Eine fachübergreifende Studie befreite die Nasca-Kultur aus dem Verborgenen. Außerirdische spielten dabei keine Rolle – wohl aber der Geographie-Professor Bernhard Eitel.
bild der wissenschaft: Wie kam es dazu, dass Sie als Geograph in das Palpa-Nasca-Projekt eingebunden wurden, Herr Professor Eitel?
EITEL: Es wurde ein Geomorphologe gesucht, der sich in Trockengebieten auskennt und die archäologischen Projekte in der Region Palpa ergänzt, indem er untersucht, wie sich dort vor zwei Jahrtausenden die Umwelt verändert hat.
bdw: Welche Methoden setzen Geomorphologen in solchen Fällen ein?
EITEL: Wir untersuchen die Erdober- fläche durch Bohrungen und mit geochemischen Methoden, wenden aber auch geophysikalische Methoden wie Seismik und Geoelektrik an. Gerade die Geoelektrik führt bei archäologischen Fragen zu hervorragenden Ergebnissen: Unsere Arbeitsgruppe gehört zu den wenigen, die echte dreidimensionale Aufnahmen des Untergrunds machen kann.
bdw: Wie funktioniert das?
EITEL: Wir speisen Gleichstrom in den Boden ein. Mittels weit verteilter Elektroden messen wir dann Unterschiede in der Leitfähigkeit. Die Bodenleitfähigkeit hängt neben anderem vom Wassergehalt, vom Salzgehalt und vom Porenvolumen ab. Die Unterschiede sind oft so prägnant, dass wir beispielsweise eindeutig feststellen können, ob der Boden irgendwann umgegraben worden ist. Denn durch das Graben und wieder Zuschütten ändert sich die Leitfähigkeit so extrem, dass sich dies selbst nach mehreren Tausend Jahren eindeutig nachweisen lässt. Ähnlich wie die moderne Medizin den Körper ohne Eingriff tomographieren kann, können wir vom Untergrund bis in einige Meter Tiefe eine Tomographie machen, ohne ihn umzuwühlen. Dadurch können die Archäologen das Gelände kostengünstig und schonend durchsuchen.
bdw: Die Archäologen sind begeistert?
EITEL: Die klassischen Archäologen kümmern sich vorzugsweise um ihre Grabungsstätte. Es gibt aber eine moderne Richtung innerhalb der Archäologie, die ihren Fokus über den engeren Grabungskontext hinaus darauf richtet, wie sich die damaligen Menschen in ihrer Umwelt bewegt haben.
bdw: Wie war die Zusammenarbeit mit dem Archäologen Markus Reindel?
EITEL: Perfekt. Am Anfang mussten wir gegenseitig feststellen, wie verschieden wir an die Fragestellungen herangingen. Um die landschaftsgenetischen Zusammenhänge zu verstehen, muss ich erst einmal das Umfeld der Grabungsstellen kennen lernen. Die Archäologen arbeiteten dagegen vorwiegend in ihren Grabungen. Inzwischen ist für die unterschiedliche Herangehensweise beidseitiges Verständnis entstanden, und wir unterstützen uns gegenseitig. Das läuft hervorragend.
bdw: Sie haben 2002 mit einer ersten Begehung beim Nasca-Palpa-Projekt begonnen. Wie häufig waren Sie inzwischen dort?
EITEL: Das Projekt wird im Sommer 2007 abgeschlossen. Dann werden wir siebenmal vor Ort gewesen sein.
bdw: Nicht schlecht. Geographen reisen ja gerne…
EITEL: …um Wissenschaft zu betreiben. Wüstenränder beispielsweise sind spannend. Denn viele davon reagieren äußerst sensitiv auf globale Schwankungen des Wasserhaushalts. Der Wüstenrand oszilliert, wie wir auch in der Namib im südlichen Afrika nachweisen konnten. Die wechselfeuchte Savanne und die Wüste sind sich dort sehr nahe. Kleinste Schwankungen im Wasserhaushalt machen sich deshalb in den dortigen Ökosystemen deutlich bemerkbar. Konkret gesagt lautet meine Fragestellung in der peruanischen Atacama: Wie beeinflussen Klimaschwankungen den dortigen Wüstenrand? Und wie reagiert der Mensch auf Veränderungen seines Naturraums?
bdw: Wodurch kamen frühe Kulturen in die Gänge?
EITEL: Bei diesen Kulturen handelte es sich um Agrargesellschaften. Deshalb war der Bezug zu den natürlichen Rahmenbedingungen, unter denen Ackerbau oder Weidewirtschaft betrieben wurde, viel unmittelbarer als heute. Es liegt deshalb auf der Hand, dass die Natur bei kulturellen Umbrüchen eine wichtige Rolle spielte. Wenn sich beispielsweise das Klima am Wüstenrand marginal veränderte, konnten die Menschen das durch eine Änderung der Bewässerungstechnik abfangen, mussten sich vielleicht dazu aber in Siedlungen zusammenfinden. Für die Region Palpa-Nasca konnten wir anhand kultureller Relikte nachweisen, dass die Siedlungen dem sich verlagernden Wüstenrand folgten.
bdw: Welche Folgen hat eine geänderte Besiedlungsstruktur?
EITEL: Eine wichtige Erkenntnis ist, dass sich sowohl in der Alten als auch in der Neuen Welt frühe Kulturen häufig entwickelten, wenn es trockener wurde. Für eine Kultur am Wüstenrand konnte eine Verlagerung dieser klimatischen Grenze um 20 Kilometer bereits eine große Rolle spielen. Meine These lautet: Aridisierungstendenzen, also die Austrocknung der Landschaft, führen dazu, dass die Menschen sich aus der Fläche zurückziehen, auf der sie als Jäger und Sammler aktiv waren, und sich auf Flussoasen konzentrieren. Das gilt für die Andenfuß- region genauso wie für die Sahara und für Pakistan ähnlich wie für große Teile Arabiens. Diese Bevölkerungskonzentration verlangte neue Organisationsformen und führte zu neuen Technologien wie dem Bewässerungsfeldbau. Dadurch veränderten sich die Besitzverhältnisse, und es bildeten sich schließlich ausgeprägte soziale Schichten.
bdw: Sie machen sich bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft stark für ein Schwerpunktprogramm „Wüstenrandgebiete”. Warum?
EITEL: Über die Temperaturveränderungen, die uns wohl bevorstehen, wissen wir inzwischen recht viel. Aber wir wissen überhaupt nicht, wie sich dadurch die Niederschlagsmechanismen an den Wüstenrändern verändern. Wenn wir das verstehen wollen, müssen wir die Wüstenrandgebiete ähnlich intensiv untersuchen wie die Gletscher, die vielfach als Indikator für thermische Veränderungen genannt werden. Weil Wüstenrandgebiete so empfindlich reagieren, dokumentieren sie die Vergangenheit sehr gut. Dementsprechend könnte man herausfinden, ob sie sich als Frühwarnsysteme im Wasserkreislauf der Erde eignen.
bdw: Anders als Physiker, Chemiker oder Biologen sind Geographen als Forscher öffentlich kaum präsent. Auf was führen Sie das zurück, Herr Eitel?
EITEL: Die Geographie ist – vereinfacht gesagt – die Wissenschaft vom Lebensraum des Menschen. Um diesen zu verstehen, haben wir an unserem Institut verschiedenste moderne wissenschaftliche Geräte: vom Massenspektrometer über die Lumineszenzdatierung bis hin zum Bohrgerät auch für Unterwasserbeprobungen. Humangeographen vermitteln sozial- und wirtschaftsgeographische Kompetenzen. Wenn man sich dagegen in der Öffentlichkeit umhört, was Geographen machen, kommt in der Regel der Kalauer, dass sie von allen am besten darüber Bescheid wissen, wie hoch ein Berg oder wie lang ein Fluss ist. Durch den Erdkundeunterricht in der Schule wird ein Bild vermittelt, das mit der Forschungsgeographie nur wenig zu tun hat. Denn in der Realität arbeiten unsere Absolventen aufgrund ihrer breiten Ausbildung in vielen Berufen. Dort tauchen sie aber nicht als Geograph oder Geographin, sondern als Softwarespezialist, Umweltschutzbeauftragte oder als Chefredakteur auf. Unsere Studierenden haben mit Sicherheit die besten Berufsaussichten unter den Geowissenschaften.
Das Gespräch führten Wolfgang Hess und Michael Zick ■
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