Er schlägt einen ebenso eindrucksvollen wie geschickt konzipierten Bogen: vom Eintritt des Kriegszustands zwischen Großbritannien und dem Deutschen Reich am 4. August 1914 und dem deutschen Zusammenbruch am 9. November 1918 über die sogenannte Machtergreifung Hitlers am 30. Januar 1933, die Wannsee-Konferenz vom 20. Januar 1942 und die Kapitulation der Wehrmacht am 8. Mai 1945 bis hin zum Aufstand vom 17. Juni 1953, der Errichtung der Berliner Mauer am 13. August 1961 und ihren Fall am 9. November 1989.
Gewiß: Eine regelrechte Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert kann auf diese Weise nicht erzählt wer-den – und sie liegt auch gar nicht im Interesse der Verfasser. Das Buch bietet vielmehr ein historisches Mosaik, aus dem sich unterschiedliche deutsche Geschichten rekonstruieren lassen. Daß es ihm gelingt, die jeweiligen Stich‧tage in den größeren historischen Kontext einzuordnen und zugleich mit überkommenen Mythen und Deutungen aufzuräumen, macht die Lektüre durchgehend zu einem Gewinn. Das gilt für die Relativierung des August-Erlebnisses von 1914, die Dirk Blasius vornimmt, ebenso wie für die Ehrenrettung der November-Revolution 1918 durch Angela Schwarz oder für Wilfried Loths Bedenken gegen eine „Überbetonung des Epochenschnitts von 1945“.
Alle acht Beiträge bewegen sich auf der Höhe der Forschung, ohne sich im Akademischen zu genügen. Ursprünglich als Vorträge im Rahmen einer Essener Ringvorlesung konzipiert, lassen sie sich in gedruckter Fassung als mu‧stergültige historische Essays lesen. Sie bezeugen die Gestaltungskraft eines Genres, das in Vergessenheit zu geraten droht.
Rezension: Kretschmann, Carsten




