Einzigartige Felszeichnungen an der türkischen Küste spiegeln das veränderte Leben des steinzeitlichen Menschen. Vor 8000 Jahren pinselten frühe Bauern mit roter Farbe an die Bergwände, was ihnen wichtig war – hauptsächlich sich selbst. Vorläufer dieser Malerei gibt es nicht. Nachahmer erst viel später in Spanien und Italien.
Halbwach packt die Archäologin ihren Rucksack. Noch ist es Nacht, und der Strom ist ausgefallen. Doch mit traumwandlerischer Sicherheit verstaut sie Arbeitsutensilien, Fotoapparat, Proviant – und ein Sprühfläschchen für Zimmerpflanzen. Im Dorf räuspert sich phonstark der Muezzin, aber seine Weckrufe verpuffen im Nebel.
Anneliese Peschlow tastet sich aus ihrer Grabungskate auf dem Campingplatz bei der einstigen hellenistischen Stadt Herakleia an der türkischen Mittelmeerküste. Im Dunkeln verläßt die Wissenschaftlerin mit ihrem “Kommissar” das Basislager. Jeder archäologischen Aktivität ordnet die türkische Antikenverwaltung einen staatlichen, meist fachkundigen Aufpasser bei, für die Wissenschaftlerin des Deutschen Archäologischen Instituts (DAI) in Berlin waren diese bislang zugleich auch wissenschaftlicher Fahnder und Schutzmann – zum Beispiel bei den Recherchen in verräucherten Teestuben und an Hirtenlagerplätzen. Denn die Schäfer kennen fast jeden Unterschlupf und jede Grotte in den Berghängen und wissen Befremdliches zu berichten.
Gemeinsam stapfen deshalb Archäologin und Kommissar durchs Dunkel auf der Suche nach alten Göttern und vorgeschichtlichen Menschen in den Hängen des Latmos-Gebirges, das kurz hinter der ägäischen Küste bis zu 1400 Meter hoch aufragt. Der Latmos ist mit seiner Schroffheit ein Fremdklotz in der mediterran lieblichen Küstenlandschaft. Die Szenerie ist unwirklich, und so siedelten die Menschen in diesen Höhen seit jeher die Götter an – vor allem einen mächtigen Wettergott, der einst orientalische Züge trug. Später, als die Griechen in Kleinasien einfielen, zog Zeus hinzu.
Anneliese Peschlow weiß von einem weiteren Überirdischen, dem Berggott: “Er entstammt dieser geheimnisvoll wirkenden Gebirgswelt mit ihren zahlreichen Höhlen, die ihre eigenen Götter, Mythen und Heiligen und auch ihre eigene Bilderwelt hervorgebracht hat.”
Am Ziel der Fußtour, auf der 500 Meter hoch gelegenen Alm von Kovanalan, haben die Späher der Neuzeit einen Aufenthalt eingeplant – kaum bei den weidenden Ziegen angelangt, werden die Wanderer umtriebig: Rasch wird der Wasserkanister am Bach aufgefüllt und dann suchen die Deutsche und der Türke mit ihren Helfern in Grotten und unter Felsüberhängen nach Spuren von Rot. In einer kleinen Höhle macht Anneliese Peschlow einen Hauch der gefragten Farbe aus und zieht die Sprühflasche heran. Sie benetzt damit die Wand, bis die Nässe das Rot intensiviert und alte Bekannte auf ihren Strichbeinen hervortreten läßt – mit dem Pinsel gemalte skurrile Menschenfiguren aus der Steinzeit. Sie sind einzigartig, es gibt keine vergleichbaren Funde aus dieser Zeit in dieser Gegend.
Drei dutzendmal ist die Forscherin ihnen in den letzten Jahren begegnet, jedes Wiedersehen vergrößert ihre Begeisterung: Diesmal ein Gruppenbild mit Damen – vier nehmen ein Männlein in die Mitte. Die Damen in Rot haben gelitten – wie die meisten anderen Felszeichnungen, die Dr. Peschlow aufgetrieben hat: Die Bildnisse waren seit Jahrtausenden zwar nicht direkt der Sonne, aber doch ständig dem Licht ausgesetzt.
Um die Bilder zu schonen, verwendet die Archäologin ihr Schadstoff-freies Wasser denn auch sehr sparsam. Bis auf eine – gelbe – Ausnahme sind die steinzeitlichen Bilder in Rot gemalt. Tiere kommen auf ihnen selten vor, Jagdszenen fehlen vollständig. Dazwischen sind häufig, wie auf einem türkischen Kelim, Ornamente und geometrische Figuren gestreut. Das Hauptthema aber ist der Mensch. Die Männer sind immer frontal und ohne Geschlecht dargestellt. Die Frauen zeigen sich in Seitenansicht – mit einer ausladenden Kehrseite. “Sie sehen aus wie in Malerei umgesetzte neolithische Statuetten”, vergleicht Anneliese Peschlow. Ist die Silhouette allein schon umwerfend, wird der imposante Hintern auch noch mit Ornamenten herausgestrichen, der Busen fehlt: “Der wichtigste Körperteil bei den Frauen war das Gesäß, das unterschiedliche Formen aufweist: abgerundet, quadratisch, dreieckig – und auch noch verschieden dekoriert.” Tätowierung oder gemusterter Rock, also ein frühes Webmuster, darüber grübelt die Archäologin noch nach. Auch aus den Köpfen wird sie noch nicht schlau, die in der Form eines gespreizten M oder T an Dackelohren erinnern. Trug man die Gretchenfrisur unisex oder setzten sich Mann wie Frau Widderhörner auf ?
Statt ihr Hirn martert Anneliese Peschlow auf der kleinasiatischen Alm Knie- und Bandscheiben, um ihre Kurvenstars mit der Kamera einzufangen. Unter der überhängenden Höhlenwand fotografiert sie bäuchlings und in der Rückenlage, bis sich die Paushinternbäckigen im trocknenden Fels verflüchtigen. Mit dem Kunstgriff zur Sprühflasche kann sie frühere Irrtümer ausbügeln. “Eine meiner Schönheiten habe ich lange für eine Ziege gehalten”, lacht sie.
Die klassische Archäologin war 1991 ausgezogen, um das antike Straßennetz im Umland von Milet zu erkunden. Doch der Kult des Wettergottes auf der Bergspitze ließ sie schon damals über prähistorische Spuren spekulieren. Einer der alten Wege führte sie drei Jahre später hinauf in den Latmos, wo sie auf der Alm von Bozalan bei Göktepe auf das erste Felsbild stieß, das in ihrer stattlichen Sammlung immer noch einzigartig ist:
Scharen von Paaren bevölkern die Wand, ziehen sich in trauter Zweisamkeit in Nischen zurück oder reihen sich zum Reigen. Die Frauen sind vom Kopf über den Po bis zum Tanzbein rund; die Gefährten an ihren Breitseiten sind ebenfalls keine Hänflinge. Derart barocke Körper hat Anneliese Peschlow nur noch einmal in der Südecke des Latmos angetroffen: Am Baliktas mischen sich auf einer abgestürzten Felsplatte die Dicken unter die vorherrschenden Strichweibchen und -männchen.
In der Felsgalerie fällt ein Bild völlig aus dem Rahmen. In der Höhle von Karadere präsentieren sich nur Männer und ein Tier. Einige tragen lange Gewänder und einen extravaganten Kopfputz auf dem kantigen Schädel – Anneliese Peschlow hält sie für Widderhörner. Die meisten haben die Hände wie zum Gebet erhoben, einer zeigt dabei seine gespreizte fünffingrige Hand. Der magischen Wirkung dieses Bildes, so hat die Wissenschaftlerin beobachtet, kann sich kaum ein Besucher entziehen. Was ist hier dargestellt?
Um übers reine Sichten hinauszukommen, kniete sich die Fachfrau fürs klassische Altertum in die Vorgeschichte, sie wollte die Zeichnungen durchschauen. Doch sie fand nichts unmittelbar Vergleichbares. Deshalb blieb ihr nur der Weg, “die Bilder aus sich selbst und ihrem Umfeld zu verstehen”. Mißverständnisse sind da nicht ausgeschlossen, aber beherzt ging sie Deutung und Datierung an, wobei sie sich nicht scheute, ihrer Intuition die Führung zu überlassen. Bei der Datierung halfen ihr die fehlenden Vierbeiner auf die Sprünge. Tiere, Hauptmotiv der eiszeitlichen Höhlenmalerei in Frankreich und Nordspanien, sind auf den latmischen Bildern Nebenfiguren – und das in einer Bergwildnis, die heute noch ein Paradies für Jäger ist. Die Felszeichnungen müssen, so folgert Anneliese Peschlow, zu einer Zeit entstanden sein, als das Wild nicht mehr die Vorstellungswelt beherrschte, weil man es domestiziert vor der Hütte hatte – der Sammler und Jäger war seßhaft geworden. Die Beziehung der Menschen untereinander, das Familienleben stand jetzt offenbar im Mittelpunkt. Die meisten Felsbilder fand Anneliese Peschlow in der Nähe von Wasser, einige sogar in Höhlen, durch die ein Bach floß. Eine Beziehung zwischen Felsbild und Wasser ist offensichtlich – und wohl auch gewollt.
Bis auf die Männerversammlung in der Karadere-Höhle wirken die Malereien auf den heutigen Betrachter zunächst wie Familienbilder. Doch auch sie sind kultisch zu verstehen, nur geht es hier nicht um Götterverherrlichung, hier wird das Leben gefeiert – und Leben ist ohne Wasser nicht möglich. Besonders deutlich wird dieser Aspekt bei Peschlows Erstlingsbild in der Göktepe-Höhle: “Es sieht ganz nach einem Frühlings- oder Fruchtbarkeitsfest aus, wo man in den Mai tanzte und sich paarte.”
Einen weiteren Hinweis für die Datierung der steinernen Kunst geben die Ornamente, vor allem die Dekorationen der weiblichen Gesäße: Sie haben eine erstaunliche Verwandtschaft mit Motiven auf der Keramik, die man in der inneranatolischen Siedlung Hacilar ausgegraben hat. Die Hacilar-Keramik wurde im Chalkolithikum getöpfert – im 6. Jahrtausend v. Chr.
Strichmännchen wie auf den latmischen Felsbildern kennt die Wissenschaft auch aus anderen Gegenden des Mittelmeeres, etwa von der Iberischen Halbinsel oder aus Italien. Sie wurden jedoch deutlich später gemalt und reichen an die Konterfeis der Küste Kleinasiens bei weitem nicht heran. Kenner der iberischen Felskunst vermuteten denn auch orientalische Einflüsse. Anneliese Peschlow kann ihnen nun mit ihrer anatolischen Felskunstsammlung gewichtige Argumente liefern.
Einen Namen haben die latmischen Frauen mit Vergangenheit inzwischen auch: Als eine Figur auf der Wand erschien, “deren Gesäß weit ausladend und besonders liebevoll dekoriert war”, berichtet Anneliese Peschlow, “bemerkte mein Kommissar, das Gesäß dieser Frau sähe aus wie ein Autobus mit Fenstern und Vorhängen. Seitdem heißt dieser Frauentyp Otobüshanim.”
Waltraud Sperlich





