Querrippen und ein Schildkrötenrelief
Wie die Archäologen berichten, handelt sich um das fast vollständige Hinterende eines komplexen und robusten Kanus, das aus einem einzigen Stamm geschnitzt worden war. Das gut sechs Meter lange und 85 Zentimeter breite Teilstück des Bootes endet in einer gebogenen, schmal zulaufenden Spitze. Auf der Außenseite dieses Endstücks entdeckten Johns und ihre Kollegen das geschnitzte Relief einer Schildkröte, von deren Hinterende eine geschweifte Linie ausgeht. Sie könnte eine Schwimmbewegung des Tieres andeuten. Wie die Forscher erklären, sind Schildkrötenmotive in der Maori-Schnitzerei extrem selten. Bei den Polynesiern dagegen hatten Meeresschildkröten ein hohes Ansehen und tauchten häufig in Kunstwerken, Mythen und Ritualen auf. “Es ist daher wahrscheinlich, dass das Schildkrötenmotiv auf die damals noch starken kulturellen Verbindungen Neuseelands mit dem tropischen Ostpolynesien hindeuten”, sagen die Wissenschaftler.
Ebenfalls bemerkenswert an dem Kanu ist seine komplexe innere Struktur, wie Johns und ihre Kollegen berichten: Der hohle Rumpf wird innen von vier Querrippen stabilisiert, außerdem zieht sich eine weitere Verstrebung in Längsrichtung am Rumpf entlang. Zahlreiche in Reihen angeordnete Löcher deuten zudem darauf hin, dass einst weitere Bauteile mit dem Rumpf verbunden waren. “Interne Rippen dieser Art sind für neuseeländische Boote unbekannt, wurden aber 1913 von einem britischen Offizier auf den Cook Inseln beschrieben”, erklären die Forscher. Auch dies weist ihrer Ansicht nach darauf hin, dass dieses Kanu zwar in Neuseeland gebaut wurde, aber aus der Anfangszeit der Kolonisierung der Insel stammt und daher noch sehr eng mit der polynesischen Tradition verbunden war.
Auf Basis der Fundstücke und der bereits bekannten Überlieferungen konnten die Forscher die ursprüngliche Form des Kanus rekonstruieren. Demnach handelte es sich vermutlich um ein durchaus für weite Seereisen geeignetes Boot. Es besaß ursprünglich zwei Rümpfe aus ausgehöhlten Baumstämmen, die miteinander verbunden waren. Ein Deck aus Planken und sogar ein kleiner Unterstand darauf könnten den Seglern auf den langen Überseefahrten Schutz geboten haben. Ein Segel sorgte für den nötigen Antrieb, denn in der unruhigen, offenen See vor dieser Küste wäre man mit bloßem Paddeln nicht sehr weit gekommen, wie die Archäologen erklären.
Günstige Winde
Warum Neuseeland erst relativ spät von den Polynesiern erreicht wurde, dazu liefert eine zweite Studie von Ian Goodwin von der Macquarie University in Sydney und seinen Kollegen nun Hinweise. Neuseeland fast genau südlich der Cook Inseln, von denen aus die Kolonisierung vermutlich begann. Das aber bedeutet, dass man per Segelboot streckenweise senkrecht zur vorherrschenden Windrichtung segeln muss. Um die Osterinsel von Polynesien aus zu erreichen, muss man sogar gegen den Ostwind segeln – ein enormer technischer und zeitlicher Aufwand. Goodwin und seine Kollegen haben daher anhand von Klimamodellen untersucht, ob es früher möglicherweise Perioden gab, in denen sich die vorherrschende Windrichtung umkehrte oder zumindest so veränderte, dass ein Segeln vor dem Wind möglich war.





