Im Mittelpunkt seiner Darstellung stehen nicht der Luftkrieg und seine konkreten Auswirkungen auf Kriegführung und „Heimatfront“, sondern der Luftschutz, also die Bemühungen der Regierungen, die Zivilbevölkerung auf den Bombenkrieg vorzubereiten und seine Folgen für die „Moral“ zu dämpfen. Süß setzt dazu auf die Analyse von Institutionen, Mentalitäten, Ritualen und Erinnerungen.
Für Großbritannien sei der Wandel von der Friedens- zur Kriegsgesellschaft im Jahr 1939 einschneidender gewesen als für den NS-Staat, der sich mit seiner Ideologie schon länger auf den Krieg als Gesellschaftszustand eingestellt hatte. Dennoch lässt sich erkennen, dass die britische Demokratie – anders als in der deutschen Führerdiktatur – die zentralen rechtlichen und administrativen Regeln gleich bei Kriegsbeginn, wenn auch widerwillig, akzeptierte und diese später nicht veränderte. Dagegen setzte der Krieg, den der Nationalsozialismus als Lebenselixier verstand, im Reich eine Spirale der Radikalisierung in Gang. In Großbritannien blieb, bei aller Bereitschaft, sich auf den „totalen Krieg“ einzustellen, ein Konsens darüber bestehen, was trotz des „Notstands“ ausgeschlossen war.
Die „Erfindung“ der Kriegsmoral, so meint Süß, sei kein Spezifikum von Diktatur oder Demokratie, kein nationaler Sonderweg, sondern das Ergebnis einer modernen Kriegsmobilisierung, die am Ende die Unterscheidung zwischen Kombattanten und Nicht-Kombattanten aufhob. Bei allen Ähnlichkeiten in der Krisenbewältigung dürften zentrale Unterschiede in beiden Ländern nicht übersehen werden. Denn trotz Reglementierung und Zensur blieben in Großbritannien im Gegensatz zu NS-Deutschland öffentliche Räume wie das Parlament und die Presse, in denen die Regierung ihr Handeln legitimieren musste, bestehen. Obwohl in England wachsender Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit als Begleiterscheinung des Krieges nicht ausblieben, öffnete das – anders als im NS-Regime – nicht sämtliche Schleusen, kam es nicht zu einer gewalttätigen Praxis und zum Ausschluss ganzer Gruppen aus dem staatlichen Sicherheitsnetz.
Rezension: Prof. Dr. Rolf-Dieter Müller




