Doch das nur als kleiner wissenschaftshistorischer Einstieg. Bleiben wir vielmehr bei der Erkenntnis von Charles Darwin (sowie unabhängig auch von Alfred Russell Wallace), dass Arten sich über evolutionäre Zeiträume hinweg kontinuierlich verändern. Damit sie das tun können, muss sich natürlich erst „in ihrem Inneren“ etwas verändern. Wie wir heute wissen, beginnt das mit den Genen als Steuereinheiten der Vererbung und des Zellgeschehens. Durch Mutationen verändern sie ihre DNA-Sequenz, wodurch sie bisweilen modifizierte Funktionen übernehmen können oder ganz abgeschaltet werden. Und durch Mutationen in zuvor bedeutungslosen Genomabschnitten entstehen manchmal auch ganz neue Gene mit neuen Funktionen.
Klar, dass mit den von den Genen codierten Protein- und RNA-Produkten annähernd das Gleiche geschieht: Sie übernehmen durch Modifikation neue oder veränderte Funktionen, verschwinden ganz oder entstehen bisweilen ebenfalls neu.
Und was folgt wiederum daraus? Biochemisch-physiologische Mechanismen oder zelluläre Strukturen werden modifiziert, sie verschwinden ganz, weil der Organismus sie nicht mehr braucht – oder sie werden neu installiert, um bislang fehlende Funktionen zu realisieren.
Das Ganze kann schließlich weitergehen bis zur Ebene der Organe oder ganzer Körperstrukturen: Auch sie erscheinen neu, gehen ganz – oder sie verändern sich und übernehmen andere Funktionen. Eine solche Neubildung ist etwa die sogenannte Bursa Fabricii, ein Organ, in dem Vögel die B-Zellen ihres Immunsystems zur Reifung bringen. Mannigfach abgeschafft wurden hingegen etwa die Augen verschiedenster Organismen, nachdem diese zum Überleben in dunkle Höhlen umgezogen waren.
Neue alte Strukturen
Häufiger jedoch kam es zu Umprogrammierungen auf neue Funktionen: Arme wurden zu Flossen und Flügeln, oder Beine zu Mundwerkzeugen und Antennen. Und so manches Mal wurden auch Strukturen erneut wieder eingeführt, die die Vorfahren zuvor abgeschafft hatten. Ein Beispiel dafür sind die Flügel bei einigen Stabinsekten.
Dieses sekundäre Wiedereinführen von Strukturen, die in einer evolutionären Linie einst etabliert waren, dann aber vorübergehend wieder abgeschafft wurden, lohnt einen genaueren Blick. Denn als zwingende Voraussetzung für solch eine Wiederbelebung dürfen die zugrundeliegenden Gene für Aufbau und Wirken der jeweiligen Struktur über die gesamte Auszeit nicht eliminiert, sondern lediglich stillgelegt sein. Nur dann kann durch wenige „richtige“ Mutationen die Produktion der funktionierenden Struktur relativ reibungslos wieder angeworfen werden. Auf diese Weise könnten etwa Hühner irgendwann wieder Zähne bilden oder uns Menschen Schwänze wachsen. Denn die Gene für deren Entwicklung schlummern immer noch in den betreffenden Genomen.





