Bisher galt die Mimik als eine Art von Sprache, die allen Menschen gemeinsam ist: Freude, Überraschung, Angst, Ekel, Wut und Traurigkeit spiegeln sich in den Gesichtern der Welt stets in gleicher Weise wider, hieß es. Doch ein internationales Forscherteam stellt diese These nun infrage: Der systematische Vergleich der Mimik von Asiaten mit der von Europäern offenbarte Unterschiede in den Gesichtsbewegungen bei Emotionen.
Was ist genetisch festgelegt und was wird durch die Kultur geprägt? Diese Frage beschäftigt Forscher schon lange. Bereits Charles Darwin nannte in diesem Zusammenhang den Gesichtsausdruck als ein Beispiel einer angeborenen Verhaltensweise, die bei allen Menschen gleich sei. Doch wie sich nun zeigt, ist dieser Grundsatz nicht uneingeschränkt gültig, denn es gibt offenbar doch kulturbedingte Unterschiede, sagen die Forscher um Rachael Jack von der Universität in Glasgow. Frühere Studien hatten bereits darauf hingewiesen, dass sich die Interpretation von Mimik zwischen westlich geprägten Menschen und Asiaten unterscheidet. Um diesen Beobachtungen nun systematisch nachzugehen, entwarfen die Wissenschaftler Computermodelle kulturspezifischer Gesichtsausdrücke und verglichen sie miteinander.
Asiaten lassen mehr die Augen spielen
Für die Entwicklung der Computermodelle präsentierten die Forscher 15 Asiaten und 15 Europäern insgesamt 4.800 Animationen von zufallsgenerierten Gesichtsausdrücken. Die Probanden sollten diesen Animationen einen Gefühlsausdruck, wie beispielsweise Freude oder Wut, zuordnen und auch die vermittelte Intensität der Emotion auf einer Skala von eins bis fünf einstufen. Aus diesen Beurteilungen entwickelten die Forscher dann Animationen von durchschnittlichen Gesichtsausdrücken, die Asiaten typischerweise als Freude, Überraschung, Angst, Ekel, Wut und Traurigkeit interpretieren. Das gleiche machten Rachael Jack und seine Kollegen mit den Test-Ergebnissen der europäischen Probanden.
Dieses Video zeigt den Vergleich der computergenerierten und kulturspezfischen Gesichtsanimationen. Credit: Rachael Jack et al. , PNAS
Der Vergleich der typisch asiatischen Gesichtsbewegungen bei einer bestimmten Emotion mit denen der Europäer offenbarte deutliche Unterscheide, berichten die Forscher. Asiaten spielen demzufolge mehr mit ihren Augen, vor allem wenn sie Freude, Angst, Ekel oder Wut ausdrücken. Die Augen der Europäer verändern sich dabei vergleichsweise wenig, dafür zeigen aber der Mund und weitere Gesichtspartien bei diesen Emotionen ein intensiveres Minenspiel, ergaben die Auswertungen. In diesen Ergebnissen sehen Rachael Jack und ihre Kollegen nun den Nachweis, dass die Mimik des Menschen nicht ausschließlich eine angeborene Verhaltensweise ist, sondern zusätzlich vom kulturellen Umfeld geprägt wird.
Rachael Jack (Universität in Glasgow) et al.: PNAS, doi:10.1073/pnas.1200155109 © wissenschaft.de ? Martin Vieweg





