von JÜRGEN BRATER
Krebs ist in Deutschland nach Herz-Kreislauf-Erkrankungen die zweithäufigste Todesursache. Nach Angabe des Statistischen Bundesamtes starben im Jahr 2020 fast 231.300 Menschen daran, davon waren 54 Prozent Männer. Und weil die Chance, einen bösartigen Tumor zu heilen, umso größer ist, je früher er erkannt wird, scheint es auf den ersten Blick sehr sinnvoll zu sein, Untersuchungen zur Krebsfrüherkennung in Anspruch zu nehmen – zumal die Kosten meist von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen werden.
Doch erfüllen diese Untersuchungen die Erwartungen? Gelingt es mit ihrer Hilfe tatsächlich, die Todesrate deutlich zu senken? Das soll nachfolgend anhand von vier als besonders nützlich beworbenen Krebsfrüherkennungsuntersuchungen anhand von Studien überprüft werden.
Mammografie-Screening
Das Mammografie-Screening zur Frühdiagnose von Brustkrebs bezahlen die gesetzlichen Krankenkassen in Deutschland bei Frauen zwischen 50 und 69 Jahren alle zwei Jahre. Auf den ersten Blick scheint das sinnvoll zu sein. Gemäß der Studie eines Teams um Walter Heindel von der Universität Münster aus dem Jahr 2017 wird das Sterblichkeitsrisiko durch das Screening um 20 Prozent reduziert. Das ist mathematisch gesehen zwar richtig, aber dennoch irreführend. Warum?
Von jeweils 1000 Frauen, die sich entweder alle zwei Jahre einem Screening unterziehen (Gruppe eins) oder dies nicht tun (Gruppe zwei), sterben innerhalb von zehn Jahren in Gruppe eins durchschnittlich vier und in Gruppe zwei fünf an Brustkrebs. Vier im Vergleich zu fünf: Das sind 20 Prozent. Doch de facto ist es nur eine einzige Frau von 1000, die in den zehn Jahren als Folge des Screenings gerettet wird – das ist gerade mal 1 Promille! Der Grund dafür ist die Tatsache, dass aggressive Tumore in der Regel auch dann tödlich enden, wenn sie frühzeitig entdeckt werden, während bei harmlosen Varianten vielleicht überhaupt keine oder zumindest keine dringende Behandlung erforderlich ist.
Aber selbst das könnte man noch als Erfolg werten, gäbe es da nicht die negativen Nebeneffekte: abgesehen von der Strahlenbelastung ist da die Zahl von übersehenen Tumoren – Schätzungen diverser Untersuchungen schwanken zwischen 10 und 25 Prozent. Das liegt unter anderem daran, dass besonders schnell wachsende Tumore zwischen zwei Screening-Terminen auftreten können: Bei der ersten Untersuchung waren sie noch nicht zu erkennen und bis zur folgenden haben sie schon ein kaum noch heilbares Stadium erreicht. Aber so manche Frau fühlt sich nach der Vorsorgeuntersuchung in trügerischer Sicherheit und achtet nicht auf mögliche Knoten in ihrer Brust.
Außerdem werden häufig verdächtige Gewebsveränderungen gefunden, die gar kein Krebs sind. Nicht nur, dass ein solcher falscher Alarm die betroffene Frau in seelische Nöte stürzt, immer wieder erfolgen auch Behandlungen, die nicht notwendig wären. Besonders gilt dies für sehr langsam wachsende Tumore, in der medizinischen Fachsprache „Carcinoma in situ“ genannt. Obwohl sich ein Großteil dieser Gewebsveränderungen auch ohne jegliche Behandlung spontan zurückbilden würde, werden die betroffenen Frauen, sofern man sie nicht gleich operiert, unnötigerweise bestrahlt oder müssen eine höchst unangenehme Chemotherapie über sich ergehen lassen. Das belegen etliche Studien, unter anderem die des Krebsforschers Per-Henrik Zahl vom Norwegischen Institute of Public Health in Oslo. Er hat zahlreiche Untersuchungen zum Nutzen des Mammografie-Screenings veröffentlicht.





