Nicht nur wir Menschen können rechnen. Auch zahlreiche andere Tierarten haben schon mehr oder weniger komplexe mathematische Fähigkeiten unter Beweis gestellt, darunter das Abschätzen von Mengen und Wahrscheinlichkeiten sowie das Lösen einfacher Additions- und Subtraktionsaufgaben. Entsprechende Tests haben bereits Affen, Vögel und sogar Fische absolviert. „Huftiere sind in diesem Forschungsbereich allerdings nach wie vor unterrepräsentiert“, schreibt ein Team um Iker Loidi von der Universität Barcelona in Spanien.
Möhrenvergleich im Zahlenraum bis fünf
Deshalb haben die Forschenden nun vier Giraffen im Zoo von Barcelona auf ihre Rechenfähigkeiten getestet. Alle vier Tiere waren bereits an Experimente dieser Art gewöhnt: Schon 2023 hatten sie für eine Studie demonstriert, dass sie Wahrscheinlichkeiten abschätzen können. Für den aktuellen Versuch präsentierte Loidi den Giraffen zwei Behälter mit bis zu fünf leckeren Möhrenstückchen. Nach fünf Sekunden schloss er die Behälter, sodass die Giraffe das Futter nicht mehr sehen konnte.
Anschließend zeigte der Biologe den Giraffen einen dritten, andersfarbigen Behälter mit zusätzlichen Möhrenstückchen und fügte diese einem der ursprünglichen Behälter hinzu. Nun durfte sich die Giraffe durch Anstupsen für einen Behälter entscheiden, deren Inhalt sie verspeisen durfte. Würde sie erkennen, in welchem sich das meiste Futter versteckte?

Der Versuchsablauf im Detail. Die Behälter sind so konstruiert, dass der Experimentator Möhrenstückchen hinein- oder herauslegen kann, während die Gesamtmenge für die Giraffe nicht sichtbar ist. — © Universidad de Barcelona
Kopfrechnen oder Schummeln?
Tatsächlich meisterten die Giraffen diesen Mathe-Test: „Bei dieser Aufgabe schnitten alle Giraffen über dem Zufallsniveau ab“, berichtet das Team. Obwohl die Tiere die finale Menge in den Futterbehältern nicht sehen konnten, wählten sie überdurchschnittlich häufig den besser gefüllten Behälter. „Das deutet darauf hin, dass sich die Giraffen an beobachtete Mengen erinnern, diese Informationen nach Veränderungen mental aktualisieren und auf dieser Grundlage optimale Entscheidungen treffen können“, erklärt Loidi.
Um sicherzustellen, dass die Giraffen wirklich rechneten und sich nicht stattdessen auf subtile Signale des Experimentators verließen, verbarg Loidi seine Augen während aller Versuche hinter einer Sonnenbrille und versuchte, seine Körpersprache so neutral wie möglich zu halten. Dennoch vermuten die Forschenden bei zwei von vier Giraffen einen „Trick“: Statt die Möhrenstückchen zu addieren, wählten sie einfach jeweils den Behälter, in den etwas dazugelegt wurde.
Doch zumindest zwei der Test-Giraffen scheinen gerechnet zu haben: „Die anderen beiden Giraffen waren jedoch auch dann erfolgreich, wenn diese Strategie nicht angewendet werden konnte, was auf den möglichen Einsatz komplexerer mentaler Berechnungen hindeutet“, so das Team.
Giraffen scheitern an Minus-Aufgaben
An Subtraktionsaufgaben, bei denen Futter aus einem der zuvor gesehenen Behälter entfernt wurde, scheiterten jedoch alle vier getesteten Giraffen. Auch bei Tests mit mehreren aufeinanderfolgenden Operationen, bei denen Futter aus dem einen Behälter entfernt und in den anderen hineingelegt wurde, lag die Erfolgsquote der Giraffen im Bereich des Zufalls, wie das Team berichtet.
„Diese Ergebnisse stimmen mit dem überein, was wir bei Menschen beobachten“, sagt Lodi. „Es gibt individuelle Unterschiede bei der Lösung numerischer Probleme, und im Allgemeinen ist Subtraktion schwieriger als Addition. Darüber hinaus aktiviert die Subtraktion Bereiche des Gehirns, die auf komplexe, kontrollierte Verarbeitungsprozesse spezialisiert sind und die durch die Addition nicht stimuliert werden.“
Hilfreich in freier Wildbahn
Aber welchen evolutionären Nutzen haben die Giraffen davon, addieren zu können? „Die Fähigkeit könnte sich als Reaktion auf sozioökologische Herausforderungen in freier Wildbahn entwickelt haben“, erklären die Forschenden. So leben Giraffen in Gemeinschaften, die sich je nach Umweltbedingungen in kleinere Gruppen aufteilen und wieder zusammenfinden. Rechenfähigkeiten könnten dabei helfen, den Überblick zu bewahren.
Auch für die Nahrungssuche der Giraffen könnte die Fähigkeit zur Addition nützlich sein. Denn ihre Hauptnahrungsquelle, Akazienbäume, wachsen weit über die Savanne verteilt. „Das könnte die Notwendigkeit schaffen, abzuschätzen, wo, wann und in welchen Mengen diese Ressourcen verfügbar sind“, sagt Loidi. Denn dort, wo mehrere Bäume oder größere Baumgruppen zusammenstehen, lohnt sich für die Giraffen der Weg eher als bei spärlicheren Beständen.
Aus Sicht der Forschenden liefern die Ergebnisse einen weiteren Beleg dafür, dass auch Tiere wie Giraffen, deren Gehirn im Vergleich zu ihrer Körpergröße verhältnismäßig klein ist, komplexe quantitative Fähigkeiten haben können. „Diese Erkenntnisse tragen dazu bei, eine allzu anthropozentrische Sichtweise auf die Kognition in Frage zu stellen, und unterstreichen, wie wichtig es ist, eine größere Vielfalt an Gruppen und Arten zu untersuchen, um die Evolution des tierischen Geistes besser zu verstehen“, so Loidi und sein Team.
Quelle: Iker Loidi (Universität Barcelona, Spanien) et al., Scientific Reports, doi: 10.1038/s41598-026-54126-7





