von DIRK EIDEMÜLLER
Tropfsteinhöhlen sind für ihre bezaubernden Gesteinsformationen bekannt. Kaum jemand, der eine solche Höhle besichtigt, kann sich der Faszination dieser majestätischen Säulen aus glitzerndem Stein entziehen. Aber auch für die Wissenschaft sind die von unten nach oben wachsenden Stalagmiten und die von der Decke herabhängenden Stalaktiten hochinteressant. Denn das Gestein wächst über Jahrhunderte oder Jahrtausende und kann die Umweltbedingungen zu seiner Entstehungszeit konservieren.
Wissenschaftler aus Heidelberg und Karlsruhe haben nun ein neues Verfahren entwickelt, mit dem sich Klimadaten vergangener Millennien aus Tropfsteinhöhlen extrahieren lassen. „Uns hat vor allem das Verhältnis verschiedener Sauerstoff-Isotope interessiert,“ sagt Mario Trieloff. Er ist der Leiter des Heidelberger Ionensondenlabors, in dem die Untersuchungen stattfanden.
Als Isotop bezeichnet man die Varianten eines Atomkerns, die dieselbe Anzahl an Protonen enthalten – also zum selben Element gehören –, sich aber in der Anzahl der Neutronen unterscheiden. Verschiedene Isotope eines Elements haben gleiche chemische Eigenschaften, zeigen jedoch geringe physikalische Differenzen.
So besteht irdischer Sauerstoff zu über 99 Prozent aus Sauerstoff-16 mit jeweils acht Protonen und Neutronen. Es gibt aber auch einen Anteil von 0,2 Prozent an Sauerstoff-18 mit acht Protonen und zehn Neutronen. Dieses Isotop verdunstet abhängig von der Temperatur wegen seiner höheren Masse etwas schlechter als Sauerstoff-16 und kondensiert etwas schneller. Aus einem exakten Vergleich der verschiedenen Sauerstoff-Isotope kann man deshalb etwas über Niederschlagsmuster und Temperaturverläufe lernen, und damit über das allgemeine Klima.
Die Überlegung, mithilfe von Tropfstein etwas über das vergangene Klima zu lernen, ist schon älter. Allerdings gelang es bislang nicht, über kurze Zeiträume Informationen zu gewinnen. „Die Idee dahinter ist so ähnlich wie bei der Analyse von Baumringen“, erläutert Trieloff. „Bei diesen sehen wir jährliches Wachstum im Wechsel der Jahreszeiten. Auch Tropfstein wächst je nach Saison mit unterschiedlicher Isotopenzusammensetzung.“
Allerdings gibt es einen entscheidenden Unterschied zwischen Bäumen und Tropfsteinen: Bäume wachsen vor allem im Frühjahr und Sommer, Tropfsteine das ganze Jahr. „Die saisonalen Wachstumsbedingungen und somit die Sauerstoff-Isotopenzusammensetzung hängen davon ab, ob es beispielsweise ein heißes Jahr war, mit trockenem Sommer und stärkerem Regen im Winter, oder ob es ein eher kühles Jahr war mit ausgiebigem Regen im Sommer und einem etwas trockenerem Winter“, sagt Trieloff.





