Sie werden als Geschlechtshormone bezeichnet: Vereinfacht ausgedrückt macht Testosteron männlich und Östrogen weiblich. Es ist allerdings bekannt, dass beide Hormone auch im Körper des jeweils anderen Geschlechts gebildet werden und Funktionen besitzen. Bei Männern wird das Testosteron in vergleichsweise hohen Mengen in den Hoden gebildet. Bei Frauen entsteht es hingegen vor allem in den Eierstöcken. Die Effekte, die Testosteron im Körper auslöst, sind vielschichtig und noch immer nicht restlos verstanden. Beim Mann sorgt Testosteron unter anderem für den Muskelaufbau und den Geschlechtstrieb. Um Müdigkeit und Lustlosigkeit zu bekämpfen, wird deshalb gerade bei älteren Männern der schwindende Testosteronspiegel oft künstlich erhöht. Doch auch bei Frauen ist eine Testosteron-Substitution möglich. Ein günstiger Spiegel fördert auch beim weiblichen Geschlecht die Libido, geht aus Studien hervor.
Doch künstliche Hormongaben gelten als heikel – denn Testosteron hat zwei Seiten: Es fördert zwar einige wünschenswerte Aspekte, es kann aber auch die Risiken für bestimmte Erkrankungen erhöhen, wie aus bisherigen Untersuchung bereits hervorgeht. Deshalb werden etwa bei manchen Krebserkrankungen die natürlichen Hormonspiegel künstlich abgesenkt. Doch zu diesem Thema gibt es noch immer viele offene Fragen. So ist etwa unklar, inwieweit natürliche Unterschiede im Testosteron-Niveau beim Menschen mit Neigungen zu bestimmten Erkrankungen verknüpft sind und auch, auf welchen Erbanlagen die Unterschiede im Hormonspiegel bei Mann und Frau basieren.
Den Grundlagen des Hormonspiegels auf der Spur
Um neue Einblicke zu erhalten, haben die Forscher um John Perry von der University of Cambridge nun eine sogenannte genomweite Assoziationsstudie durchgeführt. Dabei handelt es sich um ein Verfahren zur Identifizierung von Verknüpfungen bestimmter genetischer Besonderheiten und körperlichen Merkmalen. Im aktuellen Fall bedeutet das: Die Forscher suchten nach erblichen Faktoren, die mit einem vergleichsweise hohen Testosteronniveau bei Männern und auch bei Frauen verknüpft sind. Als Datenbasis diente ihnen eine britische Biobank. Sie umfasst die genetischen Informationen von 425.097 Teilnehmern. Neben gesundheitlichen Daten ist auch das Testosteronniveau dieser Menschen bekannt.
Die Ergebnisse verdeutlichten, dass der Spiegel des Hormons nicht etwa nur von wenigen erblichen Faktoren beeinflusst wird, sondern einen komplexen genetischen Hintergrund besitzt: Die Forscher identifizierten 2571 genetische Variationen, die mit Unterschieden in den Spiegeln des Sexualhormons Testosteron und seines Bindungsproteins zusammenhängen. Dabei gab es deutliche Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Das bedeutet: Die Regulation des Hormons hat bei Frau und Mann eine unterschiedliche genetische Basis.





