Gammastrahlenausbrüche (GRB) können innerhalb weniger Sekunden so viel Energie in Form von Strahlung freisetzen wie unsere Sonne in ihrer gesamten Lebenszeit. Sie sind daher selbst über Milliarden Lichtjahre hinweg detektierbar, einige dieser Ausbrüche waren in früheren Zeiten sogar mit bloßem Auge am Himmel zu sehen. Meist sind im Erdorbit kreisende Gammastrahlen-Observatorien die ersten, die das kurze Aufblitzen im kurzwelligen Gammastrahlenbereich detektieren. Das Nachglühen dieser Ausbrüche wird dann sukzessive langwelliger und energieärmer und reicht vom Röntgen- und UV-Bereich über das sichtbare und Infrarotlicht bis zu Radiowellen. Je nach ihrer Länge unterteilen Astronomen Gammastrahlenausbrüche bisher in zwei Klassen mit vermutlich grundlegend verschiedenen Ursachen. Lange Gammastrahlenausbrühe halten länger als zehn Sekunden an und gehen wahrscheinlich auf den Kollaps eines massereichen Sterns in einer Supernova zurück. Kurze Gammastrahlenausbrüche dauern dagegen weniger als zwei Sekunden und gelten als Folge der Verschmelzung zweier Neutronensterne. Eine solche Kilonova wurde 2017 erstmals sowohl mit Teleskopen als auch über die von ihr freigesetzten Gravitationswellen detektiert.
Ein langer Gammastrahlenausbruch…
Am 11. Dezember 2021 um 14:59 Uhr unserer Zeit fingen gleich mehrere Gammastrahlenobservatorien, darunter das Fermi- und das Swift-Weltraumteleskop der NASA, einen weiteren Gammastrahlenausbruch ein. Die intensive Gammastrahlung dieses GRB 211211A getauften Ereignisses hielt 55 Sekunden lang an – auf den ersten Blick handelte es sich damit klar um einen Vertreter der langen Gammastrahlenausbrüche. Innerhalb von Minuten visierten auch Teleskope im Röntgen-, UV- und sichtbaren Strahlenbereich die Quelle dieses Gammastrahlen-Pulses an. Wenig später richteten Astronomen auch Infrarot- und Radioteleskope auf den Ausbruchsort. Diese Beobachtungen zeigten, dass die Quelle dieser Strahlung in einer rund eine Milliarde Lichtjahre entfernten Galaxie lag. “Damit ist GRB 211211A einer der nächstgelegenen langen Gammastrahlenausbrüche, die je beobachtet worden sind”, berichten Eleonora Troja von der Universität Rom und ihre Kollegen.
Doch als vier verschiedene Astronomenteams damit begannen, die Lichtkurven der Gammastrahlung und des längerwelligen Nachglühens dieses Ereignisses auszuwerten, zeigte sich Überraschendes: Trotz der Länge dieses Gammastrahlenausbruchs passte GRB 211211A in gleich mehreren Merkmalen nicht zum Profil dieser Ausbruchsklasse. “Dieses Ereignis ist anders als jeder andere zuvor gesehene lange Gammastrahlenausbruch”, erklärt Jillian Rastinejad von der Northwestern University in den USA. “Wir hatten allen Grund zu der Annahme, dass dieser 55-Sekunden lange Gammastrahlenausbruch durch den Kollaps eines massereichen Sterns verursachte wurde. Denn die Gammastrahlung entsprach diesem Szenario.” Doch weder das Nachglühen noch der Entstehungsort dieses Ereignisses passten zu einem klassischen langen Gammastrahlenausbruch, wie die Forschungsteams feststellten.





