Ein in Deutschland einmaliges Projekt ist am Ziel: Bürger und Experten suchten nach der Zukunft. Fünf Forschungsthemen werden den Wissenschaftlern aufgegeben.
„Auf erdnahen Planeten stehen ständige Forschungsstationen; der Mond dient als Ort zur Herstellung von Treib- und Rohstoffen; chemische Stoffe heben dauerhaft das Intelligenzniveau.” Kennen Sie das Zeitalter für das solches vorausgesagt wurde? Es ist unseres. Die Vorhersagen stammen aus einer Umfrage unter amerikanischen Wissenschaftlern aus dem Jahr 1966, veröffentlicht in dem Buch „50 Jahre Zukunft”. „Die meisten Voraussagen in der Vergangenheit haben sich nicht erfüllt”, meint Dr. Johannes Abele vom Institut für Geschichte der Technik und Technikwissenschaften an der Universität Dresden. Zahlreiche Wissenschaftshistoriker stimmen Abele zu, der auch Mitglied im Forschungsverbund Innovationskultur in Deutschland ist. Dennoch können es die Menschen nicht lassen, in den Innereien der Wissenschaft nach der Zukunft der Welt zu suchen. Konzerne wie Siemens, DaimlerChrysler oder Bayer gründen Abteilungen zu diesem Zweck, Universitäten eröffnen Institute für Innovationsforschung und Technologiefrüherkennung, und im Bundesforschungsministerium (BMBF) gibt es ein Referat, das rund sieben Millionen Euro im Jahr in die Innovations- und Technikanalyse steckt. Mit Neugier hat das nur am Rande zu tun. Auch in der Zukunft geht es vor allem ums Geld. Denn am Ende jeder Prognose steht die Frage: Wo investiert man die verfügbaren Mittel am besten? „Einen Kern von Wahrheit trägt jede Prognose”, differenziert Johannes Abele seine Aussage. Diesen zu finden – das ist die Herausforderung. „Die Zukunftsforschung hat dafür inzwischen ziemlich gute Instrumente zur Hand”, sagt Dr. Axel Zweck, Leiter der Abteilung Zukünftige Technologien Consulting des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI-ZTC). Dazu gehören: • Die Technologie-Früherkennung. Sie soll die Potenziale existierender und kommender Technologien für die Zukunft entdecken. Auf diese Weise erkannte das Technologiezentrum des VDI (VDI-TZ) die Nanotechnologie als eine der großen Hoffnungen. • Die Technologie-Bewertung. Sie ergänzt die Früherkennung und erfasst – soweit in der Vorausschau möglich – die Chancen und Risiken einer neuen Entwicklung. • Das Foresight. Hier wird die mögliche Zukunft über Umfragen und Diskussionen gesucht. Dabei werden auch gesellschaftliche Entwicklungen berücksichtigt. Die Delphi-Studien sind ihr bekanntester Vertreter. Dafür wurden bislang vor allem Experten herangezogen, seit neuestem befragen die Foresight-Forscher auch die Gesellschaft. Genau diesen Gedanken setzt das Forschungsministerium seit Juli 2001 mit dem „Projekt Futur” um. Die grundlegende Idee: Eine breit angelegte Diskussion soll die Forschungsthemen herausfiltern, die den gesellschaftlichen Bedarf im Jahr 2020 widerspiegeln. Einen „Versuchsballon” nennt Dr. Kerstin Cuhls vom Fraunhofer-Institut für Systemtechnik und Innovationsforschung (ISI) und Mitglied des Futur-Teams das Vorhaben. Im Forschungsministerium dagegen wird Futur ungleich höher eingeschätzt. „Unser Ziel sind Leitvisionen, die in konkrete Förderprogramme umgesetzt werden können”, erläuterte Ministerin Edelgard Bulmahn zu Beginn des Projekts ihre Intentionen. Bis zu seinem Abschluss 2003 werden 5,3 Millionen Euro und viel Arbeitskraft in dieses Projekt geflossen sein. „Die neuen Themen wurden zunächst unabhängig von den existierenden Fachprogrammen des BMBF ausgearbeitet”, beteuert Kornelia Haugg, die zuständige Referatsleiterin. Um diese Unabhängigkeit zu gewährleisten, brachte das Ministerium externe Experten und die engagierte Öffentlichkeit zu einem Forschungsdialog zusammen, der wechselweise auf Konferenzen, im Internet und in Workshops geführt wird. Die 1600 Beteiligten näherten sich der Zukunft aus zwei Richtungen. Eine Zeitschiene fing in der Gegenwart an: Hier beurteilten die Teilnehmer derzeitige Technologien, schrieben ihre Entwicklung fort und ermittelten so, was in Zukunft möglich sein könnte. Die andere Schiene begann in der Zukunft: Dazu entwarfen die Beteiligten eine wünschenswerte Lebenswelt für das Jahr 2020. Schließlich wurden beide Szenarien zur Deckung gebracht. Das soll die Forscher animieren, die Wünsche der Menschen im Jahr 2020 zu erfüllen. Ein großes Ziel. Die Wirklichkeit hinkt ein wenig hinterher. „Futur hat von der Idee her zwar durchaus einen Platz in der Forschungspolitik verdient”, sagt Hariolf Grupp, Initiator der ersten Delphi-Studie in Europa. Der Professor für Systemdynamik und Innovation am Karlsruher Institut für Wirtschaftspolitik und Wirtschaftsforschung bedauert: „Doch das Forschungsministerium hat bei der Umsetzung einiges in den Sand gesetzt.” Das Konzept hält Grupp nicht für schlüssig und die Zeit für viel zu kurz. „Die doppelte Laufzeit hätte ich für sinnvoll gehalten”, sagt auch Kerstin Cuhls vom Fraunhofer ISI. Das Institut wollte deshalb zunächst gar nicht in das Projekt einsteigen, denn „in dieser kurzen Zeit ist es kaum möglich, ein solches Unternehmen gut vorzubereiten”. Diese Hast mag der Grund sein, warum das Vorhaben bei der vergleichbar niedrigen Zahl von 1600 Beteiligten hängen blieb. In Großbritannien wurden für eine ähnliche Studie 10000 Interessierte mobilisiert. Dabei hätte man dreimal so viel Zeit haben können – wenn der erste Anlauf bloß vom Fleck gekommen wäre. Er fand bereits 1999 statt, doch das Unternehmen Futur dümpelte ohne Schubkraft dahin. Das Ministerium erlag dem Irrtum, die Diskussionen nur über das Internet führen zu können. Die Teilnehmer verloren sich in den elektronischen Weiten. Dabei können Foresight-Verfahren durchaus erfolgreich sein, wie vor allem Japan zeigt. Als einzige Nation beschäftigt sich das Land seit 30 Jahren kontinuierlich mit Voraussagen zu technologischen Entwicklungen und gab dafür vergangenes Jahr 8,3 Millionen Euro aus. Das Geld scheint gut angelegt zu sein: Mehr als die Hälfte der Vorhersagen aus der ersten Umfrage von 1971 trafen zu. Die Vorbehalte: Bastelt man da nicht lediglich „Selffulfilling Prophecies”? Denn was zuerst vorhergesagt und dann gezielt gefördert wird, ist irgendwann folgerichtig Wirklichkeit. Experte Hariolf Grupp lächelt: „Das ist ja gerade der Sinn.” Sich selbst erfüllende Prophezeiungen bedeuteten schließlich nichts anderes, als dass man den Lauf der Dinge eben doch gelenkt hat – und damit ein Ziel von Zukunftsprognosen erreicht. Das Manko der japanischen Umfragen und anderer Foresight-Studien liegt an anderer Stelle: Bislang wurde dabei nie gefragt, ob die Gesellschaft mit den Dingen leben will, nach denen die Experten forschen wollen. „Doch gerade das wird immer wichtiger. Nicht nur in der Diskussion über Gentechnologie und in der Ethikdebatte muss die Gesellschaft eine entscheidende Rolle spielen”, sagt Technologie-Experte Axel Zweck vom VDI. Deshalb setzte das Forschungsministerium mit Futur auf Partizipation. „Es ist weltweit das erste Foresight-Projekt mit solch einer breit gefächerten Beteiligung”, betont die BMBF-Verantwortliche Kornelia Haugg. Niemand hatte so richtig Erfahrung mit diesem Instrument, und vielleicht ging deshalb einiges schief. Dennoch meint Prof. Rolf Kreibich, Leiter des Instituts für Zukunftsstudien und Technologiebewertung (IZT) und einer der wissenschaftlichen Begleiter des Projekts: „Futur hat die Kriterien für die Vergabe von Forschungsvorhaben transparenter gemacht als jemals zuvor.” Er spricht von „einem Stück Demokratie in der Wissenschaft”. Früher schrieben die Orakelschauer die technologische Entwicklung fort, (über)betonten die Chancen und nahmen wenig Rücksicht auf eventuelle Risiken. Sie wurden genauso wie die gesellschaftliche Dynamik schlicht ausgeblendet. Beides soll jetzt in die Zukunftsprognosen einbezogen werden. Damit ist man in der Tat ein gutes Stück vorangekommen seit der kritiklosen Technikgläubigkeit früherer Tage. „Leitbilder der Gesellschaft waren lange Zeit immer an den technischen Fortschritt gebunden. Ihm wurde die Kraft zugesprochen, eine ideale Gesellschaft zu schaffen”, meint Technikforscher Johannes Abele. Die Atom-Euphorie ist ein gutes Beispiel. Der Historiker Bernd Rusinek beschreibt die Erwartungen der fünfziger Jahre im Rückblick so: „Der Kernreaktor würde die Knappheit der Energie überwinden, die aller übrigen Knappheit in einer Volkswirtschaft vorausgeht, er würde das Wirtschaftswunder perpetuieren, soziale Fragen lösen helfen, Kriege unwahrscheinlicher machen.” Nicht nur die Vergangenheit gebar derlei falsche Hoffnungen. Ein ähnliches Schicksal erlitten die überzogenen Erwartungen, die Ende der neunziger Jahre in das E-Business gesetzt wurden. Und es erhebt sich die Frage, ob nun die unisono gepriesenen Lebenswissenschaften vor einer ähnlichen Nicht- Zukunft stehen. „ Wissenschaft macht keine Zukunft”, sagt Delphi-Initiator Grupp, „ sondern die Menschen tun es, und die sind unberechenbar.” Erfrischend oft werden Prognosen so zu Makulatur – kürzlich geschehen mit dem Ausstieg aus der Atomenergie. Für Grupp sind bei Foresight-Verfahren deshalb gar nicht so sehr die entstandenen Zukunftsszenarien entscheidend. Viel wichtiger ist ihm der Prozess an sich – der nämlich zündet den wichtigsten Innovationsmotor: die Interdisziplinarität. Die meisten Erfindungen entstehen, wenn vorhandenes Wissen neu zusammengesetzt wird. Nichts anderes hatte Apple gemacht, als die unbekümmerte Garagenfirma 1976 den ersten PC auf den Markt brachte, während Unternehmen wie Siemens und IBM weiterhin an der vermeintlichen Zukunft der Großrechner bastelten. Um den Faktor Mensch genau wie die Sichtweisen verschiedener Disziplinen mit einzubeziehen, diskutierten bei Futur Theaterintendanten mit Chemikern, Science-Fiction-Autoren mit Astrophysikern, Philosophen mit Neurologen, Sozialwissenschaftler mit Unternehmern. „Am Ende hängt es natürlich immer an den Experten”, meint Kerstin Cuhls vom Fraunhofer ISI. „Aber wir haben im Vorfeld sichergestellt, dass sich nicht nur die üblichen Einschätzungen wiederfinden, sondern auch die Meinungen von Querdenkern und der informierten Öffentlichkeit eingehen.” Die so entstandenen Themenbereiche – 60 waren es nach der ersten Runde – wurden konkretisiert, nach Machbarkeit und Wünschenswertem überprüft und in der Folge immer weiter selektiert. Vier völlig unterschiedliche Gruppierungen befanden über die Auswahl der Themen. In nur einer waren die Fachabteilungen des BMBF vertreten. In einer weiteren saßen die Deutsche Forschungsgemeinschaft und die Max-Planck-Gesellschaft – und teilten sich ihr Votum mit Wirtschaftsvertretern, dem Deutschen Gewerkschaftsbund und Nichtregierungsorganisationen. Die beiden anderen Voten stammten von den 1600 Beteiligten und externen Beratungsbüros. Kein Interessenverband dominierte die Szene. Am Ende blieben fünf Forschungsvorhaben im Sieb liegen (siehe Kasten rechts „Fünf kamen durch”). Fünf Probleme für das Jahr 2020. Ist das alles? Kerstin Cuhls hat Bauchschmerzen, wenn sie daran denkt: „Eine derart geringe Bandbreite bedeutet leider oft die Fortführung des Status quo.” Keine der übrigen Ideen ist endgültig herausgefallen. Sie sollen nach den Plänen des BMBF nach und nach aufgearbeitet und in späteren Schritten umgesetzt werden – als Erste die sieben unterlegenen der Schlussauswahl. „ Dafür brauchen wir jedoch einen kontinuierlichen Prozess”, sagt Ministeriums-Koordinatorin Kornelia Haugg. „Leider werden Projekte oft nur einmal durchgeführt. Die Chance, aus den Anlaufschwierigkeiten zu lernen, gibt es selten.” Auch aus einem anderen Grund wäre eine Fortsetzung des Projekts Futur wichtig: „ Nur so können wir den Zeitgeist heraushalten”, sagt Kerstin Cuhls vom Fraunhofer ISI. Ob Futur tatsächlich fortgesetzt wird, ist derzeit fraglich. Cuhls schätzt die Chancen dafür auf 50 zu 50. Im Herbst will das Forschungsministerium einen Abschlussbericht vorlegen. Auch wenn er positiv ausfällt – im September ist Bundestagswahl, dann entscheiden nicht mehr 1600 Menschen, sondern Millionen über ihre Zukunft. Keineswegs klar ist außerdem, ob die Teilnehmer sich weiterhin zur Verfügung stellen werden. „Futur hat viel verbrannte Erde hinterlassen”, befürchtet Foresight-Experte Grupp. „Foresight-Verfahren könnten auf Jahre hinaus in Deutschland diskreditiert sein.” Den entscheidenden Grund für ein Scheitern jedoch sehen viele Insider in den hinhaltenden Widerständen im Forschungsministerium selbst, aber auch in den deutschen Forschungsorganisationen und Universitäten. „Futur steht ja mit voller Absicht quer zu den heutigen Strukturen”, meint die Futur-Verantwortliche Haugg. Ob das Projekt diesem Druck standhält? Auffällig ist in diesem Zusammenhang, dass mindestens acht der zwölf Themen aus der letzten Vorauswahl sehr nah an bereits bestehenden Förderprogrammen des BMBF liegen. Das mag für die moderne Ausrichtung des Ministeriums sprechen. Dann stellt sich jedoch die Frage, wozu die insgesamt 5,3 Millionen Euro in Futur investiert wurden. „Man muss aufpassen, dass Organisationen Foresight-Prozesse nicht dazu missbrauchen, ihre bestehenden Programme zu legitimieren”, meint Cuhls. Sie ist allerdings überzeugt, dass „Futur einige Lücken aufgezeigt hat”. Ob sie geschlossen werden, liegt zum großen Teil daran, ob die Leitvisionen in Ausschreibun- gen münden, ohne vorher zerrieben zu werden. Und wenn das doch passiert? Dann bleibt immerhin die Erkenntnis, dass sich Foresight-Verfahren – richtig durchgeführt – durchaus als Entscheidungshilfen bei der Forschungsförderung eignen. Die Innereien der Wissenschaft sind eben doch aussagekräftiger als die eines Ziegenbocks. Fünf kamen durch Schneeballsysteme produzieren Lawinen. Ähnliches wollte das BMBF-Projekt Futur in der Gesellschaft lostreten, um die Forschungsthemen der Zukunft zu identifizieren. Zunächst sprachen die ministeriellen Organisatoren Experten an Universitäten, in Begabtenförderungsinstitutionen, Unternehmen und Nichtregierungsorganisationen an. Die so Aktivierten konnten weitere Teilnehmer benennen. Schließlich beteiligten sich 1600 Interessierte am Projekt. Gestartet wurde Futur im Sommer 2001 in neun Workshops, auf denen im freien Gedankenaustausch hunderte von Ideen entstanden. Die Futur-Organisatoren sortierten und verdichteten die Anregungen, aus denen sich so 60 Themenbereiche ergaben. Aus ihnen pickten alle Teilnehmer auf einer großen Konferenz und über Online-Diskussionen sowie Workshops schrittweise zwölf heraus. Es wurden Gruppen gebildet, die diese zwölf Themen konkretisierten. Eine weitere umfassende Gesprächsrunde filterte die geeignetsten heraus. Fünf Themen blieben schließlich übrig: Lernort Deutschland Dem Thema liegt das Konzept des „lebenslangen Lernens” zugrunde. Im Zentrum der weiteren Behandlung soll vor allem der offene Zugang zu Lernwelten sowie Fragen der Lernorganisation und -kultur stehen. Vernetzte Welten Schwerpunkt dieses Themas (Vernetzung des beruflichen, privaten und öffentlichen Umfeldes) sollen „ personalisierte Interaktionswelten” sein. Dabei geht es um soziale und technische Prozesse und Technologien, die den Wandel zu einer vernetzten Welt im Sinne einer selbstbestimmten und offenen Gesellschaft gestalten. Hybride Intelligenz, also die Verbindung von sozialen und technischen Netzen, soll dabei hervorgehoben werden. Umgang mit Wissen Untersuchungsgegenstand bei diesem Fokusthema sind Organisationsmodelle – sowohl auf technisch-naturwissenschaftlicher wie auf gesellschaftlicher Ebene – für die Generierung, Bewahrung, Lagerung, Verteilung, Aktualisierung und Nutzung von Wissen. Medizin und Gesundheit Dieses Thema soll das Innovationsfeld „Kostengünstige Gesundheit bis ins hohe Alter” vorantreiben, dessen Schwerpunkt im Bereich Prävention liegt. Neu an diesem Ansatz: Das Thema Prävention wird in ein System integriert. Intelligente Prozesse Im Fokus steht die Erforschung von intelligenten Prozessnetzen und Prozessketten, etwa im Bereich der Produktentwicklung oder bei Entscheidungsprozessen. Aus diesen „Big Five” werden die Leitvisionen erarbeitet, die in diesem Monat veröffentlicht werden. Aus denen entstehen schließlich die Projekt-Ausschreibungen. Ende des Jahres könnten die ersten veröffentlicht werden.
Robert Thielicke





