Es ist nicht zu glauben, wie sehr es von solchen „Fiktionen“ selbst in renommierten Journalen wimmelt, also von Spinnereien in Veröffentlichungen, die nicht immer zurückgezogen werden können, weil sie manchmal bereits in millionenfach verbreiteten Bestsellern zu lesen sind und sich tief in das Bewusstsein der Rezipienten eingegraben haben.
Ein eindrucksvolles Beispiel: In seinem Buch „Schnelles Denken, Langsames Denken“ stellt der israelisch-amerikanische Psychologe Daniel Kahneman ein Experiment vor, bei dem Studenten, die in einem Test mit Worten konfrontiert wurden, die alte Menschen charakterisieren, anschließend langsamer gingen als Probanden, die etwas anderes zu lesen bekommen hatten. Die Fachwelt spricht hier von „Priming“.
Kahneman überzeugte seine Leser, daran zu glauben, weil er betonte, dass das Ergebnis ihn selbst überrascht hätte. Aus gutem Grund – denn wie man heute weiß, lässt sich das experimentelle Geschehen nicht wiederholen. Es ist ein Beispiel für die Replikationskrise der Psychologie, die längst katastrophale Ausmaße angenommen hat. Kahnemans Unsinn steht nach wie vor in neuen Auflagen seines Erfolgsbuchs, da niemand eine Korrektur vorgenommen hat. Doch selbst wenn dies geschehen wäre, würden viele an der alten Information festhalten, wie Stuart Ritchie zeigt. Menschen betrügen nämlich nicht nur andere, sondern auch gerne sich selbst, wenn ihnen ein Ergebnis in den Kram passt und sie es als „wissenschaftlich“ verbuchen können. Ritchie nennt in seinem Buch Beispiele, wo selbst eine Rücknahme („Retraction“) von irreführenden oder fehlerhaften Publikationen nicht verhinderte, dass der Unsinn oder die Fälschung des Originals weiter zitiert wurde, häufiger jedenfalls als die Korrektur.
Berühmt wurde eine Studie, in der eine Psychologin der Harvard University behauptete, dass man eine schwierige Situation – etwa eine Prüfung – besser meistert, wenn man kurz zuvor unbeobachtet einige Minuten lang eine entschlossene Haltung mit den Händen in den Hüften, gespreizten Beinen und einem grimmigen Gesichtsausdruck einnimmt. Und das machte sie dann auf Videos fast 100 Millionen Zuschauern weis! Niemand konnte jemals auch nur halbwegs replizieren, was die nach wie vor als Professorin tätige Dame behauptete und mit wilden Spekulationen über Hormone anreicherte. Aber wer von der Idee der Kampfhaltung gehört hatte, wollte nicht von ihr lassen. Des Menschen Wille ist bekanntlich sein Himmelreich, und vielleicht erfüllt das Strammstehen seinen Zweck, wenn man nur fest genug daran glaubt. Da kann die Wissenschaft sagen, was sie will.





