Das Mittelmeer bekommt die globale Erwärmung besonders stark zu spüren. Das hat Folgen: Immer mehr ursprünglich tropische Tierarten wandern aus dem Indischen Ozean über das Rote Meer und den Suezkanal ins Mittelmeer ein und breiten sich dort aus – mit teils fatalen Folgen für die Artenvielfalt des Mittelmeeres. Schon jetzt haben sich tropische Bioinvasoren wie der giftige und räuberische Rotfeuerfisch sowie gefräßige pflanzenfressende Kaninchenfische (Siganus) rasant im Mittelmeer ausgebreitet.
Für den Schutz der heimischen Fauna, aber auch der bedrohten Seegraswiesen und ihrer Bewohner ist es daher wichtig, weitere Bioinvasoren möglichst frühzeitig zu erkennen.
Wer sind die nächsten Bioinvasoren?
Doch welche Fischarten sind die nächsten? Diese Frage haben nun Shahar Chaikin vom Nationalmuseum für Naturkunde in Madrid und seine Kollegen mithilfe eines neuen Ansatzes untersucht. Dafür analysierten sie das Verhalten und die biologischen Anforderungen von 126 Fischarten aus dem Roten Meer und 53 aus dem Mittelmeer, darunter neun Arten, die bereits eingewandert sind. Im Fokus standen dabei Lebensräume im östlichen Mittelmeer und im Norden des Roten Meeres.
„Indem wir bereits eingewanderte Spezies mit Nicht-Einwanderern aus derselben Umgebung vergleichen, können wir herausfinden, welche Merkmale Bioinvasoren kennzeichnen, bevor sie ihre Reise beginnen“, erklären die Forschenden. Dafür analysierten sie unter anderem die Häufigkeit und Habitate der Fische, ihre Temperaturvorlieben und die Breite ihres Nahrungsspektrums.
Welche Voranpassungen entscheidend sind
Die Auswertung ergab Überraschendes: Anders als angenommen sind die erfolgreichsten und wahrscheinlichsten Bioinvasoren nicht die ökologischen Generalisten unter den Fischen – also die Arten mit breitem Nahrungsspektrum und großem Toleranzbereich. „Der Generalismus spielt zwar eine Rolle, aber nur eine unterordnete“, berichten Chaikin und seine Kollegen. „Stattdessen ist der stärkste Prognosefaktor für das Invasionspotenzial die Unabhängigkeit von Korallenriffen.“
Fischarten, die auf Korallenriffe als Kinderstube und zur Nahrungssuche verzichten können, haben demnach die größten Chancen, ins Mittelmeer zu gelangen und sich dort zu etablieren. „Das Fehlen von Riffen fungiert als wirksamer ökologischer Filter, weil im Suezkanal und im Mittelmeer die komplexen, riffbildenden Korallenhabitate fehlen, die für das Rote Meer typisch sind“, so das Team. „Fische, die von Korallenriffen abhängig sind, werden diese Reise daher eher nicht schaffen.“
Für künftige Bioinvasionen ins Mittelmeer ist dies nur bedingt eine gute Nachricht. Denn nach Einschätzung der Forschenden könnte das Risiko dadurch eher höher liegen als bislang gedacht.
Das sind die drei Top-Kandidaten
Was aber bedeutet dies konkret? Welche Fischarten könnten die nächsten Bioinvasoren sein? Chaikin und sein Team identifizierten drei Fischarten mit besonders hohem Invasionspotenzial. Top-Kandidat ist demnach der bis zu 1,20 Meter große Riesenkugelfisch (Arothron stellatus). Wie seine kleineren Verwandten produziert dieser Kugelfisch das Gift Tetrodotoxin, mit der er sich gegen Fressfeinde schützt. Er frisst vor allem Krebse, Seeigel und andere wirbellose Tiere.
Ebenfalls zu den Top-Drei-Kandidaten für die nächsten Fischeinwanderer ins Mittelmeer gehören die bis zu einem Meter lange Gelbfleckenmakrele (Turrum fulvoguttatum) und die Rottupfen-Meerbarbe (Parupeneus heptacantha), die bis zu 36 Zentimeter groß wird. Wie der Kugelfisch sind auch sie räuberisch und fressen Krebse und andere wirbellose Tiere, aber auch kleinere Fische. Alle drei Arten sind ursprünglich in tropischen Bereichen des Indischen Ozeans und des Pazifiks heimisch, kommen aber auch im Roten Meer vor.

Diese Fische sind die Top-Kandidaten für eine künftige Einwanderung ins Mittelmeer. — © Chaikin et al./ Journal of Animal Ecology, CC-by 4.0
Welche Folgen hat dies für die Mittelmeer-Fauna?
Doch was bedeutet die drohende Einwanderung dieser Fischarten für die Tierwelt des Mittelmeeres? Auch das haben Chaikin und sein Team untersucht – mit zwiespältigem Ergebnis. Denn entgegen früheren Annahmen besetzen Neuankömmlinge keineswegs vorwiegend „leere Nischen“, also Lebensräume und Lebensweisen, die von der heimischen Mittelmeerfauna kaum genutzt werden. „Stattdessen zeigen eingewanderte Spezies eine substanzielle ökologische Überlappung mit der heimischen Artengemeinschaft“, berichtet das Team.
Das heißt: Die eingewanderten Fischarten konkurrieren mit heimischen Arten um Nahrung und Lebensräume. Aber es gibt auch eine gute Nachricht: „Unsere Daten lieferten keine Belege dafür, dass die eingeschleppten Arten eine grundlegende demografische Wandlung durchmachen und sich im neuen Gebiet übermäßig vermehren“, schreiben Chaikin und seine Kollegen. Ob das jedoch auf alle künftigen Einwanderer ins Mittelmeer zutrifft, ist offen. Zumal bereits einige invasive Arten wie die Kaninchenfische sehr wohl eine Massenvermehrung gezeigt haben und heimische Arten verdrängen.
Nach Ansicht der Forschenden können ihre Prognosemodelle aber dabei helfen, invasive Arten früher zu erkennen und gezielter zu überwachen. Das wiederum erleichtert es, Maßnahmen zum Schutz der heimischen Mittelmeerfauna einzuleiten.
Quelle: Shahar Chaikin (National Museum of Natural Sciences CSIC, Madrid) et al., Journal of Animal Ecology, 2026; doi: 10.1111/1365-2656.70293





