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Spiel(e) des Lebens
Das Feld, auf dem über Leben und Tod entschieden wurde, misst rund 135 mal 90 Meter. Unterteilt ist es ähnlich wie der Boden einer modernen Mehrzweck-Turnhalle durch verschiedenfarbige Linien und Flächen. Hier, in Chichen Itza auf der mexikanischen Halbinsel Yucatan, inszenierten die Maya vor gut 1.000 Jahren ein Mannschafts-Ballspiel, das nicht selten in einem Blutbad endete.
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von ROLF HESSBRÜGGE
Das Feld, auf dem über Leben und Tod entschieden wurde, misst rund 135 mal 90 Meter. Unterteilt ist es ähnlich wie der Boden einer modernen Mehrzweck-Turnhalle durch verschiedenfarbige Linien und Flächen. Hier, in Chichen Itza auf der mexikanischen Halbinsel Yucatan, inszenierten die Maya vor gut 1.000 Jahren ein Mannschafts-Ballspiel, das nicht selten in einem Blutbad endete.
„Es gibt zahlreiche zeitgenössische Darstellungen, die zeigen, wie dem Kapitän des einen Teams vom Kapitän des anderen Teams das Herz mit einem Obsidianmesser herausgeschnitten oder der Kopf abgetrennt wird“, erklärt der Sporthistoriker Andreas Luh von der Ruhr-Universität Bochum. Das „Spiel des Lebens“, wie die Maya es nannten, war ein zentraler Bestandteil dieser steinzeitlichen Hochkultur. Archäologische Untersuchungen zeigen: Wann immer die Maya eine neue Stadt gründeten, begannen sie mit dem Ballspielplatz und bauten den Rest darum herum. „Das Spielfeld war ein Ort mit eindeutig spiritueller Bedeutung“, weiß Luh. „Es symbolisierte für die Maya den Eingang zur Unterwelt Xibalba, zugleich brachte es neues Leben hervor.“
Einige, wenngleich nicht alle Regeln des uralten Bewegungs-Rituals lassen sich aus Fresken und Reliefs sowie – ab dem 16. Jahrhundert – auch aus Aufzeichnungen spanischer Missionare erschließen: Beteiligt waren zwei Mannschaften mit jeweils zwei bis sieben Spielern. „Das eine Team trug beispielsweise Vogel-Kopfschmuck, das andere stilisierte Hirschgeweihe“, so Andreas Luh. „Übergeordnetes Spielziel war es, einen rund zwei Kilo schweren Vollgummi-Ball aus Kautschuk möglichst in Bewegung und in der Luft zu halten. Denn der fliegende Ball symbolisierte den lebenserhaltenden Lauf der Sonne.“ Das Spielgerät, das einen Durchmesser von zehn bis 30 Zentimetern haben konnte, wurde von den beiden Teams zwischen den markierten Spielfeldhälften hin- und hergespielt. Berührt werden durfte der Ball etwa mit der Schulter oder mit der Hüfte, nicht aber mit den Händen oder mit den Füßen. Die vielleicht wichtigste Regel könnte man in Anlehnung ans heutige Eishockey als „Sudden Death“ bezeichnen, als Blitz-Tod: Das Spiel war augenblicklich beendet, wenn der Ball von einer Mannschaft durch einen der beiden an einer Steilwand angebrachten Steinringe gespielt wurde. Nicht selten mussten dann ein oder gar mehrere Spieler sterben – als menschliche Opfer für die Götter.
1.500 Spielstätten entdeckt
Die Maya bezeichneten ihren blutigen Ball-Kult auch lautmalerisch als Pok-Ta-Pok, was die Geräusche des auf Körperteile, Steilwand und Boden prallenden Balles beschreibt. Allein in Chichen Itza sind sieben entsprechende Spielstätten bekannt, rund 1.500 weitere wurden im Rest von Mexiko sowie im übrigen mesoamerikanischen Kulturraum identifiziert: im heutigen Belize, in Guatemala, El Salvador, Honduras, Nicaragua und Costa Rica. Das Spiel wurde so oder ähnlich also auch von den meisten anderen indigenen Völkern der Region praktiziert – etwa von den Tolteken, Mixteken und Azteken.
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Der älteste Nachweis des Spiels, ein kunstvoll in Stein gehauenes Relief, stammt etwa aus dem Jahr 2500 v.Chr. und ist dem Volk der Olmeken zuzurechnen, die an der südlichen Golfküste des heutigen Mexiko beheimatet waren.
Heute, gut viereinhalbtausend Jahre später, wird das „Spiel des Lebens“ nur noch in wenigen Regionen Mittelamerikas gespielt – und wenn, dann in einer stark modernisierten Variante, teils auch nur als Infotainment-Programm für Touristen.
Um den ursprünglichen Ballspiel-Brauch rankt sich derweil noch immer so manches Geheimnis. Gab es Zuschauer? „Anfangs eher nicht und wenn, eher wenige“, sagt Andreas Luh auf Basis der gefundenen Darstellungen. Gab es Schiedsrichter? Darauf lässt zumindest eine Abbildung schließen, die einen auf dem Spielfeld postierten Mann zeigt, der in ein Muschelhorn bläst. Doch eine Antwort auf die meistgestellte Frage, nämlich ob eher die Gewinner oder die Verlierer geopfert wurden, geben die vorhandenen Quellen nicht, wie Luh bedauert: „Man findet Hinweise auf beides.“
Der Forscher betont jedoch, dass es bei dem Ballspiel der Maya gar nicht so sehr um Sieg oder Niederlage im heutigen Sinne ging: Vielmehr besaßen Verlauf und Ausgang der Partien einen zahlenmystischen Offenbarungscharakter: Ein Ringtreffer konnte das Spiel entscheiden, doch andere erzielte Resultate waren ebenfalls wichtig. Sie dienten zur kalendarischen Bestimmung eines günstigen Zeitpunktes für die Aussaat oder für die Durchführung von Kriegs- oder Kulthandlungen. Auch aufgrund dieser übergeordneten gesamtgesellschaftlichen Bedeutung könne man das „Spiel des Lebens“ kaum als simplen Sport im heutigen Sinne bezeichnen, betont Luh: „Es ging ja allenfalls am Rande um körperliche Ertüchtigung oder um einen Wettkampfgedanken. Ich würde das Ganze eher als spirituellen Kult bezeichnen, der in das Weltbild der Völker Mesoamerikas integriert war, verbunden mit einem extrem ausgeprägten Opfergedanken – besonders in Zeiten großer Not.“
Ein Opfer für die Gemeinschaft
Die Maya lebten wie die meisten anderen Völker Mesoamerikas unter extremen klimatisch-geografischen Bedingungen, bedroht von Dürren und Überflutungen, Erdbeben oder Vulkanausbrüchen. Die Maya glaubten vor der Christianisierung, dass ihre Welt zyklisch zerstört und neu entstehen würde.
Um diesen lebenserhaltenden Kreislauf in Gang zu halten, verehrten sie Hunderte von Göttern, die es mit Opfern aus Fleisch und Blut gnädig zu stimmen galt. „Auch ihre Bewegungskultur war offenbar darauf ausgerichtet“, schließt Andreas Luh aus einer Vielzahl von Hinterlassenschaften aus der Zeit der Maya, beispielsweise einem kunstvollen Relief in Chichen Itza, das vom „Spiel des Lebens“ erzählt: Aus dem Blut eines getöteten Athleten sprießen junge Pflanzen, die symbolisch für neues Leben und eine gute Ernte stehen. Die geopferten Spieler starben demnach für den Fortbestand der Gemeinschaft. „Das steht natürlich im krassen Gegensatz zum heutigen Wettkampfsport, bei dem es den Athleten vor allem um persönlichen Ruhm und oft auch um Reichtum geht“, findet Luh.
Was aber waren das für Menschen, die ein derartig schweißtreibendes und schmerzvolles Spiel betrieben, nur damit ihnen am Ende womöglich das Herz herausgeschnitten wurde? Traten diese Athleten freiwillig an?
Bei weitem nicht alle, schränkt Andreas Luh ein: „Zum einen waren viele Teilnehmer Kriegsgefangene aus anderen Stämmen, die zum Spielen gezwungen wurden – womöglich mit der Aussicht, unter bestimmten Voraussetzungen freizukommen. Andere Spieler entstammten wohl der heimischen Priesterschaft und der Adelsschicht, bis hin zu Königen.“ Diese Menschen waren ebenfalls nicht frei in ihren Entscheidungen, sondern ihren Rollen und den gesellschaftlichen Erwartungen unterworfen.
Im Popol Vuh, dem Heiligen Buch der Maya, wird der Maya-Grundmythos beschrieben, in dem sich die Götter opferten, um die Welt zu erschaffen. Vor diesem Hintergrund war die blutige Selbstkasteiung der Maya-Könige ein herrschaftssicherndes Privileg. Die Monarchen schnitten sich nicht nur runde Stücke aus den Ohren heraus, sie durchbohrten sich auch die Unterlippen mit Fischgräten, durchlöcherten ihre Zunge sowie die Vorhaut mit einer Dornenschnur. „Oder sie traten als opferbereite Ballspieler auf“, ergänzt Luh. „Vermutlich war es in den Augen der Maya so etwas wie die höchste sportliche Weihe, den eigenen Körper zum Wohle der Solidargemeinschaft zu schinden, notfalls auch bis zur völligen Selbstaufgabe, sprich: bis zum Tod, wenn man damit einen Beitrag zum Erhalt der Gesellschaft leisten konnte.“
Natürlich könne man die Maya nicht als Vorbild für heutiges Handeln nehmen, betont der Bochumer Sporthistoriker: „Vieles an dieser Kultur ist aus unserer modernen Sicht zutiefst befremdlich, zumal die Wissenschaft mit der Entschlüsselung der Maya-Hieroglyphenschrift seit den 1980er Jahren lernte, dass dieses Volk keineswegs so friedfertig war, wie lange Zeit angenommen.“ Die Maya waren durchaus kriegerisch und töteten darüber hinaus jedes Jahr Hunderte von Menschen zu Ehren der Götter.
„Aber einiges an ihnen finde ich dennoch bewundernswert“, bekennt Luh, „etwa, dass sie nicht so sehr nach individuellem Ruhm strebten, sondern eher nach dem Wohl der Gemeinschaft. Wenn wir also an diese Kultur zurückdenken, sollten wir uns vielleicht überlegen, was an unserem heutigen Leistungsbegriff und an der persönlichen Gier nach Erfolg, Ruhm und Reichtum möglicherweise problematisch ist.“
Auch in Ägypten für höheren Zweck
Der Blick auf vormoderne Bewegungskulturen könne also durchaus erkenntnisbringend sein, findet der Experte und nennt ergänzend das Alte Ägypten. Auch dort waren körperliche Ertüchtigung und sportliches Kräftemessen kein Karrierepfad für ambitionierte Athleten, sondern eher Mittel zu einem höheren, heiligeren Zweck: „Das oberste Ziel eines jeden Ägypters war es, den Status eines ,Grab-Berechtigten‘ zu erlangen“, erklärt Luh. Dabei ging es nicht etwa um das Anhäufen finanzieller Ressourcen zum Erwerb einer repräsentativen letzten Ruhestätte wie einer Pyramide. Vielmehr galt es, zu Lebzeiten durch konkrete Taten in sozialer Verantwortung die Zuneigung und Achtung seiner Mitmenschen zu gewinnen. Nur wem dies gelang, so der herrschende Glaube, würde vor dem göttlichen Totengericht Einlass zum Jenseits erhalten. Und nur in diesem Fall waren die Nachkommen bereit, das Grab des Betreffenden über dessen Tod hinaus zu pflegen, damit der Verstorbene im Jenseits weiterleben konnte.
Für allzu ehrgeiziges Streben nach persönlichem Sportler-Ruhm war unter diesen Bedingungen entsprechend wenig Spielraum. Schließlich wollte niemand die Zuneigung eines Mitmenschen verspielen, indem er diesen – etwa in einem Box-Wettkampf – verletzte, erniedrigte und dies auch noch lauthals bejubelte.
Der Zentralbegriff der altägyptischen Kultur und die ethisch-moralische Grundlage für das Handeln der Menschen hieß Ma’at. „Ma’at bedeutet so viel wie Wahrheit, Gerechtigkeit, Ordnung und Aufrichtigkeit“, erklärt Luh. Die Ägypter aller Gesellschaftsschichten sollten zu Lebzeiten ,Ma’at tun und Ma’at sagen‘, was in etwa so viel bedeutete wie: Gerechtigkeit walten zu lassen, der Wahrhaftigkeit und dem Gemeinwohl zu dienen.
Ma’at beinhaltete zahlreiche Solidarverpflichtungen wie den besonderen Schutz von Schwachen, die Fürsorge für Kranke, die gerechte Verteilung von Ressourcen oder die Ächtung von Habgier und persönlichem Ehrgeiz.
„Bei Ma’at ging es letztlich um das Einfügen in die Gemeinschaft und nicht um das Herausragen aus derselbigen“, präzisiert Luh. „Diese Verpflichtung galt für alle Ägypter, ob sie nun Bauern, Fischer, Handwerker, Beamte, Händler, Priester oder Pharaonen waren. Der Ägyptologe und Kulturhistoriker Jan Assmann spricht in diesem Kontext vom „Prinzip der vertikalen Solidarität“, erklärt Luh: „Der Pharao an der Spitze der Gesellschaftspyramide sollte Ma’at sagen und Ma’at tun – und alle anderen, bis hin zu den einfachen Bauern, die den gesellschaftlichen Sockel bildeten, sollten es ihm nachtun.“ Auf diese Weise sollte das Reich vor internen Konflikten und Aufruhr bewahrt werden, und die gerechte Weltordnung sollte – unter der Vormacht Ägyptens – vor chaotischen Kräften wie wilden Tieren und fremden, feindseligen Völkern geschützt werden.
„In diesem Kontext standen auch die staatlich organisierten Maßnahmen zur körperlichen und kriegerischen Ertüchtigung sowie verschiedene sportliche Wettbewerbe wie Rudern, Tauziehen, Faustkampf oder Stockfechten“, erläutert Andreas Luh. Die körperliche Ertüchtigung diente vor allem der tatkräftigen Aufrechterhaltung einer gerechten inneren Ordnung und der Sicherung gegen äußere Feinde. Pompöse Ehrungen für herausragende Einzelkönner, wie etwa die Olivenkränze und die Siegerstatuen bei den Olympischen Spielen der Antike, sind dementsprechend aus dem Alten Ägypten nicht bekannt. Stattdessen war sportliche Ertüchtigung so etwas wie gelebte Solidarität.
Auch die ägyptische Oberschicht konnte sich dieser Pflicht nicht entziehen, wie Andreas Luh darlegt: „Es gab Internate, in denen die Adligen in Religion, Geschichte oder Gesellschaftslehre unterrichtet wurden. Dort wurden sie aber auch systematisch körperlich trainiert, um Ma’at aufrechterhalten zu können.“ Dazu passt, dass etwa Pharaonen auf Wandmalereien mit muskelgestählten Armen, breiten Schultern, schmalen Hüften und edlen Gesichtszügen dargestellt wurden – oder auch als erfolgreiche Bogenschützen, Wagenlenker und Löwen-Jäger, die auf diese Weise das Leben ihrer Untertanen schützten. Wann immer Krieg geführt wurde, musste Ägyptens gottesähnlicher Herrscher auf seinem prachtvollen Streitwagen vorneweg ins Feld ziehen, getreu dem Motto: Einer für alle, alle für einen. „Ein unfitter, feiger Pharao, der sich hinter seinen Truppen versteckte, hätte nicht Ma’at getan und damit wohl seine Legitimität und seine Grab-Berechtigung eingebüßt“, schließt der Sporthistoriker.
Das Streben nach Ruhm kam spät
Und so dauerte es bis circa 800 v.Chr., ehe im Mittelmeerraum allmählich der heute bekannte, auf persönlichen Ruhm ausgerichtete Wettkampfsportgedanke Einzug hielt – und zwar bei den Alten Griechen. Zwar dienten die dort praktizierten Disziplinen wie Laufen, Ringen, Wagenlenken, Speer- oder Diskuswurf zunächst vor allem der militärischen Ertüchtigung in einer kriegerischen Zeit. „Aber schon bald ging es den Griechen vorrangig darum, die jeweils anderen Teilnehmer zu übertreffen und unsterblichen Ruhm zu erlangen“, weiß Andreas Luh. Die alle vier Jahre abgehaltenen Olympischen Spiele entwickelten sich zum berühmtesten Sportereignis der griechischen Antike (siehe Interview).
Natürlich sei uns heute das antike Griechenland sportkulturell viel näher als etwa die Ägypter der Pharaonenzeit oder die steinzeitlichen Maya, räumt Andreas Luh ein. Trotzdem – oder gerade deswegen – empfiehlt der Forscher den Blick auch auf fremde, fernere Bewegungskulturen. „Sport, wie er heute verstanden wird, ist ja nicht das Endprodukt einer zielgerichteten historischen Entwicklung, sondern nur eine Möglichkeit menschlicher Lebensgestaltung“, gibt der Forscher zu bedenken.
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