Das kleine Kind streckt seine Hand nach dem Plüschhund im gelben T-Shirt aus und gibt ihm einen Kuss auf die Nase. Der Hund mit dem blauen Shirt wird dagegen vollkommen ignoriert. Einziger Unterschied zwischen den beiden: Der blaue Hund hat zuvor einem Plüschhasen geholfen, der nicht, wie das Kind, Vollkornkekse mag, sondern grüne Bohnen bevorzugt. Der favorisierte gelbe Hund hat diesen Hasen dagegen ordentlich geärgert und dieses Verhalten macht ihn in den Augen des Kindes offensichtlich deutlich attraktiver als seinen Artgenossen im blauen Shirt.
Das Szenario ist Teil einer Testreihe, die US-amerikanische und kanadische Psychologen mit insgesamt 100 Kindern im Alter von neun Monaten und 78 Kindern im Alter von 14 Monaten durchgeführt haben. Ziel war es, zu testen, ob auch bei derartig kleinen Kindern schon eine Vorliebe für Individuen zu erkennen ist, die ihnen ähneln. Bei Erwachsenen ist eine solche Tendenz sehr ausgeprägt: Sie umgeben sich instinktiv lieber mit anderen Menschen, die die gleiche Sprache sprechen, die gleiche Hautfarbe haben, aus dem gleichen Dorf kommen oder ähnliches Essen mögen. Zudem schreiben sie ähnlich gestrickten Menschen eher positive Eigenschaften wie Vertrauenswürdigkeit und Intelligenz zu und interpretieren auch deren Verhalten positiver. Die Tests mit den Kindern sollten nun helfen, den Wurzeln dieser ausgeprägten und in praktisch allen Kulturen vorkommenden Neigung auf die Spur zu kommen.
Bohnen gegen Vollkornkekse
Im ersten Teil der Experimente bekamen die Kleinen dazu zwei Schüsselchen vorgesetzt eine mit Vollkornkeksen und eine mit grünen Bohnen. Sie durften sich aus dem Schüsselchen etwas nehmen, dessen Inhalt sie lieber mochten. In der zweiten Phase sahen die Kinder dann ein kleines Schauspiel mit zwei Plüschhandpuppen Hasen in unterschiedlich farbigen T-Shirts. Einer der beiden bevorzugte das Essen, das die Kinder zuvor selbst favorisiert hatten, während der andere das andere Schüsselchen wählte. Anschließend folgten dann mehrere kurze Spielszenen, in denen weitere Handpuppen den Hasen entweder halfen oder sie ärgerten. Am Ende wurden den Kleinen schließlich die helfenden oder gemeinen Plüschpuppen gezeigt, und die konnten diejenigen wählen, die sie mehr mochten. (Videos von den Experimenten finden Sie hier. )
Das Ergebnis überraschte die Forscher, nicht zuletzt wegen seiner Deutlichkeit: Die Kinder wählten nicht nur übereinstimmend die Figur, die dem Hasen mit den gleichen Essensvorlieben geholfen hatte. Praktisch genauso häufig entschieden sie sich auch für das Plüschtier, das den anderen Hasen geärgert hatte also den, der sich gegen ihr Lieblingsessen entschieden hatte. Bei den neun Monate alten Kindern waren es mehr als drei Viertel und bei den 14 Monate alten sogar 100 Prozent, die dieses Verhalten zeigten.
Die Welt wird in Ähnliches nicht Nicht-Ähnliches eingeteilt
Kinder bevorzugen zwar eigentlich freundliche Menschen, erläutern die Forscher. Allerdings versuchen sie mit etwa einem Jahr, ihre Umwelt einzuschätzen und herauszufinden, wer Freund und wer Feind ist, wer ihnen also gefährlich werden kann und wer ihnen eher hilft. Ähnlichkeiten und fehlende Ähnlichkeiten sind dabei offensichtlich ein wesentlicher Faktor, so das Team. Denn offenbar beurteilen die Kinder nicht einfach grundsätzlich hilfreiches Verhalten als richtig es kommt vielmehr stark darauf an, wem dieses Verhalten gilt. Das sehe man im vorliegenden Beispiel, in dem ein und dieselbe Verhaltensweise völlig unterschiedlich bewertet wird, abhängig davon, ob der Empfänger ihnen ähnelt oder nicht.
Warum die Kinder sich so entscheiden, können die Forscher noch nicht sagen. Es sei möglich, dass sie eine Art Schadenfreude empfinden, wenn ein Individuum bestraft wird, das ihnen unheimlich ist oder das sie als bedrohlich empfinden, erläutern sie. Alternativ oder auch zusätzlich könnte es jedoch auch sein, dass die Kleinen bereits beginnen, einen Sinn für Allianzen zu entwickeln. In diesem Fall würden sie nach dem Motto vorgehen: “Der Feind meines Feindes ist mein Freund”.
Tief verwurzeltes Prinzip
Was auch immer der Grund, die Neigung zu anderen mit ähnlichen Eigenschaften ist offenbar sehr tief in der menschlichen Psyche verankert und nicht nur, wie häufig postuliert, erlernt und anerzogen. Sie hat sich vermutlich entwickelt, um den Menschen zu helfen, soziale Bindungen einzugehen und in einer komplexen Gesellschaft schnell sinnvolle Entscheidungen zu treffen. Das heiße jedoch nicht, dass sich daraus zwangsläufig eine Angst vor Fremdem oder Fremden oder heftige Gruppenkonflikte entwickeln müssen, betont das Team. Es zeige vielmehr, dass es extrem wichtig ist, bereits sehr früh intensiv, konsequent und gezielt gegen diese Veranlagung anzuarbeiten.
Kiley Hamlin (University of British Columbia) et al.: Psychological Science, Online-Vorabveröffentlichung, doi: 10.1177/0956797612457785 © wissenschaft.de Ilka Lehnen-Beyel





