Anatolien gilt heute nicht gerade als Nabel der Welt. Im zentralen Teil der Türkei gibt es kaum größere Städte, die Landschaft ist geprägt von eher trockenen Hochebenen und Steppenlandschaft und Gebirgen. Nach und nach aber haben Ausgrabungen in Kleinasien enthüllt, dass sich gerade in Anatolien entscheidende Schritte unserer frühen Geschichte abgespielt haben. Denn hier schufen Menschen schon in der Steinzeit gewaltige Monumente, die allem Vergleichbaren um Jahrtausende voraus waren. In Göbekli Tepe, dem “bauchigen Hügel” in Südostanatolien, ragen beispielsweise zehn Tonnen schwere, mit zahlreichen Tierfiguren verzierte Steinpfeiler mehr als sieben Meter in die Höhe. Zusammen mit ringförmigen Geröllmauern bilden sie insgesamt 20 Steinkreise – errichtet bereits vor 10.000 bis 12.000 Jahren – so alt ist kein anderes bisher bekanntes Steinzeit-Monument. Wozu die Steinkreise von Göbekli Tepe einst dienten, ist noch nicht eindeutig geklärt. Archäologen vermuten aber, dass die Steinzeitmenschen hier wahrscheinlich Rituale und Feste feierten – davon zeugen unter anderem große Mengen an Tierknochen zwischen den Pfeilern.
Verräterische Gravuren
Eine spannende Entdeckung wirft jetzt mehr Licht auf die Rituale und Glaubenswelt der Erbauer von Göbekli Tepe. Julia Gresky und ihre Kollegen vom Deutschen Archäologischen Institut haben in den Überresten des Stein-Monuments die Fragmente von drei menschlichen Schädeln gefunden, die außergewöhnliche Bearbeitungsspuren tragen. Alle drei Schädel weisen tiefe Schnitte entlang der Mittelachse des Kopfes auf, ein Schädelfragment wurde zudem durchbohrt. “Diese Modifikationen wurden alle wahrscheinlich kurz nach dem Tod dieser Menschen durchgeführt”, berichten die Archäologen. Die Tiefe und Form der Einschnitte spreche dagegen, dass es sich hier um zufällige oder versehentliche Bearbeitungsspuren handele. Auch ein Skalpieren als Ursache dieser Spuren schließen Gresky und ihre Kollegen aus. Dies hätte andere Schnittspuren hinterlassen, wie sie erklären. “Diese Ritzungen sind nicht mit einem Entbeinen oder Skalpieren verknüpft”, so die Forscher. “Allerdings deuten andere, flachere Einschnitte an den Schädeln daraufhin, dass sie gereinigt und vom Fleisch befreit wurden.”
“Diese Funde sind herausragend, denn sie liefern die allerersten osteologischen Beweise für eine nachträgliche Bearbeitung von Toten in Göbekli Tepe”, konstatieren Gresky und ihre Kollegen. Schon vor mehr als 10.000 Jahren gab dort demnach wahrscheinlich spezielle Totenrituale. Dass die drei Schädel kein Einzelfall waren, dafür sprechen weitere Schädelfunde in Göbekli Tepe. Sie tragen zwar keine bewusst angebrachten Gravuren, dafür aber Indizien dafür, dass die Köpfe der Toten abgetrennt und die Schädel gezielt freipräpariert wurden. Von den insgesamt 408 im Steinzeit-Monument entdeckten Schädelfragmenten tragen 40 die typischen Schnittspuren des Entbeinens, wie die Archäologen feststellten. Ihrer Ansicht nach deutet dies darauf hin, dass die Menschen von Göbekli Tepe den Schädeln eine besondere Bedeutung zusprachen.





