Virtuelle Gemeinschaften im Internet sind so beliebt, weil sie gleich mehrere Grundbedürfnisse des Menschen befriedigen.
Für einen kurzen Blick reicht es immer. Auch wenn Thomas nicht viel Zeit bleibt, weil er verschlafen hat und zur Vorlesung muss. Der Handlungsablauf ist Routine: Computer anstellen, E-Mails checken und rasch ins Studenten-Netzwerk StudiVZ geschaut. Hat jemand geschrieben? Gibt es einen neuen Freundschaftsantrag? Oder eine Gruppeneinladung? Thomas, 24, gehört zur „Web-2.0-Generation” – jenen jungen Menschen, die einen Teil ihres sozialen Geflechts aus dem realen Leben ins Internet verlagert haben. Genauer: auf E-Mails, Chats und Soziale Netzwerke – auch Netzgemeinschaften oder Online-Communitys genannt.
Thomas ist gleich in vier solchen Online-Netzwerken angemeldet. Sie heißen: Studiverzeichnis (StudiVZ), Facebook, Xing und Kaioo. StudiVZ ist ein deutsches Netzwerk für Studenten, Facebook das US-Pendant, Xing ist eine Community für Geschäftsleute, und Kaioo ist für alle da. Die Portale haben, trotz verschiedener Zielgruppen oder Organisationsprinzipien, eines gemeinsam: Sie leben von den Daten, die ihre Mitglieder freiwillig von sich preisgeben. Auf Thomas’ StudiVZ-Seite – seinem Profil – ist etwa zu lesen, dass er Grafikdesign studiert, aus Siegburg kommt, die Bands „Radiohead” und „Muse” gut findet und sich für politisches Kabarett interessiert. Links oben auf der Profilseite ist prominent ein Foto von ihm platziert. Ein Link verweist auf weitere Fotos, auf denen er zu sehen ist – auf Partys, im Urlaub, in der Uni. Darunter: seine Freunde – nun ja, zumindest die Menschen, mit denen Thomas per StudiVZ-Definition befreundet ist. Es sind 121. Einige davon hat er noch nie persönlich gesehen, andere kennt er flüchtig oder von früher, mit rund 20 ist er auch im richtigen Leben befreundet.
Erstaunliche Freizügigkeit
Hunderte Millionen Menschen weltweit tun es Thomas gleich. Sie veröffentlichen Namen, Fotos und Musikgeschmack, berichten über Beruf und Hobbys, ob sie glücklicher Single, auf der Suche oder vergeben sind, woher sie kommen, wohin sie wollen, wen sie kennen, was sie toll und was sie blöd finden. Allein bei StudiVZ sind rund sechs Millionen Menschen registriert. Man wundert sich über die Freizügigkeit der Online-Community-Mitglieder, von denen es allein in Deutschland schätzungsweise über zehn Millionen gibt. Ist es doch gerade mal 25 Jahre her, dass die Bundesregierung bei einer Volkszählung Daten etwa über Wohnsituation und Beruf der Menschen erfahren wollte – und Millionen von Bürgern für den Schutz ihrer Privatsphäre protestierten.
Warum sind Soziale Netzwerke heute so beliebt? Wieso veröffentlichen so viele Menschen private Dinge über sich im Internet? Die Antwort: Weil Soziale Netzwerke gleich mehrere Bedürfnisse auf einmal erfüllen. Nicola Döring, Professorin für Medienpsychologie an der Technischen Universität Ilmenau, nennt Beispiele, wie Internetaktivitäten dazu beitragen können, die Bedürfnisse zu erfüllen. Soziale Netzwerke nehmen dabei eine besondere Rolle ein. Denn sie stillen laut Döring gleich vier Bedürfnisse: Soziale Integration, Wertschätzung, Intellektualität und Selbstverwirklichung.
· „Die Beziehungspflege, also soziale Integration, ist sicher der wichtigste Punkt”, sagt Döring. Netzwerker Thomas ist mit so gut wie allen Leuten vernetzt, die er aus Schule, Uni oder sonst woher kennt: „Manchmal klicke ich mich durch meine Freundesliste und denke mir dann: Bei dem könntest du dich doch einmal melden.” Eine Nachricht zu schicken dauert nur ein paar Klicks. Die E-Mail-Adressen oder Telefonnummern seiner alten Bekannten hat Thomas nicht. Selbst der tägliche Kontakt zu Freunden, der eigentlich über Telefon oder SMS funktionieren könnte, findet inzwischen häufig über StudiVZ statt. „Der Online-Austausch ersetzt persönliche Treffen aber nicht, sondern er ergänzt sie”, sagt Döring. Thomas hat über StudiVZ auch schon neue Freunde gefunden. Eine Studentin hat er angeschrieben, weil er ihre Fotos und ihr Profil interessant fand. Eine Beziehung ist zwar nicht daraus entstanden, doch man trifft sich jetzt regelmäßig zum Kaffee oder auf ein Bier.
· Der zweite wichtige Punkt ist der Wunsch nach Wertschätzung. Die erfährt man in Online-Communitys, indem andere das eigene Profil anschauen und daraufhin Kontakt aufnehmen. Im StudiVZ können das eine Nachricht, ein Eintrag auf der „Pinnwand” oder ein virtueller Gruß, das „Gruscheln”, sein. Döring: „Es gehört in der Online-Gesellschaft zur sozialen Kompetenz, sich im Internet so darstellen zu können, dass es bei anderen gut ankommt.” Thomas hat zwar an keiner Stelle seines Profils gelogen, doch er hat es ein wenig gefeilt. So bezeichnet er sich als „ Weltläden-Unterstützer”, obwohl er noch nie in einem Weltladen eingekauft hat. Als Hobby hat er „Sport” angegeben, obwohl er maximal einmal im Monat laufen geht. Nicola Döring sieht daran nichts Verwerfliches: „Wir müssen uns weniger um die guten Selbstdarsteller im Netz sorgen als vielmehr um diejenigen, die diese Fähigkeiten noch nicht beherrschen und deswegen isoliert bleiben.”
· Manche Nutzer versuchen intellektuelle Bedürfnisse zu befriedigen – auch wenn die meisten Gruppen in Sozialen Netzwerken einen Gedanken verfolgen, der mehr zum profanen Zeitvertreib als zum Austausch oder Diskurs dient. So gibt es Gruppen, in denen heftig diskutiert wird – sei es über aktuelle Politik, Kapitalismus oder die Existenz Gottes.
· Soziale Netzwerke können auch bei der Selbstverwirklichung helfen. Das Netzwerk Xing verbindet Angestellte, Selbstständige, Freiberufler, Chefs, Studenten und Berufsanfänger: Wer eine Leistung kaufen will oder eine anzubieten hat, kann sich bei Xing anmelden und nach Auftraggebern oder Kunden suchen. Auch Thomas ist dort angemeldet. Er bietet Dienstleistungen aus dem Bereich Grafikdesign an. Einen Auftrag hat er so aber noch nicht bekommen.
verräterische Spuren
Was aber ist mit der Privatsphäre? Immer wieder wird von Personalchefs berichtet, die Bewerber aufgrund ihrer „Spur” im Netz ablehnen. Datenschützer sprechen vom gläsernen Menschen, der für alle anderen öffentlich einsehbar ist. Bei aller Sorge: Die Netzwerker sind vorsichtiger geworden. Bei StudiVZ ist inzwischen rund jedes dritte Profil nur eingeschränkt sichtbar. Das heißt: Menschen, mit denen man nicht befreundet ist, können nur die Daten einsehen, die man freigegeben hat. „Das Bewusstsein für Datenschutz steigt. Die Internet-Nutzer wissen mittlerweile, dass ihre Online-Profile nicht nur von Freunden gelesen werden, sondern auch von Arbeitgebern, Lehrern, unliebsamen Nachbarn oder der Staatsanwaltschaft”, sagt Nicola Döring. ■
von Konstantin Zurawski





