Noch ein Jahr bis zur totalen Sonnenfinsternis. Aus aller Welt werden die Fans anreisen – zu einem Jahrhundert-Spektakel, dessen Schauplatz ein finsterer Streifen quer durch Süddeutschland ist: Für 2 Minuten und 17 Sekunden wird es hier am hellichten Mittag Nacht.
Alle Welt wartet auf den 11. August 1999. Nicht, weil da das Jüngste Gericht über uns hereinbräche, sondern weil der Himmel an diesem Tag das grandioseste Schauspiel aufführt, das er zu bieten hat: eine totale Sonnenfinsternis – nicht irgendwo auf der Welt, sondern bei uns. Der Mondschatten wird am Mittag dieses Tages einen 107 Kilometer breiten schwarzen Streifen durch Süddeutschland ziehen, von Karlsruhe über Stuttgart und München bis nach Salzburg.
Viele Finsternis-Fans, die sich dieses Ereignis nicht entgehen lassen wollen, haben schon einmal die “Schwarze Sonne” gesehen, meist verbunden mit einer teuren Reise in einen anderen Erdteil. Die meisten ließen es nicht bei dem einen Mal bewenden – süchtig geworden haben sie das Schauspiel schon mehrmals erlebt.
Zu den Fans gehören aber auch Berufs-Astronomen. Denn die perfekte Abdeckung der gleißend hellen Sonnenscheibe durch den Mond bietet ihnen die Gelegenheit, die turbulenten Vorgänge an der Oberfläche der Sonne und ihre Atmosphäre zu studieren. Häufig waren totale Finsternisse der Motor für die Sonnenforschung. Aber auch die nüchtern denkenden Profis unter den Astronomen versuchen, das Beobachtungsprogramm für ihre Geräte zu automatisieren, um sich ganz dem faszinierenden Himmelsschauspiel hingeben zu können.
Wer es schon einmal erlebt hat, wird verstehen, warum soviel Aufhebens um dieses astronomische Ereignis gemacht wird. Es ist eben viel mehr als nur eine spezielle Konstellation von Sonne, Mond und Erde. Am hellichten Mittag wird es plötzlich finster – ein Erlebnis, das bis “tief ins Mark hinein” den Menschen bewegt, ein Urerlebnis, wie es Adalbert Stifter nach der Sonnenfinsternis von 1842 in Wien beschrieben hat: “Nie in meinem ganzen Leben war ich von Schauer und Erhabenheit so erschüttert wie in diesen zwei Minuten, es war nicht anders, als hätte Gott auf einmal ein deutliches Wort gesprochen, und ich hätte es verstanden. Ich stieg von der Warte herab, wie vor tausend und tausend Jahren etwa Moses von dem brennenden Berge herabgestiegen sein mochte, verwirrten und betäubten Herzens.”
So ist es nicht verwunderlich, daß in früheren Zeiten dieses seltene Ereignis – wer immer nur in seinem Land bleibt, erlebt es höchstens einmal in seinem Leben – Furcht und Schrecken verbreitete.
In allen alten Kulturen erregten Sonnenfinsternisse erhebliches Aufsehen, nicht nur wegen des aufregenden Schauspiels, sondern vor allem deshalb, weil die Sonne oft die Rolle eines Gottes spielte, der zwar allabendlich untergehen durfte, aber nur, um am Morgen des nächsten Tages wieder frisch aus dem Untergrund aufzutauchen.
Alle alten Kulturen haben in den Wandelsternen Götter und Göttinnen gesehen. Jede Verfinsterung dieser göttlichen Himmelslichter versetzte die Menschen deshalb in panischen Schrecken: Es konnte nur Schlimmes bedeuten, wenn der Gott des Tages, die Sonne, verschwand. Um diesem Weltuntergang zu entgehen, wurden dem Sonnengott Opfer gebracht, damit er wieder besänftigt sei und die Sonne wieder scheine. Bei den Azteken gab es Menschenopfer für den Sonnengott Huitzilopochtli. Sie waren überzeugt: Nur Blut, das kostbarste Gut der Sterblichen, konnte den weiteren Lauf der Sonne und damit den Fortbestand der Welt sichern. Bei lebendigem Leibe wurde den Opfern mit einem Obsidian-Messer das Herz aus der Brust geschnitten.
Heute geht es nicht mehr blutig zu, wenn die Sonne sich verfinstert. Zum einen sind wir absolut sicher, daß die Verfinsterung auch ohne Opfer an einen Gott nach kurzer Zeit vorüber ist, denn wir wissen genau, warum es finster wird: Die Sonne strahlt wie immer, nur sehen wir es gerade nicht, weil wir im Schatten des Mondes stehen. Zum anderen haben die Astronomen gut vorgesorgt, damit keine Finsternis unvorhergesagt über das Land hereinbricht: Auf die Sekunde genau sind die Prognosen bereits für viele Jahrhunderte fertig – zum Beispiel für den 11. August 1999, wenn mittags der Mondschatten durch Süddeutschland rasen wird.
Das Schauspiel beginnt in der Wasserwüste des westlichen Atlantik. Hier tangiert der Mondschatten die Erde zum ersten Mal. Seit Tagen fiebern Weltenbummler auf zahlreichen Kreuzfahrt-Schiffen diesem Moment entgegen. Nun stehen sie an Deck und schauen gebannt nach Osten. Es ist früher Morgen, kurz vor halb sechs Atlantik-Zeit, der Himmel über dem Meer zeigt zwar das übliche morgendliche Rot, doch es ist viel dunkler als sonst, und die fahle Morgenröte scheint nach Norden und Süden zweigeteilt, als ob zwei getrennte Sonnen aufgehen wollten. Pünktlich um 5 Uhr 30 ist es soweit. Doch kein feuerroter Ball taucht aus dem Meer auf, sondern ein pechschwarzer, umgeben von einem silbrigen Strahlenkranz. Das Schauspiel ist nur kurz. Die Schwarze Sonne hat sich noch nicht ganz von der Kimm gelöst, da bricht an der rechten Kante schon der erste grelle Sonnenstrahl hervor.
Der schwarze Fleck, den der Mondschatten auf die Erde wirft, eilt schneller als jeder Wind über den Atlantik. Nach einer Dreiviertelstunde fegt er über die Südspitze Englands, zehn Minuten später jagt er nördlich an Paris vorbei, durchquert Deutschland, Österreich, Ungarn, Rumänien, das Schwarze Meer, die Türkei, den Iran, Pakistan und Indien. Die Geschwindigkeit wird hauptsächlich aus der Bewegung des Mondes in seiner Bahn um die Erde – etwa 3600 Kilometer pro Stunde – bestimmt. So schnell würde der Schatten bei senkrechtem Einfall, also in Rumänien, über die Erde laufen. Die Erde selbst dreht sich jedoch nach Osten und vermindert dadurch die Schattengeschwindigkeit auf rund 2520 Kilometer pro Stunde.
Der Mondschattenfleck auf der Erde beginnt im Atlantik als langgestreckte Ellipse, in Rumänien – in der Mitte seines Laufs über die Erde – ist er fast kreisrund und wird dann wieder elliptisch. Die Erklärung dafür ist, daß der runde, lange Mondschatten unter verschiedenen Winkeln auf die Oberfläche der Erdkugel trifft.
Im Golf von Bengalen verläßt der Schatten die Erde. Hier warten wieder Erlebnishungrige auf Kreuzfahrtschiffen – nur ist es hier Abend, und die Sonne versinkt total verfinstert im Meer. Die Städte entlang des Finsternisstreifens bereiten sich schon heute auf das Ereignis vor, in den Hotels häufen sich die Buchungen für die Nächte um den 11. August. Astronomische Vereinigungen etwa aus den USA bieten “Eclipse-Trips” als Gruppenreisen an. In Stuttgart findet ein großes Sonnen-Festival mit einem mehrtägigen “Jahrmarkt der Wissenschaft” statt – auf Initiative von bild der wissenschaft in Zusammenarbeit mit der Stadt Stuttgart und vielen Forschungsinstituten.
Stuttgart, Bukarest und Karachi sind die drei Großstädte, die exakt in der Mitte des rund 107 Kilometer breiten Finsternisstreifens liegen. Von dieser Zentrallinie aus gesehen wandert der Mond exakt “mittig” vor der Sonne vorbei. Die Finsternis dauert also länger als in Orten am Rand des Streifens. Tübingen, Ulm oder Aalen zum Beispiel liegen etwa 28 Kilometer von der Zentrallinie entfernt. Von ihnen aus gesehen wandert der Mond etwas nach unten oder oben verschoben vor der Sonne vorbei, die Finsternisdauer sinkt von den 2 Minuten 17 Sekunden in Stuttgart auf etwa 2 Minuten. In Heilbronn ist die Sonne nur noch 1,5 Minuten verfinstert, in Kaiserslautern nur noch 1 Minute, und in Offenburg eine halbe Minute. Hier am Rand des Streifens können schon wenige Kilometer weiter südlich oder nördlich entscheiden, ob die Sonne überhaupt kurzzeitig total verfinstert ist.
Auch wer sich im übrigen Deutschland aufhält, geht nicht völlig leer aus: Der Mond verdeckt immer noch einen Großteil der Sonne. Je weiter man nördlich ist, desto größer wird die Sonnensichel, die oberhalb des Mondes übrigbleibt. Der unbedeckte Teil der Sonne beträgt in Mannheim 0,3 Prozent, in Frankfurt 2 Prozent, in Köln 4 Prozent, in Dortmund 5 Prozent, in Münster 7 Prozent, in Bremen 10 Prozent, in Berlin 11 Prozent, in Hamburg 12 Prozent und in Kiel 14 Prozent.
Eine der wichtigsten Fragen – und Sorgen – für alle Finsternisbeobachter, erst recht für die Weitgereisten, ist die nach dem Wetter am Mittag des 11. August 1999. Kein Meteorologe wird sich darauf einlassen, jetzt schon, ein Jahr vorher, eine bestimmte Voraussage zu machen. Er kann sich höchstens darauf stützen, daß es für Mitte August einen langjährigen Erfahrungswert gibt – und der ist für Süddeutschland so vage, wie eine Voraussage nur sein kann: halbe-halbe, also klarer Himmel oder dichte Wolken sind gleich wahrscheinlich. Immerhin: 50 Prozent Wahrscheinlichkeit für gutes Wetter ist besser als 20 Prozent. Erst wenige Tage vor dem 11. August wird es den Meteorologen möglich sein, eine genauere Prognose zu geben.
Auf eine andere Prognose für den 11. 8. 1999 kann man sich getrost verlassen: Mittags wird sich der Mond vor die Sonne schieben. Wann der letzte Sonnenstrahl am Mondrand erlischt, ist auf Zehntelsekunden genau für die einzelnen Orte auf dem Finsternisstreifen vorausberechnet: in Stuttgart um 12 Uhr 32 Minuten und 55,4 Sekunden.
Gefährliche Sonne
Wenn der Mond sich langsam vor die Sonne schiebt, gerät man leicht in Versuchung, dieses Herannahen des großen Augenblicks zu beobachten. Doch schon ein kurzer “Sonnenblick” ist gefährlich. Man sollte auf gar keinen Fall mit ungeschützten Augen in die Sonne schauen, natürlich erst recht nicht mit einem Feldstecher. Das gilt nicht nur für Beobachter im Streifen der Totalität, sondern ebenso für alle Gegenden, wo die Finsternis nur partiell ist. Auch wenn nur noch eine schmale Sonnensichel übrig ist, strahlt dieser Teil der Sonne noch mit unverminderter Helligkeit und könnte schwere Netzhautschäden verursachen.
In den Tagen und Wochen vor der Sonnenfinsternis werden wahrscheinlich zahlreiche Geschäfte Schutzbrillen anbieten. Rußgeschwärzte Gläser, unbelichtete Dias oder sehr dunkle Sonnenbrillen bieten keinen vollkommenen Schutz, mit ihnen sollte man nur kurzzeitig zur Sonne blicken, um den Fortschritt der Verfinsterung festzustellen. Viel mehr als die sich im Laufe von fast drei Stunden verändernde Kontur der Sonne ist sowieso nicht zu sehen. Protuberanzen und Korona sind der totalen Finsternis vorbehalten.
Man kann die Sonne auch mit einem Feldstecher auf ein weißes Blatt Papier projizieren. Die Scharfeinstellung läßt sich mit dem Mitteltrieb und über den Abstand zum Papier regeln. Mit einem größeren Feldstecher kann man auf diese Weise sogar Sonnenflekken erkennen. Die Finsternis liegt in einer Zeit des Sonnenfleckenmaximums, es sind also besonders viele und auch große Flecken zu erwarten.
Sobald der letzte Sonnenstrahl am Rand erlischt, sind keinerlei Schutzmaßnahmen mehr nötig – den Glorienschein der Korona darf man mit bloßem Auge und sogar mit dem Feldstecher bewundern.
Infos im Internet
Mehr über die totale Sonnenfinsternis vom 11. 8. 1999: http://umbra.nascom.nasa.gov/eclipse/
Wolfram Knapp





