Gammastrahlenausbrüche (GRB) können innerhalb weniger Sekunden so viel Energie freisetzen wie unsere Sonne in ihrer gesamten Lebenszeit. Doch welche Ursache diese kosmischen Explosionen haben, blieb lange ungeklärt - weil Astronomen die meisten Gammastrahlenausbrüche schlicht verpassten: Sie waren vorbei, bevor gängige Teleskope sie detektieren konnten.
Das änderte sich erst am 20. November 2004, als das Swift-Weltraumteleskop der NASA in die Erdumlaufbahn startete. Dank mehrerer kombinierter Teleskope konnte dieses Multiwellenlängen-Observatorium Strahlung vom sichtbaren Licht über UV- und Röntgenstrahlung bis zur extrem kurzwelligen Gammastrahlung einfangen. Noch wichtiger jedoch: Swift reagierte innerhalb von Sekundenbruchteilen auf kosmische Ereignisse. Damit hatte die Astronomie erstmals ein Teleskop, das schnell und gleichzeitig flexibel genug war, um die rätselhaften Gammastrahlenausbrüche und andere kurzlebige kosmische Ereignisse zu erforschen.
Warum Swift abstürzt und wie die NASA es retten wollte
Doch jetzt endet eine Ära: Voraussichtlich morgen früh, am 4. November 2026, wird das Swift-Observatorium in die Erdatmosphäre eintreten und verglühen. Grund dafür ist Treibstoffmangel: Weil das Observatorium seine Bahn nicht mehr regelmäßig anheben konnte, ist es in den letzten Monaten immer tiefer gesunken. Im Sommer 2026 hat die NASA deshalb noch auf den letzten Drücker eine riskante Rettungsmission gestartet: Ein orbitaler Abschlepproboter sollte das Swift-Teleskop mit seinen drei Greifarmen packen und es in eine höhere Umlaufbahn ziehen. So etwas war nie zuvor versucht worden.

So war die Rettungsmission geplant: Ein robotischer Satellit sollte das Swift-Teleskop greifen und in eine höhere Umlaufbahn schleppen. Doch die Mission scheiterte. — © NASA/ Goddard Space Flight Center
Doch die Mission scheiterte: Der Abschleppsatellit geriet ins Trudeln und konnte seine Aufgabe nicht ausführen. Damit ist das Ende von Swift nicht mehr zu verhindern: Mitte Oktober hat das Weltraumteleskop die kritische Flughöhe von 297 Kilometern unterschritten und sinkt seither immer schneller ab. Zurzeit kreist Swift nur noch rund 275 Kilometer über der Erdoberfläche, wie die NASA berichtet.
Jetzt steht der Eintritt in die Erdatmosphäre unmittelbar bevor: NASA-Schätzungen zufolge wird es morgen früh gegen 09:00 Uhr unserer Zeit irgendwo zwischen 20 Grad nördlicher und südlicher Breite soweit sein. Nach seinem Eintritt in die Atmosphäre wird der knapp 1,5 Tonnen schwere Satellit zwar größtenteils verglühen, die NASA erwartet aber, dass einige besonders kompakte Bauteile den Absturz überstehen könnten. „Das Risiko, dass jemand auf der Erde dabei zu Schaden kommt, ist jedoch gering – es liegt bei etwa 1 zu 2100“, erklärt die NASA.
Herber Verlust – und noch kein vollwertiger Ersatz
Für die Astronomie ist das Ende des Swift-Observatoriums ein herber Verlust. Denn bisher gibt es keinen vollwertigen Ersatz – kein Weltraumteleskop ist so schnell und kann gleichzeitig einen so breiten Bereich an Wellenlängen überwachen. „Swift maßgeblich dazu beigetragen, unser Verständnis des sich wandelnden Universums zu erweitern“, erklärt Astrophysiker Shawn Domagal-Goldman von der NASA. Das Observatorium habe demonstriert, wie entscheidend Beobachtungen mit schneller Reaktionszeit für die gesamte Astronomie seien.
Wie schnell das Gammastrahlenobservatorium reagieren konnte, demonstrierte Swift zuerst im Mai 2005, als es den nur 0,03 Sekunden anhaltenden Gammastrahlenausbruch GRB 050509B detektierte. Es war das erste Mal, dass Astronomen einen kurzen Gammastrahlenausbruch von Beginn an einfangen konnten – ein Phänomen, das durch Verschmelzung zweier Neutronensterne verursacht wird. 2017 trugen Swifts Aufnahmen dazu bei, die Strahlung der ersten durch Gravitationswellen detektierten Verschmelzung dieser Art zu beobachten.

Im Jahr 2015 detektierte das Swift-Gammastrahlungsteleskop seinen 1000. Gammastrahlenausbruch. Diese Karte zeigt die Verteilung der bis dahin von ihm entdeckten. — © NASA/ Goddard Space Flight Center und 2MASS/J. Carpenter, T. H. Jarrett, and R. Hurt
Swifts Erbe: Gammablitze, Röntgeneruptionen und Sternentode
In den knapp 22 Jahren seiner Missionszeit – gut zehnmal länger als ursprünglich geplant – hat das Swift-Weltraumteleskop mehr als 2000 Gammastrahlenausbrüche, 1400 Sternexplosionen und aktive Galaxienkerne detektiert. Es hat beobachtet, wie supermassereiche Schwarze Löcher Sterne zerreißen, hat den Röntgenhimmel kartiert und sogar – quasi nebenbei - Asteroiden und Kometen in unserem Sonnensystem aufgespürt. „Swift hat einen unglaublichen, nachhaltigen Nutzen erbracht“, sagt Domagal-Goldman.
Noch ist nicht klar, wann und in welcher Form Swift ersetzt wird. „Wir untersuchen zurzeit, wie wir die bestehende Flotte von NASA-Weltraumteleskopen nutzen und erweitern können – von kommerziellen Angeboten für einen zügigen Start in den Weltraum bis hin zu effizienten, innovativen neuen Missionen“, sagt Domagal-Goldman. Bis dahin bleiben Astronomen aber immerhin rund zwölf Terabyte an Aufnahmen und Daten des Swift-Teleskops, darunter viele noch nicht ausgewertete Beobachtungen. „Dies wird noch auf Jahrzehnte hinaus neue Entdeckungen ermöglichen“, sagt Domagal-Goldman.
Quelle: NASA





