Die meisten Fischer mögen keine Quallen, denn sie verstopfen die Netze mit nesselndem Schleim. Anders am Kaspischen Meer: Dort setzen die Fischer große Hoffnungen auf eine Qualle.
Das Drama begann 1995. Im iranischen Teil des Kaspischen Meeres fanden Biologen eine Rippenqualle, die sie dort noch nie gesehen hatten. Von ihren Kollegen am Schwarzen Meer erhielten die Forscher die Bestätigung ihrer schlimmsten Befürchtungen: Es war die Meerwalnuss, Mnemiopsis leidyi. Dieser gefräßige Räuber hatte die Fischerei im Schwarzen und Asowschen Meer fast zum Erliegen gebracht. Denn sein Beutespektrum umfasst alles, was kleiner als einen Zentimeter ist. Die in unglaublichen Massen durch das Meer glibbernde Qualle fraß den Fischen die Nahrung weg und fiel außerdem über deren Eier und Larven her. Den Einwanderer hatten Handelsschiffe in ihrem Ballastwasser, mit dem die großen Transportfrachter ihr Gewicht stabilisieren, schon in den achtziger Jahren aus Amerika eingeschleppt. Erst 1998 fiel den Fischern am Kaspischen Meer die zwei bis sechs Zentimeter große Rippenqualle auf, die wie eine durchsichtige Stachelbeere aussieht. Im Jahr 2000 kam Mnemiopsis leidyi schon in 80 Prozent des Kaspischen Meeres vor. Die Fischereierträge sanken allein im iranischen Teil des Gewässers von 82000 Tonnen (1999) auf 42000 Tonnen (2001) – eine Existenz bedrohende Katastrophe für viele Fischerfamilien. Und nicht nur für sie: Auch für Störe, Vögel und die nur im Kaspischen Meer lebende Kaspi-Ringelrobbe (Phoca caspica) ist die Meerwalnuss eine ernst zu nehmende Gefahr. Die Bedrohung für Ökologie und Wirtschaft ist so groß, dass die Anrainerstaaten eine intensive internationale Zusammenarbeit begonnen haben, in die sie US-amerikanische Experten einbeziehen. Rippenquallen, von denen es in den Weltmeeren nur etwa 80 Arten gibt, sind etwas Besonderes: Anders als Quallen, die sich vorwärts bewegen, indem sie ihre muskulöse Glocke zusammenziehen, schwimmen Rippenquallen mit zu Kämmen verklebten Wimpern. Sie gehören zum Stamm der Ctenophora, der „Kammträger”. Anders auch als Quallen, die von bodenlebenden Polypen abstammen und sich meist nur einmal im Jahr vermehren, leben Rippenquallen ausschließlich im freien Wasser, wo sie sich unter günstigen Bedingungen ständig und dazu sehr schnell vermehren. An der Ostküste Nordamerikas ist die Meerwalnuss eine Schlüsselart, die das Ökosystem entscheidend beeinflusst. Doch sie ist keine Bedrohung, da sich in der Evolution zur Meerwalnuss wie zu jeder Rippenquallengattung, die sich von Planktonkrebsen und Fischlarven ernährt, auch ein hochspezialisierter Räuber aus dem gleichen Tierstamm entwickelt hat. Solche Beziehungen zwischen Räuber und Beute kommen in der Natur häufig vor. Ähnlich wie etwa der Siebenpunkt-Marienkäfer am liebsten Blattläuse frisst, stehen die Larven der Meerwalnuss bei der Seemelone Beroe ovata ganz oben auf dem Speiseplan. Schon bei der Mnemiopsis-Katastrophe im Schwarzen und Asowschen Meer erwies sich der Räuber mit dem harmlosen Namen als effektive Waffe gegen die Meerwalnuss-Plage. Die Biologen Dr. Tamara Shiganova vom Shirshov Institute for Ocean Sciences in Moskau und Dr. Ahmet E. Kideys vom Institute of Marine Sciences in Erdemli, Türkei, dokumentierten zusammen mit anderen Wissenschaftlern den Kampf der Quallen: Zunächst vermehrte sich die Meerwalnuss in kurzer Zeit massiv. Parallel dazu gingen die Fischereierträge in den Keller. Während die Forscher noch planten, Beroe im Schwarzen Meer anzusiedeln, um der Lage Herr zu werden, fanden sie 1996 einige Exemplare der Seemelone im Marmara-Meer. Es verbindet das Schwarze Meer mit dem Mittelmeer, wo die nützliche Seemelone von Quallen lebt, die mit der Meerwalnuss verwandt sind. Im Schwarzen Meer fand die Seemelone mit den Mnemiopsis-Larven ihre bevorzugte Nahrung und vermehrte sich so gut, dass ihre Beute Mnemiopsis leidyi heute im Schwarzen Meer kein Problem mehr ist. Die Fischerei hat wieder die Fangquoten der Zeit vor der Rippenqualleninvasion erreicht. Um auch das Kaspische Meer von der Rippenqualleninvasion zu erlösen, ist jedoch menschliche Hilfe nötig, da die recht seltene Seemelone es kaum allein in das Binnenmeer schaffen wird. Es existiert keine natürliche Verbindung zwischen Schwarzem und Asowschen Meer auf der einen Seite und dem tiefer liegenden Kaspischen Meer auf der anderen Seite. Es gibt zwar den Wolga-Don-Kanal, der das Kaspische Meer mit dem Schwarzen Meer verbindet, aber dort verkehren nur Binnenschiffe mit geringem Tiefgang, die kaum Ballastwasser mit sich führen – und damit auch keine Quallenlarven als blinde Passagiere. Trotzdem ist die Meerwalnuss wahrscheinlich genau auf diesem Weg ins Kaspische Meer gelangt. Zurzeit untersuchen iranische Forscher, ob Beroe überhaupt in der Lage ist, im salzarmen Kaspischen Meer zu leben. Aus ihrer Heimat ist die Seemelone Salzkonzentrationen von 17 bis 35 Promille gewöhnt. Im Norden des Kaspischen Meeres liegt der Salzgehalt unter 10 Promille, aber das ist auch im Asow-schen Meer der Fall, in das die Seemelone in den letzten Jahren eindrang. Daher stehen ihre Überlebenschancen dort gut. Tierische Einwanderer, die in ihrem neuen Lebensraum ausreichend Nahrung und keine Feinde vorfinden, werden schnell zum Problem. Und gerade im Ballastwasser, von dem die Ozeanriesen täglich hunderttausende von Tonnen über die Meere schippern, reisen ständig Millionen blinder Passagiere mit um die Welt. Um dieser Gefahr zu begegnen, stellte die Internationale Meeres-Organisation (IMO) ein Global Ballast Water Management Program auf. Dieses ermöglicht den Forschern einzugreifen, wenn sich ein unerwünschter Eindringling in neuen Heimatgewässern unkontrolliert vermehrt. Dabei ist die biologische Kontrolle durch andere Arten eine natürliche Vorgehensweise. Sie birgt aber neue Gefahren, da selbst Experten kaum absehen können, ob der Neuling nicht auch anderen Lebewesen zu Leibe rücken, sie verdrängen oder gar vernichten wird. Während ein Spezialist in einer neuen Heimat nur wenig Schaden anrichtet, haben eingeführte Generalisten, die fressen, was ihnen in den Weg kommt, häufig katastrophale Auswirkungen auf ein Ökosystem. Etwa im 19. Jahrhundert auf Jamaica: Ein gutes Jahrhundert lang hatten sich eingeschleppte Ratten über die Zuckerrohrfelder hergemacht und eine Ernte nach der anderen vernichtet. Weder Frettchen noch Ameisen oder giftige Aga-Kröten hatten den erhofften Erfolg gebracht, sondern nur noch mehr Schaden angerichtet. Ebenso wie indische Mungos, die ein verzweifelter Farmer auf die Insel brachte. Die lange groteske Kette der Rettungsversuche gipfelte in einer weiteren Katastrophe, denn die Ratten lernten schnell, dass die Mungos schlechte Kletterer waren, und flüchteten auf die Bäume. Daraufhin fraßen die Mungos fast alles, was ihnen über den Weg lief. Heute hat man aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt und untersucht gründlich, welche Auswirkungen eine Art in einer neuen Umgebung haben könnte. Dr. Serge Volovik vom Institut für die Biologie der südlichen Meere im russischen Rostov am Don, propagiert schon seit langem, die Seemelone ins Kaspische Meer einzuführen. Er empfiehlt sogar die Einrichtung einer Dauerkultur dieser Rippenqualle, um sie dann aussetzen zu können, wenn Mnemiopsis sich – wie inzwischen in jedem Sommer aufs Neue – massenhaft im Asowschen aber auch im Kaspischen Meer ausbreitet. Inzwischen haben er und seine Kollegen die Anrainernationen vom biologischen Kampf der Seemelone gegen die Meerwalnuss überzeugt. Die Pläne der Kaspi-Staaten gehen dabei über die in der Europäischen Gemeinschaft geltenden Anforderungen der Water Quality Guidelines, der Wasser-Rahmenrichtlinien, hinaus, die nur den Bestand von Phytoplankton, Fischen und Bodenbewohnern regeln. Von Zooplankton – wie Quallenlarven – ist darin nicht die Rede. Dabei zeigt gerade das Beispiel der Rippenquallen-Invasion im Schwarzen, Asowschen und Kaspischen Meer, wie notwendig es ist, auch das Zooplankton sorgfältig zu überwachen.
Kompakt
Im Ballastwasser großer Schiffe werden Tierarten in fremde Meere verschleppt und bedrohen dort das Ökosystem. Beispiel Kaspisches Meer: Dort vernichtet eine Rippenqualle die Fischbestände. Der Mensch will ihren natürlichen Fressfeind dazu nutzen, das Meer wieder ins Gleichgewicht zu bringen.
Kurz vor dem Kollaps
Die Qualle Mnemiopsis leidyi, die Meerwalnuss, ist nur eine der Gefahren für den einzigartigen Lebensraum Kaspisches Meer. Andere Bedrohungen sind Dämme in der Wolga, die den Fischen den Zugang zu ihren Brutplätzen versperren, und die enorme Umweltverschmutzung. Die Wolga ist die zentrale Kloake Russlands. Die Hälfte der Bevölkerung, darunter viele Betriebe der Schwerindustrie, leitet ihre Abwässer unbehandelt in den Fluss und damit in das Binnenmeer. Auch Öl- und Gas-Industrie, vor allem rund um Baku in Aserbaidschan, schädigen die Natur – das Gebiet hat annähernd doppelt so viele Ressourcen wie die Nordsee. Die Ölplattformen und Raffinerien tragen enorm zur Umweltverschmutzung bei, berichtet die US-amerikanische Energy Information Administration. Zusätzlich verschmutzen Atommülldeponien in Kasachstan das Meer mit radioaktiven Abfällen. Dem Stör rücken Wilddiebe zu Leibe, die es auf den Kaviar abgesehen haben. Nun soll die Seemelone der Meerwalnuss den Garaus machen. Die Quallen-Epidemie lässt sich im Vergleich mit den anderen Gefahren vermutlich sogar leicht in den Griff bekommen. Denn im Schwarzen Meer, das vor einigen Jahren von Mnemiopsis heimgesucht wurde, haben die Fischereierträge dank der gefräßigen Seemelone wieder das Niveau vor der Quallen-Invasion erreicht (siehe Grafik unten).
Das Ökosystem Kaspisches Meer
Das Kaspische Meer ist das größte Binnenmeer der Erde. Mit einer Fläche von 357021 Quadratkilometern ist es so groß wie Deutschland und die Niederlande zusammen. Der Wasserspiegel liegt 28 Meter unter Normalnull, dem Niveau der Weltmeere. Mit einer Tiefe von maximal 1000 Metern und einer topografischen Vielfalt von der flacheren russischen bis zur tiefen iranischen Seite bietet das Binnenmeer unterschiedlichste Lebensräume. Einst war das Kaspische Meer Teil des im Äquatorbereich gelegenen Tethysmeeres, das sich vor etwa 250 Millionen Jahren zwischen die Urkontinente Gondwana und Laurasia schob und so den Atlantischen mit dem Pazifischen Ozean verband. Aus dieser Zeit stammt auch der Salzgehalt von etwa 10 Promille – die Ozeane haben sonst im Schnitt 35 Promille. Im Kaspischen Meer leben etwa 400 spezielle Tier- und Pflanzenarten, die nur dort vorkommen, beispielsweise die Kaspi-Ringelrobbe. Außerdem ist es der weltgrößte und wichtigste Lebensraum des Beluga-Störs, der den weltberühmten schwarzen Kaviar liefert. In den Anrainerstaaten Aserbaidschan, Russland, Turkmenistan, Kasachstan und Iran leben viele Vögel ständig oder als Gäste auf dem Vogelzug. Neben den Strömen Wolga, Kura, Terek, Ural und Sulak fließen über 100 Flüsse in das Kaspische Meer. Allein das Wolga-Delta ist 200 Kilometer breit.
Dr. Wulf Greve Cornelia Pfaff





