Im Schwebeflug schwirren sie von Blüte zu Blüte und tanken mit ihren langen Schnäbeln Nektar: Die Kolibris sind für ihre erstaunliche Fortbewegungs- und Ernährungsweise berühmt. Außerdem hat diese artenreiche Vogelfamilie die kleinsten gefiederten Wesen der Welt zu bieten: Die nur bis zu etwa zwei Gramm schwere Bienenelfe gilt dabei als der Rekord-Winzling. Das andere Ende der Skala bilden mit bis zu etwa 30 Gramm die Riesenkolibris. Neben ihrer Größe galt ein weiterer Aspekt dieser Vögel bisher als ungewöhnlich: ihr scheinbar enorm großes Verbreitungsgebiet in der Andenregion. Denn Riesenkolibris kommen dort in unterschiedlichen Breitengraden sowie in sehr verschiedenen Höhenlagen vor.
Reisenden Riesenkolibris auf der Spur
Diesen besonderen Vertretern der berühmten Vogelfamilie haben nun die Forschenden um Jessie Williamson von der Cornell University in Ithaca eine genauere Untersuchung gewidmet. Zunächst bestand ihr Forschungsziel darin, das mysteriöse Zugverhalten der Riesenkolibris aufzuklären, die im Sommer an der Pazifikküste Zentralchiles leben. Denn wohin die Vögel dieser Region im Winter verschwinden, war bisher unklar. Um dem Migrationsverhalten auf die Spur zu kommen, rüsteten die Forschenden acht Exemplare dieser Population mit speziell entwickelten Minisendern aus, die eine Fernlokalisierung via Satellitenbeobachtung ermöglichten.
So konnte das Team dokumentieren, dass die Riesenkolibris Zentralchiles jedes Jahr in mildere Gefilde in den mehr Äquator-nahen Bereichen der nördlichen Andenregion ziehen. Sie überwintern dann Seite an Seite mit Riesenkolibris, die dort das ganze Jahr über bleiben. Deswegen ist bisher nicht aufgefallen, dass sich die reiselustigen Vertreter unter sie mischen, sagen die Forschenden. Sie konnten auch dokumentieren, welch erstaunlich weite Strecken und Höhenunterschiede die ziehenden Riesenkolibris überwinden: Unterm Strich legen sie bei ihren jährlichen Rundreisen mehr als 8300 Kilometer zurück. In einem dreiwöchigen Zeitraum der Reise meistern sie dabei auch einen Höhenunterschied von etwa 4100 Metern. Aus den Daten der Lokalisierungsgeräte ging in diesem Zusammenhang hervor, dass die Vögel dazu charakteristische Pausen einlegen. Offenbar dient dies der Gewöhnung an die neuen Bedingungen – ähnlich wie Bergsteiger eine schubweise Akklimatisierung absolvieren, sagen die Forschenden.
Kryptische Artentwicklung aufgedeckt
Anschließend lotete das Team dann die genetische Vielfalt bei den Riesenkolibris aus. Denn es stellte sich die Frage, inwieweit sich die jährlich ziehenden Vögel von denjenigen unterscheiden, die das ganze Jahr über in ihrem nördlichen Reiseziel leben. Dazu gewannen und sequenzierten die Forschenden Erbgut von Exemplaren beider Kategorien und verglichen die Daten. So offenbarte sich schließlich: Obwohl sich die Vögel rein äußerlich kaum unterscheiden, sind die genetischen Unterschiede so groß, dass sie als zwei verschiedene Arten zu klassifizieren sind.





