Ob Vögel, Delfine oder Menschenaffen: Viele Tiere nutzen die Apotheke der Natur, um Krankheiten zu behandeln, Parasiten zu bekämpfen oder Wunden zu verarzten. Teils fressen sie medizinisch wirksame Pflanzen, teils verarbeiten sie diese zu Nistmaterialien oder Wundauflagen. Bei Orang-Utans wurde beispielsweise bereits beobachtet, wie ein Individuum entzündungshemmende Pflanzen zerkaute und auf eine Verletzung auftrug.
Pflanzen mit medizinischen Eigenschaften
Nun hat ein Team um Georgia Allen von der University of Exeter umfassend untersucht, welche Heilpflanzen Orang-Utans zu sich nehmen. Dazu werteten die Forschenden Daten von wildlebenden Orang-Utans auf Borneo aus, die über 20 Jahre hinweg wissenschaftlich beobachtet wurden. „Insgesamt haben wir 12.236 einzelne Fressvorgänge von 55 einzelnen Orang-Utans an 2.419 Tagen über einen Zeitraum von 20 Jahren erfasst“, berichtet das Team.
Wie die Auswertung zeigte, ernährten sich die Tiere von 202 verschiedenen Pflanzenarten und zahlreichen unterschiedlichen Pflanzenteilen, darunter Früchte, Blätter, Mark, Wurzeln, Blüten, Pflanzensaft und Rinde. Ein Abgleich mit ethnomedizinischen Informationen ergab, dass 64 der von den Orang-Utans verzehrten Pflanzen auch von der lokalen indigenen Bevölkerung als Heilmittel genutzt werden. „Zum jetzigen Zeitpunkt können wir nicht sagen, dass Orang-Utans sich bewusst selbst ‚diagnostizieren‘, so wie es Menschen tun würden“, sagt Allen. „Unsere Ergebnisse deuten jedoch darauf hin, dass sie bestimmte Pflanzen mit medizinischen Eigenschaften selektiv verzehren, und zwar in einer Weise, die über die reine Ernährung hinausgeht.“
Kombination von Wirkstoffen
Für 19 dieser Pflanzen, die bekanntermaßen medizinische Wirkungen aufweisen und bei den Orang-Utans besonders häufig zum Einsatz kamen, analysierten die Forschenden die Verzehrmuster genauer. Dabei stellten sie fest, dass die Menschenaffen einige Pflanzen besonders häufig in Kombination mit anderen fraßen. „Unsere Ergebnisse legen nahe, dass Borneo-Orang-Utans bestimmte Pflanzenarten möglicherweise aktiv in Kombinationen suchen und sie in bestimmten Abfolgen verzehren, was mit den Erwartungen an kombinatorisches selbstmedikatorisches Verhalten übereinstimmt“, schreibt das Team.
Häufige Kombinationen umfassten beispielsweise die Lianenart Fibraurea tinctoria, die ein Alkaloid mit antimikrobiellen und entzündungshemmenden Eigenschaften enthält, Blätter von Alyxia-Büschen, die ebenfalls entzündungshemmend wirken, sowie Früchte der Pflanze Willughbeia, deren Inhaltsstoffe wahrscheinlich den Abbau des Neurotransmitters Acetycholin hemmen und damit die Signalübertragung im Nervensystem verbessern. „Zusammengenommen deuten diese Eigenschaften darauf hin, dass Kombinationen dieser Pflanzen gleichzeitig entzündungshemmende, antimikrobielle, neuroprotektive und wundheilende Wirkungen entfalten könnten“, erklären Allen und ihre Kollegen.
Ansätze für weitere Studien
Da keine Informationen zum Gesundheitszustand der Orang-Utans erhoben wurden, ist noch unklar, ob sie die Heilpflanzen gezielt zur Behandlung konkreter Leiden einsetzten. Da die meisten der medizinisch wirksamen Pflanzen jedoch keinen wesentlichen Anteil an der täglichen Ernährung der Menschenaffen haben, liegt den Forschenden zufolge die Schlussfolgerung nahe, dass sie aufgrund ihrer spezifischen Vorteile verzehrt wurden – und nicht einfach aus Appetit.
Für zukünftige Studien schlagen die Forschenden vor, chemische Analysen der Pflanzeninhaltsstoffe mit detaillierten Verhaltens- und Gesundheitsdaten der Menschenaffen zu verbinden und so mögliche therapeutische Wirkungen zu validieren. Zusätzlich wollen sie testen, inwieweit sich die von den Orang-Utans zusammen konsumierten Heilpflanzen tatsächlich in ihrer Wirkung ergänzen und verstärken. „Unsere Ergebnisse bieten potenzielle Einblicke in neue medizinische Ressourcen und unterstreichen die Bedeutung des ökologischen und ethnomedizinischen Wissens indigener Völker für den Erhalt der biologischen Vielfalt und die globale Gesundheitsforschung“, so das Team.
Quelle: Georgia Allen (University of Exeter, UK) et al., Scientific Reports, doi: 10.1038/s41598-026-52614-4





