Über den Jordan gehen – für Eliezer Rabinovici hat das nicht die sprichwörtlich negative Bedeutung. Denn jedes Mal, wenn der israelische Kernphysiker von der Jerusalemer Hebrew University über die Allenby- Brücke den Fluss überquert, feiert er einen kleinen Sieg der Vernunft über den Nahost-Konflikt. „Seit acht Jahren dürfen wir hier passieren”, freut sich der grauhaarige Physiker.
Eigentlich darf an dieser Stelle, nahe dem Toten Meer und mitten in der Wüste östlich Jerusalems, kein Israeli über die Grenze nach Jordanien. Eine Ausnahme macht das Königreich nur für eine Handvoll Forscher wie Rabinovici. Sie haben etwas geschafft, was im Nahen Osten kaum möglich ist: Sie arbeiten mit Wissenschaftlern aus Jordanien, Ägypten, dem Iran, der Türkei, Zypern, Pakistan, Bahrain und Palästina zusammen. Ihr Projekt ist der Elektronenspeicherring SESAME. Die Maschine steht in 600 Meter Höhe auf einem mit Olivenbaumplantagen bepflasterten Hügel bei Allan, nordwestlich von Amman, in einer quadratischen Halle mit Sandstein-Fassade.
Völkerverbindende Elektronenstrahlen
Noch ist sie nicht fertig, aber laut Zeitplan sollen ab 2016 Forscher aus allen Ländern der Levante die Elektronenstrahlen für biologische, medizinische, chemische und physikalische Experimente nutzen. Doch dieses Ziel ist jetzt ernsthaft gefährdet. Nicht nur, weil Ende letzten Jahres das Dach der Halle unter Schneemassen zusammensackte, die für die Region extrem ungewöhnlich sind. Sondern auch weil Länder wie Deutschland das Projekt bisher nur halbherzig unterstützt haben.
Die Idee, im Nahen Osten einen Speicherring aufzubauen, entstand Ende der 1990er-Jahren mit dem erklärten Ziel einer friedlichen Zusammenarbeit arabischer und israelischer Forscher, erinnert sich Ernst Weihreter, bis zu seiner Pensionierung Beschleunigungsphysiker am Berliner Speicherring BESSY II. Bis 2012 besuchte und unterstützte der Physiker die Kollegen Jahr für Jahr beim Aufbau der rund 60 Meter großen Synchrotron- Anlage. „ Bei gutem Wetter kann man oberhalb der SESAME-Experimentierhalle die Kuppeln der Kirchen und Moscheen Jerusalems sehen.”
So wie das CERN in der Schweiz nach dem Zweiten Weltkrieg und durch den kalten Krieg hindurch ein Ort der Zusammenarbeit zwischen gegnerischen Ländern war, so soll auch SESAME (Synchrotron Light and Experimental Sciences and Applications in the Middle East) der Völkerverständigung dienen.
Spendable Wissenschaftler
Doch auf politischer Ebene kam das Projekt anfangs nur schwer voran. Die israelische Regierung engagierte sich nur verhalten, denn israelische Forscher hatten Zugang zu den besten Synchrotronen in Europa und den USA. „Diese Haltung machte sich auch die deutsche Regierung zu eigen”, sagt Weihreter. „Man sprach sich weder dafür noch dagegen aus.”
Um die Jahrtausendwende schlug dann der Technische Direktor des deutschen Beschleunigerlabors DESY, der inzwischen verstorbene Gustav-Adolf Voss, zusammen mit Herman Winick vom Stanford Linear Accelerator in den USA vor, die ausgediente Berliner Synchrotronanlage BESSY I zu spenden, die damals durch BESSY II ersetzt wurde (siehe Kasten „Puls der Zeit” auf S. 42). Die Bun-desregierung stimmte dem Transfer von BESSY I zu, denn der Gesichtsverlust, eine funktionierende Anlage lieber zu verschrotten als einem friedenstiftenden Forschungsprojekt zu spenden, wäre wohl zu groß gewesen, meint Weihreter. Doch von großzügiger Unterstützung konnte trotz der Sachspende keine Rede sein: Sowohl den Abbau als auch den Transport der Anlage im Juni 2002 nach Allan in Jordanien und die Hilfe beim Wiederaufbau bezahlte die UNESCO.
Sonderlich begeistert von der Spende der Deutschen waren Rabinovici und sein SESAME-Team zunächst nicht. Man hoffte auf ein modernes Synchrotron, das konkurrenzfähig zu den anderen rund 50 Synchrotronstrahlungsquellen weltweit sein sollte. „Aber wir bereuen die Entscheidung nicht, BESSY als Kern von SESAME genommen zu haben”, sagt Rabinovici heute. „Denn auf das Geld für eine neue Maschine würden wir noch immer warten.”
Die SESAME-Forscher haben beschlossen, die alte BESSY-Anlage gehörig zu frisieren: von rund 800 Megaelektronenvolt auf 2,5 Gigaelektronenvolt. „Damit hätte SESAME ein mittleres Ranking im weltweiten Vergleich”, schätzt Weihreter. Und erstklassige Experimente seien in Biologie, Medizin, Physik, Chemie und Kristallografie auch mit der Strahlleistung von SESAME möglich.
Um das zu erreichen, brauchte es allerdings einen größeren Speicherring mit einem Umfang von 124,8 Metern und neuen Magneten – Kosten: mindestens 36 Millionen Dollar. Mit dem Aufbau der neuen Anlage konnten Rabinovici und die Physiker aus den anderen Nahost-Ländern den skeptischen Politikern beweisen, dass SESAME realisierbar ist. Rabinovici: „Anfangs hatte das einfach niemand für möglich gehalten.”
Und tatsächlich entschlossen sich 2012 Iran, die Türkei, Jordanien und Israel trotz aller politischen Konflikte jeweils fünf Millionen Dollar in die Fertigstellung von SESAME zu investieren. Daraufhin steuerten auch die Europäische Union und Pakistan je fünf Millionen bei. Nur aus Deutschland kam bislang keine Antwort auf Rabinovicis Anfragen. „Wir haben kein Nein gehört, aber es gab auch nie ein Ja der Deutschen.” Zwar weiß Rabinovici die BESSY-Spende zu schätzen. „Aber es ist einiges nötig, um daraus eine attraktive Maschine zu machen.” Er sieht Deutschland in der Verantwortung, SESAME nicht scheitern zu lassen.
Schnee in der Wüste
Deutsche Ingenieurskunst bräuchte es jetzt mehr denn je. 350 Kilogramm Schnee pro Quadratmeter, in der heißen Region äußerst selten, hatten im Winter 2013 die Dachkonstruktion eingedrückt. „ Das Dach ist eine Ruine”, sagt Weihreter. Verletzt wurde glücklicherweise niemand, und auch das bereits installierte Vorbeschleunigungssystem wurde nicht beschädigt, aber die jordanischen Betreiber sind nun mit Reparaturarbeiten gefordert. Weihreter ist skeptisch: „Das dauert mindestens ein Jahr, und dann muss sich zeigen, ob sich die Anlage überhaupt im Rahmen des verfügbaren Budgets wiederaufbauen lässt.”
Doch Rabinovici ist unbeirrt. Schließlich geht es hier nicht um irgendeine Maschine. Und wer wie er ein Leben lang in den Sphären der Stringtheorie gearbeitet hat, dem fällt es leichter, trotz aller Rückschläge an SESAME und der Utopie einer friedlichen Zusammenarbeit von Forschern im Nahen Osten festzuhalten: „Wer kein Superoptimist ist, für den ist das hier nicht der richtige Ort.” •
SASCHA KARBERG wuchs in Westberlin auf. Er sieht Parallelen zwischen einer Fahrt in den Osten damals und dem Grenzübertritt israelischer Forscher nach Jordanien heute.
von Sascha Karberg
Puls der Zeit
Bei einem Elektronenspeicherring (Synchrotron) werden Elektronen in einem Vakuum beschleunigt und von Magneten auf einer Ringbahn gehalten. Dabei geben die Elektronen je nach Geschwindigkeit und magnetischer Ablenkung elektromagnetische Strahlung ab, die über Strahlenkanäle aus dem Ring geführt werden. Forscher nutzen sie für unterschiedliche Experimente. Die Nachfolgerin von BESSY I in Berlin-Wilmersdorf, die 1,7 Gigaelektronenvolt-Anlage BESSY II in Berlin- Adlershof, wird derzeit zu einem „Variablen Speicherring” erweitert, zu BESSY-VSR. Damit werden Forschern sowohl lange als auch kurze Strahlenpulse für Experimente zur Verfügung stehen. Bisher ist BESSY II auf lange Pulse optimiert. Nur zwei- oder dreimal im Jahr wird die Anlage so konfiguriert, dass kurze Pulse möglich sind. Die braucht man beim „Femtoslicing”, um schnell ablaufende chemische oder physikalische Prozesse in Flüssigkeiten oder Festkörpern zu untersuchen.
Kompakt
· Das Elektronensynchrotron SESAME im Nahen Osten, das auf dem 1999 ausgemusterten Berliner Synchrotron BESSY basiert, soll energiereiche Strahlung für Forschungszwecke produzieren.
· Damit das Realität wird, braucht es finanzielle Hilfe aus Deutschland.
Internet
SESAME: www.sesame.org.jo
BESSY-VSR: www.youtube.com/watch?v=lZenhzhmpWU www.helmholtz-berlin.de/zentrum/zukunft/vsr/index_de.html





