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Starken Keltinnen auf der Spur
Wenn griechische und römische Gelehrte über Kelten schreiben, betonen sie das ihnen eigenartig erscheinende Auftreten der Frauen. Historiker haben diesen antiken Quellen lange misstraut. Doch genetische Analysen untermauern nun deren Glaubwürdigkeit.
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von DAVID NEUHÄUSER
Die Frauen Galliens gleichen den Männern nicht nur in ihrer Körpergröße, sie sind ihnen auch im Mute ebenbürtig,“ schildert der griechische Geschichtsschreiber Diodor im 1. Jahrhundert v. Chr. die Keltinnen in Gallien. Gaius Julius Caesar, der Gallien mit Krieg überzogen hatte, bezeichnet die Frauen in seinem „De Bello Gallico“ als wild und erwähnt Fälle, in denen Kriegerinnen ihre männlichen Mitstreiter an erbitterter Kampfeswut sogar übertroffen hätten. Für römische Legionäre, die in Gallien kämpften, war es keine Seltenheit, auf dem Schlachtfeld auf Frauen zu treffen – zumindest dann, wenn die angegriffenen Stämme um ihr Überleben kämpfen mussten. Der griechische Gelehrte Plutarch schreibt etwa, Caesars Truppen seien bei ihrem Sturm auf eine Wagenburg auf Frauen und Kinder getroffen, die verbissen bis zum Tod kämpften. Und der spätantike römische Historiker Ammianus Marcellinus berichtet, dass die Legionäre in arge Bedrängnis gerieten, wenn die gallischen Frauen die Schlachtreihen ihrer Männer verstärkten.
Die historische Forschung hegte jedoch lange massive Zweifel an den Schilderungen der römischen und griechischen Autoren, auf die man sich mangels keltischer Texte berufen muss. Denn die keltischen Frauen werden nicht nur als mutig und kampftüchtig dargestellt, sie seien auch sexuell freizügig. Das Verhältnis der Geschlechter sei nach Aussagen des griechischen Geschichtsschreibers Strabon bei den Kelten dem der Römer und Griechen diametral entgegengesetzt.
Die Betonung dieser Andersartigkeit ließ die Forscher stutzen. Zu einleuchtend erschien die Interpretation, die damaligen Gelehrten hätten den verachteten Barbaren solche gänzlich unrömische und ungriechische Attribute angedichtet, um sie damit von der zivilisierten mediterranen Welt abzugrenzen. Was hätte den etablierten Vorstellungen von Ehe und Familie mehr widersprechen können als Frauen, die sich Seite an Seite mit ihren Männern in die Schlacht warfen und auch in Friedenszeiten deutlich mehr Freiheiten genossen als Römerinnen und Griechinnen?
Keltische Herrscherinnen
Jenseits des Kanals in Britannien trafen die Römer auch auf keltische Herrscherinnen: Cartimandua („Leuchtendes Pony“) führte Mitte des 1. Jahrhunderts die Briganten an, einen Zusammenschluss mehrerer Stämme im Norden Britanniens. Die Keltenkönigin Boudicca („Sieg“) hat gemeinsam mit ihren Töchtern einen erbitterten, aber letztlich erfolglosen Aufstand gegen die römischen Besatzer losgetreten. Auch davon berichtet der römische Geschichtsschreiber Tacitus.
Dass es in keltischen Stämmen Frauen gab, die einen hohen Rang und Status innehatten, war Archäologen bekannt und irritierte sie nicht. Funde von keltischen „Prinzessinnen“, die mit hohen Ehren, mit Waffen und wertvollen Artefakten bestattet worden waren, hatten eindeutige Beweise geliefert. Doch sagten diese nichts über die realen Machtverhältnisse und die Rolle von Frauen allgemein in der keltischen Eisenzeit aus. Das Europa der Kelten galt in der Forschung als patriarchal – Macht und Besitz waren in Männerhand, Frauen durften daran höchstens teilhaben. An dieser Sichtweise änderten auch die Worte einiger römischer oder griechischer Gelehrter nichts.
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Eine im Januar 2025 veröffentlichte wissenschaftliche Studie könnte nun jedoch dazu beitragen, den angezweifelten schriftlichen Quellen zu neuer Geltung zu verhelfen. Ein Team von Wissenschaftlern, unter anderem vom Trinity College Dublin und der Bournemouth University, hat Knochen von Mitgliedern des Stammes der Durotriges, die im Jahr 2015 nahe des heutigen Dorfes Winterborne Kingston gefunden worden waren, auf ihre Genetik hin untersucht. Der Fundort ist bemerkenswert: Über 150 Rundhäuser bildeten dort auf einer Fläche von etwa 32.000 Quadratmetern die wohl erste geplante Stadt Britanniens. Die Gräber, die die Knochen enthielten, stammen aus der Zeit von 100 vor bis 100 nach Christus, die Toten waren darin in hockender Position beigesetzt.
„Diese Art der Bestattung ist charakteristisch für diese Region“, erklärt die Erstautorin Lara Cassidy vom Department of Genetics des Trinity College Dublin. „Was sie so besonders macht, ist die Tatsache, dass in weiten Teilen des eisenzeitlichen Britannien Feuerbestattung oder die Beisetzung in der Landschaft üblich waren.“ Diese Praktiken führten dazu, dass der Forschung kaum Knochen oder die Überreste mehrerer Individuen gleichzeitig zu Verfügung standen.
„Doch hier hatten wir nun die Möglichkeit, die genetische Zusammensetzung einer Gemeinschaftsstruktur zu untersuchen“, so Cassidy. Die aDNA-Analyse der Knochen von 40 Toten zeigte wie erwartet die verwandtschaftlichen Verbindungen der Individuen auf. Was jedoch zusätzlich hervortrat, war ein sogenanntes matrilokales System: „Wir stellten fest, dass die meisten Menschen entlang der weiblichen Linie miteinander verwandt waren“, so Cassidy. „Sie waren also über ihre Mütter, Großmütter und Urgroßmütter miteinander verbunden. Das war wirklich beeindruckend und hat mich ziemlich überrascht.“
Eine matrilokale Gesellschaft zeichnet sich dadurch aus, dass Frauen vor Ort bleiben und Männer mobil sind – konkret heißt das: Bei der Schließung einer Ehe verbleibt die Braut im Haus ihrer Eltern und der Bräutigam verlässt seine Familie und zieht zu seiner Frau. In einer patrilokalen Gesellschaft ist das umgekehrt. Die genauen Mechanismen einer antiken matrilokalen Gesellschaft sind nicht bekannt; es lassen sich aber Rückschlüsse ziehen, wenn man die heute vorkommende, traditionelle Matrilokalität betrachtet, wie sie beispielsweise in Thailand oder in Teilen Afrikas besteht.
Zu beobachten ist dort zwar ausdrücklich keine den Männern übergeordnete Stellung der Frau (also kein Matriarchat), dafür aber eine für Frauen in vielen Aspekten vorteilhaftere Position als in patrilokalen Gesellschaften – etwa im Eherecht, im Erbrecht und in wirtschaftlichen Belangen. Da die verheiratete Frau im eigenen familiären Umfeld verbleibt, ist auch der Schutz vor häuslicher Gewalt höher. Auf politisch-gesellschaftlicher Ebene kann man zudem ein erhöhtes Maß an weiblicher „Soft Power“ erkennen, also die Bedeutung der von Frauen geprägten Netzwerke im Hintergrund der von Männern besetzten Ämter.
Matrilokalität bei Kelten verbreitet
Schon jetzt wissen die Forscher, dass sich Matrilokalität in Britannien nicht auf den Stamm der Durotriges beschränkte: „Es ist ein sehr klares Muster, das wir hier sehen“, erklärt Cassidy. „Wir haben es nicht nur an unserem eigenen Fundort entdeckt, sondern auch bei der anschließenden Analyse vieler weiterer Daten. Die Hinweise auf Matrilokalität haben wir tatsächlich im gesamten eisenzeitlichen Britannien gefunden – über Jahrhunderte hinweg. Das bedeutet nicht unbedingt, dass Matrilokalität auf der ganzen Insel praktiziert wurde, aber es scheint, als wäre sie eine recht verbreitete Form sozialer Organisation gewesen.“
Für Genetiker, die sich mit den Menschen der Vor- und Frühgeschichte und der Antike befassen, ist der Nachweis von Matrilokalität etwas ganz Neues. Zum ersten Mal gibt eine im April 2024 veröffentlichte Studie Hinweise darauf: Ein von Joscha Gretzinger vom Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie, Leipzig, geleitetes Forscherteam fand bei der Analyse von Knochen aus Fürstengräbern rund um Villingen-Schwenningen, Ludwigsburg und Sigmaringen deutliche Spuren einer über die weibliche Linie weitergegebenen Herrschaftsfolge. Bei der DNA von 20 Männern und 11 Frauen konnten entsprechende verwandtschaftliche Verbindungen nachgewiesen werden. In zwei Gräbern mit außerordentlich reichen Grabbeigaben – Zeichen für höchsten gesellschaftlichen Rang – befanden sich beispielsweise ein Onkel und dessen Neffe, die mütterlicherseits verwandt waren. Die Gräber werden der keltischen Kultur des Westhallstattkreises zugeordnet, die auf etwa 800 bis 450 v. Chr. datiert ist – sie sind damit älter als die Durotriges-Gräber.
„Ich kann es kaum erwarten, zu sehen, was jetzt auf dem Kontinent passieren wird – in Frankreich, in Deutschland und anderen vormals keltischsprachigen Regionen“, so Cassidy. Genetiker können sich nun weiterer Datensätze und Fundorte annehmen, um zu überprüfen, ob sich das Bild vervollständigen lässt. Dass man mehr finden wird, ist anzunehmen. Cassidy und ihre Kollegen haben beispielsweise auch Beweise gefunden, dass es in der Eisenzeit regen Kontakt der Bevölkerung diesseits und jenseits des Kanals gab, der einen Kulturtransfer wahrscheinlich macht.
„Frauenpower“ wurde bisher nicht erwartet
„Wenn man sich mit archäologischer Forschung beschäftigt – bis zurück in die 1860er-Jahre –, und mit dem Studium klassischer Texte“, erklärt Rachel Pope, Archäologin an der University of Liverpool, „wird man feststellen, dass wir in der Eisenzeit keine Anzeichen für ein Patriarchat zu finden scheinen. Und je umfangreicher die Datensätze werden, desto mehr bestätigt sich dies.“
Doch warum erscheint dann der Nachweis eines matrilokalen Systems als solche Sensation? Matrilokalität, so erklärt Cassidy, lege nahe, dass Frauen einen höheren Status hatten. Wo Frauen am Ort bleiben und Männer mobil sind, entsteht eher gesellschaftlicher Einfluss von Frauen. Herrschaftsweitergabe über die weibliche Linie verstärkt das Bild einer von Frauen mitgestalteten Gesellschaft. Das hatten die Forscher nicht erwartet.
In genetischen Analysen aus Stein- und Bronzezeit fanden sich bislang ausschließlich Hinweise auf patrilokale Gesellschaften, was viele Archäologen dazu bewog, das Gegenteil für die Eisenzeit auszuschließen. Pope erklärt: „Das Problem besteht darin, wie wir über soziale Formen in der Vergangenheit nachdenken. In der archäologischen Theorie hat lange die Vorstellung vorgeherrscht, dass es eine Art evolutionären Trend gab – hin zum Patriarchat, das an einem bestimmten Punkt Realität wurde und seitdem weiterbestand.“
Adrienne Mayor, Historikerin an der Stanford University, beschäftigt sich schon lange mit Herrscherinnen und Kriegerinnen der antiken Welt. In der jüngsten Studie aus England sieht sie eine weitere Bestätigung der Annahme, dass nördlich und östlich des Mittelmeerraums vielerorts ein anderes Geschlechterverhältnis zu finden war, als es die römischen und griechischen Gelehrten kannten. Die archäologischen Analysen und antiken Quellen würden nun zusammengefasst zeigen, so Mayor, dass keltische Frauen über mehr Unabhängigkeit und Macht verfügten als griechische und römische Frauen, dass sie an der Jagd und am Krieg teilnahmen, Besitz erbten und aktive Kriegerinnen und Herrscherinnen werden konnten.
Den antiken Quellen vertrauen
Was speziell die Durotriges angehe, könne man ebenfalls die antiken Quellen zurate ziehen, meint Mayor. „Obwohl jeder keltische Stamm seine eigene Geschichte und Traditionen hatte, waren die Stämme kulturell verwandt“, so Mayor. „Daher kann man wohl davon ausgehen, dass die Lebensweise der Durotriges mit der der Kelten in Nordeuropa vergleichbar war.“ Tacitus berichtet (Germania 7–46) über die Heirats- und Kriegsbräuche der Kelten in Germanien, was uns helfen kann, uns die Lebensweise der Durotriges vorzustellen. Tacitus erwähnt, dass die Kelten weibliche Gottheiten verehrten, und sagt auch, dass Frauen selbst für ihre Tapferkeit und Weisheit verehrt wurden. Er betont, dass der Rat von Frauen oft gesucht und befolgt wurde.
Besonders relevant für die Ergebnisse der Durotriges-DNA-Analyse ist Tacitus‘ Aussage, dass Kelten monogam sind, dass „Mädchen nicht zur Heirat gedrängt werden“ und „junge Männer nur zögerlich heiraten“. Die Begründung dafür ist, dass Mann und Frau als Lebenspartner „in Alter und Kraft gleichgestellt“ sind, was ihre Bindung stärkt und zu „robusten Kindern“ führt. Die keltischen Traditionen der späten Heirat und Monogamie deuten auf ein egalitäres Verhältnis von Mann und Frau hin und würden mit einer matrilokalen, matrilinearen Gesellschaft vereinbar sein. Dass in antiken Quellen sowohl von keltischer Freizügigkeit als auch von Monogamie die Rede ist, legt nahe, dass Ehen die Regel waren, die einerseits monogam blieben und andererseits leicht geschieden werden konnten. Ähnliches kann man in antiken griechischen Quellen zu den zentralasiatischen Stämmen der Skythen lesen.
Antike Quellen: Tatsache oder Taktik?
So haben die Befunde der Genetiker letztlich nicht nur hinsichtlich unserer Vorstellung keltischer Gesellschaften beträchtliche Relevanz, sondern auch hinsichtlich unseres Umgangs mit schriftlichen Quellen aus antiker Zeit. „Die Studie gibt den Berichten antiker römischer Historiker über die zeitgenössischen Stämme der Kelten/Gallier in Britannien und Nordeuropa Glaubwürdigkeit“, erklärt Mayor – Glaubwürdigkeit, die ihnen lange (und teilweise immer noch) abgesprochen wird. Die Ursprünge dieses teils extremen Misstrauens schriftlichen Quellen gegenüber finden sich im ausgehenden 20. Jahrhundert, als im Zuge postmoderner Theorien zunehmend Wert darauf gelegt wurde, bei historiographischer Arbeit umfassende Quellenkritik zu üben, sich also stets der Perspektive des Quellenautors bewusst zu sein und seine Absichten mitzudenken. Aus dieser legitimen Neuorientierung entwickelte sich allerdings bisweilen ein regelrechter Kahlschlag; im konkreten Fall wurden ethnographische Beobachtungen der römischen Besatzer über feindliche und unterworfene Stämme grundsätzlich in Zweifel gezogen.
Dazu erklärt Pope: „In diesem speziellen Fall – wenn wir uns Nordwesteuropa und Kommentare klassischer Autoren über die Menschen dort ansehen – ist es sehr einfach gewesen, die zahlreichen Hinweise auf die Stellung der Frauen zu ignorieren. Man ist schlicht davon ausgegangen, es handle sich dabei um Barbarisierung, um die Schaffung von Gegensätzlichkeit. Sicherlich kann man das in Teilen auch wirklich sehen, aber wir können uns nicht einfach die Rosinen herauspicken und frei entscheiden, welche Aspekte von Textquellen wir völlig ignorieren und welche wir als Tatsachen hinnehmen wollen.“
In den 1980er-Jahren, so erzählt Pope, wurden archäologische Befunde zu eisenzeitlichen Fürstinnengräbern unter anderem deswegen als suspekt empfunden, weil man in den Gräbern Trinkhörner gefunden hatte, und trinkende Frauen wollte man sich eigentlich lieber nicht vorstellen – nur eines von vielen Beispielen, an dem man demonstrieren kann, wie zeitgenössische Vorstellungen Forscher dazu bewegen können, archäologischen und schriftlichen Quellen zu misstrauen. Die politischen Vorstellungen ändern sich, und auch im Kontext postkolonialer Geschichtswissenschaft gibt es den Trend, Quellen lieber zu verwerfen, wenn sie politisch nicht opportun sind. Die Möglichkeiten der Analyse von aDNA und auch von Isotopen, die neuerdings zum Nachweis matrilokaler Strukturen in keltischen Gesellschaften geführt haben, werden nun zunehmend in der Lage sein, die Glaubwürdigkeit fälschlich abgelehnter Quellen wiederherzustellen. Und die keltischen Fürstinnen, von denen die Forschung schon lange weiß, können neuerdings als logisches Merkmal einer keltischen Gesellschaft betrachtet werden, in der Frauen eine größere Rolle spielten, als viele Forscher es sich vorstellen wollten. ■
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