Der Angriff kam für die römischen Truppen völlig überraschend. Die rund 1000 Legionäre waren mehrere Hundert Kilometer ins Land der Germanen, das sogenannte Barbaricum, vorgestoßen und befanden sich jetzt auf dem Rückmarsch. Doch als sie einen Pass überqueren wollten, griffen die Barbaren aus einem Hinterhalt an. Es entbrannte eine heftige Schlacht mit hohen Verlusten auf beiden Seiten. Die Germanen droschen mit Äxten und Schwertern auf die Römer ein. Die wehrten sich vor allem mit Pfeilbatterien, abgefeuert aus speziellen Katapulten.
So stellt sich Günther Moosbauer das Gemetzel beim heutigen Ort Kalefeld am westlichen Harzrand vor. Er ist Archäologe an der Universität Osnabrück und maßgeblich beteiligt an der Erforschung der Stätte, wo es Mitte des dritten Jahrhunderts zur Schlacht kam. Die wissenschaftlichen Ausgrabungen im Schlachtfeld sollen in wenigen Wochen beginnen. Bisher wurde das etwa 1500 Meter lange und 300 Meter breite Gebiet zwar nur mit Metalldetektoren abgesucht, doch die Forscher sprechen schon jetzt von einem Jahrhundertfund. Sie entdeckten bereits rund 600 Gegenstände, darunter eine der eisernen Hipposandalen, mit denen die Römer die Hufe ihrer Pferde schützten. Außerdem wurden etliche Pfeilspitzen, Wagenteile und eine Münze aus der Zeit des Kaisers Commodus geborgen. Commodus regierte von 180 bis 192, was bei der Datierung der Schlacht hilft.
Doch was suchten die Römer über 200 Jahre nach der bitteren Niederlage in der Varus-Schlacht so weit in feindlichem Gebiet? Bisher war man davon ausgegangen, dass sie danach ein für allemal genug hatten vom Land der Barbaren. (Lesen Sie dazu in diesem Heft ab S. 66 „Stillstand nach dem Sieg”.) „Das stimmt so nicht”, sagt Michael Meyer, Professor am Institut für Prähistorische Archäologie der Freien Universität Berlin. „Im dritten Jahrhundert verlagerten germanische Gruppen ihre Siedlungen immer weiter von der Elbe nach Westen. Möglicherweise hatten die römischen Truppen diese Gruppen im Visier.”
Für die Forscher ist der Fund des Schlachtfelds im Harz der erste archäologische Beweis dafür, dass die Römer nach der Varus-Schlacht weiter mit großen Verbänden tief im Barbaricum militärisch unterwegs waren.
Redaktion: Hans Groth, nachrichten@bild-der-wissenschaft.de





