Eine Stellungnahme zu Finanzlage und Qualität der Wissenschaftler der Max-Planck-Gesellschaft, der deutschen Institution für Spitzenforschung.
Prof. Dr. Peter Gruss ist seit Juni 2002 Präsident der 1948 gegründeten Max-Planck-Gesellschaft mit Sitz in München. Gruss (Jahrgang 1949) stammt aus Alsfeld in Hessen und wurde bereits im Alter von 33 Jahren Professor für Mikrobiologie an der Universität Heidelberg. Seit 1986 steht er in Diensten der Max-Panck- Gesellschaft – damals berufen zum Leiter der Abteilung Molekulare Zellbiologie am Institut für Biophysikalische Chemie in Göttingen. Gruss hat sich in der wissenschaftlichen Community einen ausgezeichneten Ruf erworben und wurde 1999 für seine Arbeiten – die neue Therapiemöglichkeiten bei Diabetes verheißen – zusammen mit Herbert Jäckle von Bundespräsident Johannes Rau mit dem Deutschen Zukunftspreis geehrt.
bild der wissenschaft: Welche Perspektiven sehen Sie für die Max-Planck- Gesellschaft angesichts der Sparmaßnahmen, die uns in Deutschland überall heimsuchen, Herr Prof. Gruss? Gruss: Die gegenwärtige Mittelvergabe sehe ich mit einem lachenden und einem weinenden Auge. In diesem Jahr sollen die institutionellen Etats um drei Prozent steigen. Schon dieser bescheidene Zuwachs lässt ein Auge lachen, weil wir von einer weiteren linearen Kürzung verschont bleiben, wie wir sie 2003 hinnehmen mussten.
bdw: Und warum weint ein Auge? Gruss: Tatsächlich wird unser komplettes Forschungsbudget aus institutioneller Förderung, aus Dritt- und Projektmitteln wohl insgesamt nicht um jene drei Prozent erhöht werden können, die der Bundeskanzler zugesagt hatte. Sondern diese drei Prozent finanziert Forschungsministerin Edelgard Bulmahn aus ihrem Haushalt. Das kann sie nur, wenn Geld umgeschichtet wird. Diese Umschichtung wird dazu führen, dass die Förderung konkreter Projekte beträchtlich reduziert werden muss. 2002 hatte die Max-Planck-Gesellschaft rund 60 Millionen Euro Projektfördermittel. Sie machten fünf Prozent des Gesamthaushalts von 1,2 Milliarden Euro aus.
bdw: Gespart wird überall. Ist es wirklich so schlimm, wenn Deutschland angesichts der Last der Wiedervereinigung nur 2,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Forschung ausgibt? Gruss: Max-Planck-Institute müssen sich mit den weltbesten Instituten messen lassen, die sehr oft in den USA beheimatet sind. Wenn man sich die Zuwächse ansieht, die US-Institutionen bekommen, wird man neidisch. So lagen die Budget-Zuwächse des weltführenden Forschungszentrums für Gesundheit, NIH, in jedem der letzten fünf Jahre höher als die Etats der Max-Planck-Gesellschaft und der Deutschen Forschungsgemeinschaft zusammen.
bdw: Der jährliche Budgetzuwachs der National Institutes of Health beziffert sich auf über zwei Milliarden Euro? Gruss: Im Zeitraum 1998 bis 2002 war das in der Tat der Fall. Konkret heißt das: Wer hier mithalten will, muss ähnlichen finanziellen Aufwand betreiben. Eine solche Aufwendung hat auch etwas mit der Zukunftsfähigkeit eines Landes zu tun. Wenn wir in Deutschland die gegenwärtigen wirtschaftlichen Probleme überwinden wollen, geht das nur mit neuer Kraft, Innovationen und neuen Produkten. Wo soll diese Kraft herkommen, wenn nicht aus unseren Köpfen? Die Skandinavier haben dies genauso wie die Japaner erkannt und investieren über drei Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts in Forschung und Entwicklung.
bdw: Auf wessen Kosten soll das deutsche Forschungsbudget wachsen? Gruss: Steuergelder so zu verteilen, dass die Zukunft unseres Landes gesichert wird, ist die vornehmste Aufgabe der Politik. Da mische ich mich nicht ein. Doch es gibt weitere Ansätze. So schlug Ernst Welteke, der Präsident der Bundesbank, vor kurzem vor, die staatlichen Goldreserven zu verkaufen und einen Fonds zur Förderung von Bildung und Forschung aufzulegen.
bdw: Zwei Drittel der Ausgaben für Forschung und Entwicklung kommen aus der Privatwirtschaft: Dennoch sind bei uns viele der Auffassung, Forschungsmittel bereitzustellen, sei primär Aufgabe des Staates. Gruss: Diese Einstellung resultiert nicht zuletzt aus den hohen Steuerlasten, die wir hier haben. In den USA herrscht dagegen die Mentalität vor, dass man dem Land beziehungsweise einer Bildungs- und Forschungsorganisation etwas von dem Geld zurückgeben sollte, das man durch eine gute Ausbildung verdienen konnte. Nehmen Sie die Harvard University, die bis 2010 aus eigenen Mitteln drei Milliarden Dollar aufwenden wird, um ein Life Science Center aufzubauen. Beinahe nebenher entsteht dort noch ein McGovern Center für Hirnforschung, das von Patrick J. McGovern junior und seiner Frau Lore Harp McGovern mit 350 Millionen Dollar ausgestattet wurde. Von solchen aus privaten Mitteln finanzierten Einrichtungen können wir nur träumen.
bdw: Inzwischen gibt es auch hier Forschungseinrichtungen, die aufgrund privater Mittel entstanden sind. Gruss: Solche Gründungen sind ehrenwert. Hier kann die Max-Planck-Gesellschaft viel tun. Wir garantieren privaten Stiftern, dass ihre Gelder bei uns auch namentlich mit einem Projekt assoziiert werden. Und – was viel wichtiger ist – wir garantieren, dass das Geld bei uns in exzellente Forschung fließt. Das ist bei privaten Neugründungen nicht immer der Fall.
bdw: Kreativität bei der Organisation von Forschung könnte einen Teil des fehlenden Budgets wettmachen… Gruss:…die Max-Planck-Gesellschaft ist eine kreative, lernende Organisation. Uns zeichnet ein großer Freiraum der Wissenschaftsgestaltung in den Instituten aus. Das ist ein Vorteil, und das wissen auch gute ausländische Forscher zu schätzen, die bei uns arbeiten und eben nicht in den USA. Trotzdem versuchen wir, uns kosteneffizienter zu strukturieren. So arbeiten wir auf der Ebene von Bibliotheken oder Werkstätten an lokalen Synergien. Direkt nach meinem Amtsantritt im Juni 2002 haben wir überdies die Münchner Runde eingerichtet, zu der sich alle geschäftsführenden Direktoren und Verwaltungsleiter der Institute treffen. Ziel ist eine effizientere Zusammenarbeit unter Beibehalt der wissenschaftlichen Autonomie.
bdw: Schicken Sie Ihre Wissenschaftler auf Seminare, um den Workflow zu optimieren? Gruss: Natürlich haben wir Managementkurse für die Leitungsebene und weitere Fortbildungsseminare für die verschiedenen Bereiche im Angebot. Kürzlich haben wir im Rahmen eines Doktorandentreffens ein Programm angeboten, das sich über das Schreiben wissenschaftlicher Paper und Förderungsanträge bis hin zu gutem Management erstreckte. Gut ist, wenn man solche Kurse besucht, ehe man ein eigenes Labor verantwortet, denn dann bleibt dafür kaum noch Zeit.
bdw: Kommen wir zurück auf Ihre Spitzenforscher. Wie bewerten Sie denn Ihre jüngsten Berufungen angesichts der eben angesprochenen Probleme? Gruss: In den anderthalb Jahren, seit ich im Amt bin, konnten wir unsere Spitzenpositionen immer mit Wissenschaftlern besetzen, die zu den besten der Welt gehören. So haben wir sehr gute Forscher aus den USA berufen, um die uns andere Forschungseinrichtungen beneiden.
bdw: Spielt der Euro-Kurs, der gegenüber dem Dollar stark gestiegen ist, dabei eine Rolle? Schließlich bekommen US-Forscher hier aufgrund veränderter Währungsparitäten jetzt etwa ein Drittel mehr als noch vor zwei Jahren. Gruss: Das ist nicht das wesentliche Kriterium. Bisher war bei Berufungsverhandlungen von internationalen Spitzenkräften die mangelnde Flexibilität des deutschen Besoldungssystems das Hauptproblem. Ab 2004 wird das besser, weil wir unseren Spitzenwissenschaftlern leistungsbezogen höhere Gehälter bezahlen können. Wenn ich Spitzenkräften mehr bezahle, sollten allerdings auch Spitzenmitarbeiter im akademischen Mittelbau angehoben werden. Denn wir müssen in der Lage sein, den Allerbesten im Mittelbau ein Bleiben an den Instituten zu ermöglichen. Gegenwärtig ist die Bezahlung in der Industrie ungleich besser, weshalb uns viele hervorragende Nachwuchswissenschaftler verlassen.
bdw: Spielt die Fremdenfeindlichkeit mancher Deutscher bei den Berufungsgesprächen eine Rolle? Gruss: Nur selten. Ansonsten hätten wir sicher nicht die Hälfte aller in den neuen Bundesländern berufenen Direktoren aus dem Ausland gewonnen.
bdw: Was zeichnet Ihre jüngeren Spitzenforscherinnen und -forscher aus? Gruss: Ich denke, dass man sich in den zurückliegenden 20 Jahren in der Art und Weise, wie Forschung betrieben wird, sehr dem amerikanischen System angenähert hat. Die meisten unserer jüngeren Mitarbeiter haben in den USA geforscht und gute Dinge mit nach Deutschland gebracht.
bdw: Wenn der US-Forschungsansatz die internationale Forschung so dominiert, ist es dann für Jungforscher überhaupt sinnvoll, den notwendigen Auslandsaufenthalt anderswo als in den USA zu absolvieren? Gruss: In der Tat gehen die meisten jungen Forscher in die USA. Doch es gibt auch in anderen Ländern Spitzenlabors, die sich für einen Forschungsaufenthalt im Ausland sehr gut eignen.
bdw: Viele gute amerikanische Forscher nehmen in der Öffentlichkeit kein Blatt vor den Mund und werden so zu öffentlichen Stars. In Deutschland agieren Forscher vor breitem Publikum eher zurückhaltend. Offenbar hat man in diesem Feld nicht genug gelernt von den USA. Gruss: Wir haben diese Stars. Allein acht der zehn in Deutschland lebenden Nobelpreisträger in den Naturwissenschaften arbeiten in der Max-Planck-Gesellschaft.
bdw: Mit dem Makel, dass die Max-Planck-Gesellschaft seit 1995 leer ausgegangen ist. Gruss: Bei dem uns zur Verfügung stehenden Budget und mit unseren vergleichsweise wenigen Wissenschaftlichen Mitgliedern können wir nicht am laufenden Band Nobelpreisträger produzieren. Max-Planck-Wissenschaftler publizieren aber ein Drittel aller Arbeiten aus Deutschland, die in den international führenden wissenschaftlichen Fachzeitschriften erscheinen. 35 Max-Planck-Forscher gehören laut dem Institute of Scientific Information zu den 88 am meisten zitierten Wissenschaftlern, die in Deutschland arbeiten. Wenn Sie also die wissenschaftliche Community befragen, hören Sie stets, dass wir die Stars haben.
bdw: Mein Einwand zielte auf die Wirkung Ihrer Forscher in Richtung Öffentlichkeit. Gruss: Dieses Problem können wir nur gemeinsam mit den Medien lösen. Dazu müssen wir zunächst in den Köpfen der Deutschen etwas verändern. So wichtig Fußball oder der Formel1-Sport in der Öffentlichkeit auch sind: Wenn wir künftig Wohlstand haben wollen, müssen alle den Wert der Forschung mehr schätzen lernen. Zugegeben, die Medien haben sich unseren Themen in den letzten Jahren geöffnet. Wissenssendungen gibt es im Fernsehen deutlich mehr. Insofern sind wir auf dem richtigen Weg. Und Experten, die sich medienwirksam präsentieren können, haben wir sehr wohl. Das müssen ja nicht immer die Direktoren sein. Ich glaube, dass wir viel Potenzial haben, das von den Medien einfach noch nicht erschlossen ist. Möglicherweise muss auch die Journalistenausbildung verändert werden: Indem man beispielsweise ein duales System einführt, das den Absolventen einerseits als guten Journalisten und andererseits als einen ordentlichen Fachwissenschaftler qualifiziert.
bdw: Wie steht die Max-Planck-Gesellschaft in den neuen Bundesländern da? Gruss: Unser Aufbau Ost ist eine Erfolgsstory. Mit Bedacht haben wir uns nicht dazu entschlossen, möglichst viele der ehemaligen DDR-Institute zu übernehmen, sondern erst einmal innovative Themenstellungen entwickelt, für deren Bearbeitung wir anschließend eigene Institute aufgebaut haben. Dies hat natürlich seine Zeit gebraucht. Von der Politik sind wir gelegentlich kritisiert worden, weil es nicht schnell genug ging. 2003 haben wir unseren Aufbau Ost zum Abschluss gebracht. Jetzt haben wir dort 18 moderne Institute, ein Teilinstitut und eine Forschungsstelle. Insgesamt arbeiten dort knapp 70 wissenschaftliche Direktoren mit über 4000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Einige Institute sind bereits jetzt internationale Leuchttürme: auf absolut höchstem Niveau, weltweit bekannt.
bdw: An manchen Instituten wie dem MPI für Demografie in Rostock sind die ausländischen Spitzenforscher nicht in der Lage, ihre Arbeit auf Deutsch vorzustellen. Das führt bei der Bevölkerung zu Identifikationsproblemen. Gruss: Die Wissenschaftssprache ist Englisch. Die Zeiten, in denen man Deutsch in der Wissenschaft sprach, sind endgültig vorbei. Wenn wir darauf beharren würden, kämen die Besten nicht zu uns. In einem Punkt stimme ich Ihnen dennoch zu: Man muss an jedem Institut Wissenschaftler haben, die die Forschung der Bevölkerung verständlich machen können. Doch auch dies müssen nicht unbedingt die Direktoren sein.
bdw: Ein Viertel ihrer Präsidentschaft von insgesamt sechs Jahren ist vorbei. Was ist Ihr Resümee dieser Zeit? Gruss: Das erste Jahr ist völlig anders gelaufen, als ich dachte. Die Mittelkürzungen haben mich sehr stark in Anspruch genommen. Positiv dabei ist für mich, dass es gelungen ist, die Kürzungen den Kollegen in einem transparenten Verfahren zu vermitteln. Natürlich habe ich dafür keinen Applaus bekommen, doch die Umsetzung hat in relativer Ruhe stattgefunden, getragen von Solidarität. Das zeigt, wie man in der Max-Planck- Gesellschaft auch in Zeiten der Knappheit zusammensteht. Dabei haben wir die wissenschaftliche Weiterentwicklung – das eigentlich Spannende an meinem Posten – nicht vernachlässigt. Das war für mich eine besonders positive Erfahrung.
bdw: Was sind Schwerpunkte ihres Wochenarbeitsplans? Gruss: Repräsentations- und Verwaltungsaufgaben sind wichtig und nehmen einen guten Teil meiner Zeit in Anspruch. Die meiste Zeit verbringe ich aber in Sitzungen, mit Politikern, mit Wissenschaftlern, um den Wert unserer Forschung – auch im Sinne der Ausgestaltung neuer Themen – nach innen und außen zu vermitteln.
bdw: Sie sind ein Autofan und verrieten im bdw-Porträt 2002, dass Sie den Z8 von BMW oder den 911 von Porsche schätzen. Einen bdw-Leser hat dieses Bekenntnis nachdenklich gestimmt. Gruss: Auch ein Präsident der Max-Planck-Gesellschaft darf private Wünsche haben. Deshalb erneuere ich mein Bekenntnis: Ich würde gerne einen Z8 fahren.
bdw: Was fahren Sie als Dienstwagen? Gruss: Einen BMW.
Wolfgang Hess





