Ein neues Verfahren zur Implantation dritter Zähne soll Wundheilung so beschleunigen, daß die Patienten schon nach zehn Stunden wieder kraftvoll zubeißen können. Die Wirklichkeit sieht meist anders aus.
„Wie lange dauert es, bis die Implantate einheilen? Wie lange muß ich ein Provisorium tragen?” Nach den Erfahrungen der Deutschen Zahnhilfe e.V. sind das die wichtigsten Fragen für Patienten, die eine Implantation erwägen, also das feste Einsetzen dritter Zähne in den Kiefer. Normalerweise müssen sie sich etwa ein halbes Jahr gedulden und mit einem Provisorium leben. Eine frühere Belastung kann die Integration in den Knochen stören und dazu führen, daß die „neuen Dritten” nicht einwachsen. Um so größere Beachtung fand die Demonstration eines Kieferchirurgen auf einem Kongreß in Berlin: In einer Live-Operation versorgte er einen zahnlosen Patienten innerhalb von nur zehn Stunden mit „festsitzenden neuen Dritten”. Schon am Abend konnte der Mann wieder fest zubeißen. Zu diesem Zeitpunkt saßen die Implantate bereits fest, während die Wunden erst nach mehreren Tagen verheilt waren. Das Geheimnis des Turbo-Effekts ist ein Verfahren mit dem Namen „Platelet Rich Plasma” (PRP, plättchenreiches Plasma). Entwickelt hat es der US-Amerikaner Prof. Robert Marx, Krebsforscher an der University of Miami, der sich besonders für körpereigene Wachstumsfaktoren interessiert. Bei PRP nimmt der Zahnarzt dem Patienten 50 Milliliter Blut ab, gibt wenige Milliliter Kalziumzitrat als Gerinnungsmittel dazu und reichert die darin enthaltenen Blutplättchen durch Zentrifugieren an. Das Konzentrat wird während der Implantation direkt auf die Wunde aufgetragen, um sie möglichst rasch zu schließen. Die Blutplättchen geben Wachstumsfaktoren ab. Diese regen dann die Wundheilung an und unterstützen die Integration des Implantats. Bei der Blutaufbereitung im PRP-Verfahren werden körpereigene Wachstumsfaktoren wie PDGF (Platelet Derived Growth Factor) und TGF-b (Transforming Growth Factor beta) auf den achtfachen Wert konzentriert. Mit ihrer Hilfe sollen sich die umgebenden Knochenzellen noch schneller teilen, und das Implantat in neues Knochengewebe eingebettet werden. Bisher untermauert jedoch nur eine Studie von Robert Marx die Theorie der beschleunigten Knochenheilung wissenschaftlich. Mehrere Untersuchungen sind in Vorbereitung. Fest steht, daß nur wenige Patienten bereits nach zehn Stunden wieder fest zubeißen können. Das räumte auch das Unternehmen ein, das das Verfahren in Deutschland vertreibt: „Im Normalfall muß man von zwei bis drei Monaten ausgehen”, sagt Produktmanager Torsten Neumann von Implant Innovations Deutschland. „Das hängt ab von dem einzelnen Patienten, von der Situation im Kiefer, natürlich auch von Krankheiten und Risikofaktoren, die die Wundheilung beeinflussen – wie Diabetes, Rauchen, Osteoporose.” Bei dem Berliner Patient lagen ideale Voraussetzungen vor. Schon vor 25 Jahren hatte der Schweizer Philip Ledermann mit implantierten Schrauben im Kiefer experimentiert und die Implantate sofort belastet. Die Ledermann-Schrauben wurden inzwischen weiterentwickelt und sind unter anderem Namen in Gebrauch. Heute lassen einige Kieferchirurgen ihre Patienten ebenfalls „direkt nach der Operation zubeißen”, wenn die Implantate an wenig problematischen Stellen eingefügt wurden, zum Beispiel im Bereich der Frontzähne des Unterkiefers. Mit großem Interesse beobachtet die Deutsche Gesellschaft für Implantologie die Entwicklung des neuen Verfahrens mit „plättchenreichem Plasma”. Ihr Präsident Prof. Friedrich-Wilhelm Neukam hält allerdings die Erwartungen für zu hoch geschraubt: „Es wurde der Eindruck erweckt, daß Wunden nach zehn Stunden verheilen. Doch jeder, der sich mal in den Finger geschnitten hat, weiß, daß das gar nicht möglich ist.” Einige deutsche Zahnärzte haben inzwischen mit der Erprobung des PRP-Verfahrens begonnen, das hierzulande seit Anfang des Jahres auf dem Markt ist.
Karin Willeck





