In Deutschland ist jeder Zehnte tätowiert. bdw sprach mit dem Tätowierer Daniel Krause über die moderne Beliebigkeit und über die psychologische Wirkung der Hautbilder.
Herr Krause, warum lassen sich immer mehr Menschen tätowieren?
In den letzten zehn Jahren ist die Branche geradezu explodiert. Dazu hat sicher das Fernsehen beigetragen, speziell die Doku-Soap „Miami Ink” über einen Tattoo-Laden in den USA. Die hat das Thema dort vor zwölf Jahren populär gemacht. Danach wollte plötzlich jeder ein Tattoo haben – und sei es nur ein Blümchen, dem er irgendeine Bedeutung zumaß. Ich selbst habe vor 25 Jahren angefangen, mich tätowieren zu lassen. Damals war ich Türsteher, da war das so eine Art Kriegsbemalung. Heutzutage ist es Mainstream – die Musikvideos auf VIVA und MTV sind voll davon, und sogar eine Fußball-WM wird zum Schaulaufen von Tattoo-Models. Es sind neue Idole geschaffen worden. Und die Jugendlichen orientieren sich an ihnen, um sich aus der Masse abzuheben. Viele sehen nicht, dass es kontraproduktiv ist, wenn sich alle die gleichen Tattoos stechen lassen.
Das hört sich an, als würden Sie diese Entwicklung bedauern.
Ich beklage mich nicht, schließlich verdiene ich mit Tätowieren mein Geld. Aber ich finde es schade, dass es zum reinen Konsumgut verkommt. Ein Tattoo trägt man normalerweise für immer, darum sollte es etwas Besonderes und keine Stangenware sein. Doch viele wollen das anscheinend so. Auf der anderen Seite gibt es Leute, die sich regelrechte Kunstwerke von ihren Stammtätowierern stechen oder ergänzen lassen. Mit der Zeit werden diese Bilder immer größer. Diese Leute bilden aber nicht einmal zehn Prozent der Szene.
Gibt es Tätowierer, die das Magische, Rituelle und Symbolhafte in den Vordergrund ihrer Arbeit stellen?
Manche Kollegen zelebrieren das richtig. Auch ich mache das bei bestimmten Leuten mit besonderen Motiven. In Polynesien, Neuseeland oder Hawaii allerdings ist das ausschließlich so. Dort hat eine Tätowierung wirklich eine Bedeutung. Die Tätowierer unterhalten sich erst zwei Tage mit dir und entscheiden dann, ob sie dich überhaupt tätowieren und welches Motiv passt.
Wissen Sie, was dabei genau passiert?
Ja, ich habe das einmal auf Hawaii erlebt. Erst Tage, nachdem der Tätowierer und ich uns kennengelernt hatten, sagte er zu mir: „Nun weiß ich, was du brauchst.” Was, verriet er mir nicht. Dann hat er mir von Hand mit der alten Tatautechnik ein Motiv geschlagen. Das tat höllisch weh. Es wurde ein Boot. Ich dachte: „ Na super, ein Boot, das wollte ich ja immer schon!” Aber dann hat er mir erklärt, warum es dieses Motiv wurde. Er hatte all die anderen Tattoos aus zig verschiedenen Ländern auf meiner Haut gesehen und sagte, ich sei ein Privilegierter, der die ganze Welt bereisen darf. Das Boot sei Sinnbild für die Reise meines Lebens. Und er habe mir links und rechts kleine Fische angefügt als Glücksboten, und einen Anker, weil er wolle, dass ich sicher ankomme. Da erkannte ich: Es hätte kein anderes Motiv sein können.
Also hat das Tätowieren auch eine psychologische Komponente?
Absolut. Wenn zu mir Leute ins Studio kommen und sagen, ich will auch so einen Maori-Kram, dann erkläre ich ihnen erst einmal, was dahintersteckt. Nur wenige kann ich für die wahre Bedeutung öffnen, aber die gehen dann mit einem völlig anderen Gefühl nach Hause. Eine Tätowierung steht symbolisch für eine Lebensgeschichte, interpretiert von dem jeweiligen Tätowierer. Ich zum Beispiel bin mittlerweile zu 70 Prozent tätowiert und sehe mein ganzes Leben, wenn ich an mir herunterschaue.
Glauben Sie an eine therapeutische Wirkung von Tattoos?
Ja. Und zwar nicht nur im Hinblick auf Akupunktur. Ich glaube, Tätowierungen wirken besser als Placebos oder Scheinoperationen, deren Effekte ja erwiesen sind. Dem Menschen wird beim Tattoo-Stechen Schmerz zugefügt, und er kann die Spuren der Behandlung für immer sehen. Wenn er von einer Heilwirkung überzeugt ist, wird sie sich auch einstellen. Ich kenne zum Beispiel viele Borderliner, denen es hilft. Eine Frau kommt seit sieben Jahren am Todestag ihres Kindes, um sich einen Stern stechen zu lassen und eine Kerze anzuzünden. Das hilft ihr, diesen Schmerz zu ertragen.
Die Heilwirkung ist demnach vor allem psychologisch?
Richtig. Mag sein, dass da Faktoren ähnlich wie bei der Akupunktur eine Rolle spielen. Fest steht: Tattoos können einen Menschen vor allem mental stärken. •
Das Gespräch führte Jan Berndorff
Daniel Krause
ist einer der bekanntesten und erfahrensten Tätowierer Deutschlands. Er gehört zum Vorstand des Bundesverbands Tattoo. Im November 2014 erschien im Heyne-Verlag sein Ratgeberbuch mit vielen Erfahrungsberichten „Goodbye Arschgeweih”.





