Deussen





