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Übertragbare Krebsart bei Fischen entdeckt
Gesundheit & Medizin

Übertragbare Krebsart bei Fischen entdeckt

Ein großes Melanom bedeckt den Hals dieses Katzenwelses. Wie eine Studie nun zeigt, ist diese Krebsart von Fisch zu Fisch übertragbar. · Foto: © Vermont Fish & Wildlife

Krebs entsteht normalerweise durch eine Anhäufung individueller Mutationen und ist nicht ansteckend. Doch bei Katzenwelsen im nordamerikanischen Lake Memphremagog breiten sich Melanome aus wie Parasiten. Eine Studie zeigt, dass der Krebs von Fisch zu Fisch übertragen wird – mit ungewissen ökologischen Auswirkungen. Für Menschen besteht nach Angaben des Forschungsteams jedoch keine Gefahr.
Autor
Elena Bernard
23. Juli 2026
Lesezeit
4 Minuten
Rubrik
Gesundheit & Medizin

Fast jeder dritte Katzenwels (Ameiurus nebulosus) im Lake Memphremagog an der Grenze zwischen Vermont und Quebec leidet an einer auffälligen Erkrankung: Wie Angler und Biologen seit 2012 beobachten, breiten sich große schwarze, erhabene Flecken über den Körper der betroffenen Tiere aus. Aber was löst diese Hautveränderungen aus? „Zunächst dachten wir, diese Krankheit könnte durch ein Virus verursacht sein, aber diese Vermutung hat sich nicht bestätigt“, berichtet Julie Dragon, von der University of Vermont.

Stattdessen stellte sich heraus, dass es sich um Melanome handelte, also schwarzen Hautkrebs. „Das war überraschend“, sagt Dragon. „Wir wollten wissen, wie ein am Gewässergrund lebender Fisch an einer Krebsart erkranken konnte, die wir normalerweise mit übermäßiger Sonneneinstrahlung in Verbindung bringen.“ Sorgten womöglich Giftstoffe im Wasser für das vermehrte Auftreten der Tumore? Immerhin gilt der Katzenwels als Indikator für die Umweltqualität.

Enge Verwandtschaft der Tumorzellen

Gemeinsam mit einem Team um Erstautorin Emily Curd ist Dragon den Ursprüngen der rätselhaften Melanome nun auf den Grund gegangen. Dazu untersuchten die Forschenden das Genom der Katzenwelse und ihrer Tumore. Das überraschende Ergebnis: Anders als erwartet waren die Melanome nicht aus den körpereigenen Zellen der jeweiligen Fische entstanden. Stattdessen waren die Krebszellen verschiedener Welse genetisch enger miteinander verwandt als mit ihrem Wirt. „Hunderttausende genetischer Varianten kommen in den Tumorproben gemeinsam vor, fehlen jedoch bei den Wirtsfischen, was das bei herkömmlichen Krebsarten beobachtete Ausmaß bei weitem übersteigt“, berichtet das Team.

Das deutet darauf hin, dass der Krebs nicht bei jedem Fisch individuell entsteht, sondern sich wie ein Parasit ausbreitet. Eine solche übertragbare Form von Krebs wurde bislang erst in drei weiteren Fällen dokumentiert: bei Tasmanischen Teufeln, deren Populationen durch übertragbare Tumore im Gesicht stark dezimiert wurden, bei Hunden, die sich in seltenen Fällen mit einem Tumor infizieren können, der sich auf Schleimhäuten ausbreitet, sowie bei verschiedenen Arten von Muscheln, bei denen eine leukämieartige übertragbare Erkrankung vorkommt.

Welche Rolle spielen Schadstoffe?

Wie genau sich die Katzenwelse mit den Melanomen anstecken, ist noch nicht vollständig geklärt. Da bisherigen Beobachtungen zufolge nur geschlechtsreife Tiere betroffen sind, wäre es laut Curd und ihrem Team denkbar, dass sich die Fische anstecken, wenn sie sich beim Laichen dicht in flachem Wasser zusammendrängen und dabei die Tumoren von Artgenossen berühren. Möglich wäre zudem, dass sich Krebszellen im Sediment des Sees befinden, mit dem die am Grund lebenden Fische regelmäßig in Kontakt kommen. Umweltstress könnte das Immunsystem der Tiere schwächen und sie so anfälliger für eine Infektion machen.

Wasserqualitätsanalysen ergaben jedoch keine auffällig erhöhten Schadstoffwerte aus menschlichen Quellen. Allerdings stellte das Team fest, dass im Boden rings um den See hohe natürliche Arsenkonzentrationen vorliegen – ebenso wie in der Gegend weiterer Seen, in denen ebenfalls Katzenwelse mit Melanomen beobachtet wurden. Auch die Tumorzellen der Fische wiesen erhöhte Arsenwerte auf. Aus Sicht der Forschenden könnte der bekanntermaßen karzinogene Giftstoff demnach eine Rolle bei der Entstehung der Krebserkrankung spielen.

Auf der Suche nach den Ursprüngen

Die ökologischen Auswirkungen der übertragbaren Melanome sind laut Curt und ihrem Team noch ungewiss. Bisherige Beobachtungen legen nahe, dass die erkrankten Fische auch mit den Tumoren noch mehrere Jahre überleben können. Wie die Erkrankung allerdings langfristig auf die Populationen auswirkt, ist unklar. Da die Krebszellen auf Katzenwelse spezialisiert sind, besteht nach bisherigen Erkenntnissen keine Gefahr für andere Arten – auch nicht für die mehr als 175.000 Menschen, die ihr Trinkwasser aus dem Lake Memphremagog beziehen.

In zukünftigen Studien möchte das Forschungsteam der Frage nachgehen, wie lange die übertragbaren Melanome der Katzenwelse schon existieren. Die ersten dokumentierten Beobachtungen könnten bereits aus dem Jahr 1852 stammen. Damals berichtete der amerikanische Schriftsteller Henry David Thoreau in seinen Tagebüchern davon, in Massachusetts mehrfach Welse mit krankhaften großen schwarzen Flecken gesehen zu haben.

Ansteckende Krebsarten häufiger als gedacht?

Dragon vermutet, dass es zahlreiche weitere Beispiele übertragbarer Krebserkrankungen geben könnte, die bislang übersehen wurden. „Es könnte sein, dass übertragbare Krebserkrankungen gar nicht so selten sind wie gedacht. Möglicherweise sehen wir viele Fälle einfach nicht, weil wir nicht danach suchen.“ Diese Forschungslücke möchte die Forscherin mit ihrem Team in Zukunft füllen – und damit auch Einblicke in die Krebsbiologie gewinnen.

„Indem wir untersuchen, wie Krebserkrankungen außerhalb ihres ursprünglichen Wirts überleben und sich ausbreiten, können wir viel darüber lernen, was Krebserkrankungen in Schach hält – und was passiert, wenn diese Grenzen zusammenbrechen“, sagt Dragon. „Diese Fische bieten die Gelegenheit, die Evolution von Krebs zu erforschen.“

Quelle: Emily Curt (University of Vermont, Burlington, USA) et al., Nature, doi: 10.1038/s41586-026-10828-6

AnsteckungArsenFischHautkrebsKrebsMelanomTumor
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