Birkenpech ist eine schwarze klebrige Masse, die durch das Erhitzen von Birkenrinde gewonnen wird. Bei unseren Vorfahren war dieses Pech als Kleber beliebt. Archäologische Funde belegen zum Beispiel, dass Neandertaler ihre Klingen und Spitzen aus Feuerstein mithilfe von Birkenpech an hölzernen oder knöchernen Schäften befestigten. Zahnabdrücke auf solchen Pechstücken legen jedoch einen weiteren Verwendungszweck nahe: als Kaugummi. “Birkenpech härtet aus, wenn es abkühlt, und das Kauen könnte eine Methode gewesen sein, die Masse vor der Verwendung wieder geschmeidig zu machen”, erklären Theis Jensen von der Universität Kopenhagen und seine Kollegen. “Es ist aber auch denkbar, dass die Menschen die klebrige Masse damals zu medizinischen Zwecken kauten. Denn Betulin, einer der Hauptbestandteile von Birkenpech, hat antiseptische Eigenschaften.”
Blaue Augen und dunkle Haut
Nun liefert ein solches Kaugummi spannende Einblicke in die Vergangenheit: An der bekannten Steinzeit-Fundstelle Syltholm im Süden Dänemarks haben die Forscher ein 5700 Jahre altes Stück Birkenpech entdeckt, in dem einzigartige Informationen bewahrt waren. Es enthielt das genetische Material jenes Menschen, der es einst gekaut hatte. Tatsächlich gelang es Jensen und seinem Team, ein vollständiges menschliches Genom aus der Masse zu isolieren. Die Analyse des Erbguts verriet: Das Kaugummi steckte einst im Mund einer weiblichen Person mit blauen Augen, dunklen Haaren und dunkler Haut. “Diese Kombination von Merkmalen wurde schon für andere europäische Jäger und Sammler beschrieben. Demnach war dieser Phänotyp im mittelsteinzeitlichen Europa weit verbreitet – die Verbreitung heller Hautpigmentierung fand in der Bevölkerung offenbar erst später statt”, erklären die Wissenschaftler.
Den genetischen Analysen zufolge vertrug die kaugummikauende Dänin noch keine Laktose und war enger mit den westlichen Jägern und Sammlern aus Kontinentaleuropa verwandt als mit Populationen aus Zentralskandinavien. Zudem scheint ihr Erbgut eine Theorie zur Besiedlung Skandinaviens zu bestätigen, wie Jensen und seine Kollegen berichten. Demnach wurde die Region in zwei Phasen und über zwei unterschiedliche Routen besiedelt – einmal aus dem Süden und einmal aus dem Nordosten. Im nun analysierten Erbgut sind noch keine genetischen Spuren der Einwanderer aus dem Osten zu finden. “Dies legt nahe, dass diese Jäger und Sammler zu diesem Zeitpunkt noch nicht in Süd-Dänemark angekommen waren”, sagen die Forscher. Ihnen zufolge ist es das erste Mal überhaupt, dass ein vollständiges urzeitliches Genom aus etwas anderem als Knochen isoliert worden ist. “Es ist schon toll, ein komplettes Erbgut auf diese Weise gewonnen zu haben”, konstatiert Jensen Kollege Hannes Schroeder.





