von CLAUDIA EBERHARD-METZGER
Die Kinder von der Musikschule abholen, noch schnell in den Supermarkt und bloß nicht vergessen, den Hund rauszulassen. Anne geht in Gedanken das Nachmittagsprogramm durch. „Den Hund rauslassen …“, sagt sie heute und kann tatsächlich schon wieder ein wenig darüber schmunzeln – das sei wohl das Letzte gewesen, was sie gedacht habe.
Anne W. (Name geändert), 37 Jahre, Lehrerin und dreifache Mutter, wird es nach einem anstrengenden Unterrichtstag auf dem Parkplatz vor ihrer Schule plötzlich schwindlig, sie verliert das Bewusstsein, ihr Herz hat plötzlich aufgehört zu schlagen. Dass sie heute wieder arbeiten und mit ihrer Familie zusammen sein kann, verdankt sie ihrem Kollegen, einem Sportlehrer. Er beobachtet, wie sie neben ihrem Auto zusammenbricht, und beginnt sofort mit der Herzdruckmassage. Sieben Minuten lang drückt er, mit aller Kraft, beide Handballen auf Annes Brustkorb, immer und immer wieder. Dann ist der Rettungswagen mit dem Notarzt vor Ort. Anne kommt auf die Intensivstation, nach fünf Tagen erwacht sie aus dem künstlichen Koma.
Vom plötzlichen Herztod, auch Herz-Kreislauf-Stillstand, sind in Deutschland alljährlich 65.000 bis 100.000 Menschen betroffen, zumeist ältere, doch auch jüngere bleiben nicht verschont: etwa ein Drittel der Betroffenen ist unter 65 Jahre alt. Hierzulande haben nur die wenigsten das Glück, wie Anne W. von einem Ersthelfer gerettet zu werden. „Mit der Laienanimationsrate sieht es in Deutschland im internationalen Vergleich schlecht aus“, sagt Holger Thiele, Direktor der Universitätsklinik für Kardiologie in Leipzig, anlässlich der Herztage 2023 der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie in Bonn. Während etwa in skandinavischen Ländern bereits seit Langem Quoten von über 70 Prozent erreicht werden, sind es in Deutschland konstant kaum mehr als 40 Prozent. Das müsse sich ändern, fordern Experten. Mit einer höheren Quote ließen sich allein in Deutschland mehr als 10.000 Menschenleben pro Jahr zusätzlich retten.
Koronare Herzkrankheit
Noch besser wäre es, es käme erst gar nicht zu dem dramatischen Ereignis, das Menschen so unvermittelt aus dem Leben reißt und Angehörige tief verstört zurücklässt. So schicksalhaft und unvermeidbar, wie der plötzliche Herztod scheint, ist er nicht. „Bei mehr als 80 Prozent der Opfer“, erklärt Thomas Voigtländer, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Herzstiftung und Direktor des Bethanien-Krankenhauses in Frankfurt am Main, „besteht schon vor dem tragischen Vorkommnis eine Erkrankung des Herzens.“ Zumeist handelt es sich dabei um eine bis dato unerkannte Erkrankung der Herzkranzgefäße, die „koronare Herzkrankheit“. Wird sie frühzeitig erkannt und behandelt, reduziert sich das Risiko, einen plötzlichen Herztod zu erleiden, auf ein Minimum. „Es müssen deshalb alle Anstrengungen darangesetzt werden, Menschen mit koronarer Herzkrankheit zu identifizieren und ihnen rechtzeitig eine Therapie zuteilwerden zu lassen“, sagt Voigtländer.





