Schon in den 1980er Jahren enthüllten Aufnahmen der Voyager-Sonden vom Saturn ein im Sonnensystem einzigartiges Gebilde: ein riesiges, verblüffend regelmäßiges Sechseck um den Nordpol des Gasriesen. Dieses Hexagon besteht aus einem zentralen Wirbel, der von einem scharf abgegrenzten sechseckigen Strömungsband umgeben ist. Aufnahmen der NASA-Sonde Cassini und des Hubble-Teleskops bestätigen, dass dieses Saturn-Hexagon bis heute besteht – es ist demnach seit mehr als 40 Jahren stabil.
Rätsel um den Saturn-Südpol
Das Seltsame jedoch: Am Saturn-Südpol schien es keine solche Formation zu geben. „Angesichts der Symmetrie von Saturns Jetstream-System haben wir seit 1990 nach einem Gegenstück zu Saturns nördlichem Hexagon am Südpol gesucht“, berichtet Agustín Sánchez-Lavega von der Universität des Baskenlandes in Bilbao. „Auch Aufnahmen der NASA-Raumsonde Cassini, die Saturn zwischen 2004 und 2017 umkreiste, lieferten keinerlei Hinweise auf eine solche Formation.“ Von 2012 bis 2023 war der Saturn-Südpol von der Erde aus nicht sichtbar, weil der Planet uns seine Nordhälfte zukehrte.
Jetzt zeigt sich am lange verborgenen Saturn-Südpol etwas Überraschendes: Aufnahmen des Hubble-Weltraumteleskops und mehrerer erdbasierter Teleskope enthüllen nun doch eine regelmäßige, eckige Formation am Südpol des Ringplaneten. Diese ist jedoch nicht sechseckig wie am Nordpol des Saturn, sondern zehneckig. „Etwas Ähnliches haben wir nie zuvor auf dem Saturn gesehen“, sagt Co-Autorin Amy Simon vom Goddard Space Flight Center der NASA.
13.000 Kilometer breites Eckenband
Nähere Analysen zeigen, dass das neu entdeckte Dekagon des Saturn durch zehn in regelmäßigem Abstand stehende Wirbel gebildet wird. Zusammen lenken sie die Gasströmungen der polaren Windbänder so um, dass sich eine stehende, zehnseitige Welle bildet. „Drei der Ecken und Kanten sind sehr auffällig, vier etwas weniger prominent und drei nur schwach definiert“, berichten die Forschenden. Das zehneckige Band ist rund 13.000 Kilometer breit und liegt zwischen dem 53. Und 66. südlichen Breitengrad des Planeten.
Diese merkwürdige Zehneck-Form ist in verschiedenen Wellenlängen zu erkennen und reicht bis in tiefe Schichten des Saturn hinunter. „Es handelt sich demnach um ein mehrschichtiges, in mehrere Ebenen gegliedertes Phänomen“, berichten Sánchez-Lavega und seine Kollegen. In dieser Hinsicht gleicht das Südpol-Dekagon dem berühmten Hexagon am Nordpol des Saturn.

Hubble-Aufnahmen des Saturn-Südpols in zwei unterschiedlichen Wellenlängen. In beiden ist das Dekagon zu erkennen. — © NASA/ESA, A. Sánchez-Lavega (Universität des Baskenlandes, EHU)
Warum ist das Dekagon erst jetzt entstanden?
Doch es gibt einen entscheidenden Unterschied: „Das Hexagon am Nordpol ist seit mehr als 40 Jahren zu beobachten. Aber dieses Phänomen ist anders“, sagt Simon. Das Südpol-Zehneck scheint sich erst im Jahr 2023 gebildet zu haben und wird seither allmählich deutlicher. „Die Frage ist jedoch, warum es erst jetzt entstanden ist – und warum wir nie zuvor etwas Vergleichbares am Saturn-Südpol gesehen haben“, so die Astronomin.
Wenn das Südpol-Zehneck von den Jahreszeiten abhinge und nur im Südsommer des Saturn aufträte, hätte man es schon früher sehen müssen. Denn die Saturn-Südhälfte ist jeweils rund 15 Jahre lang der Sonne zugewandt, bevor die Nordhälfte 15 Jahre lang stärker bestrahlt wird. Doch in Aufnahmen des Hubble-Teleskops aus den 1990er Jahren ist keine eckige Formation am Saturn-Südpol zu sehen. „Trotz Jahrzehnten der Beobachtung wurde weder am Südpol noch sonstwo auf dem Saturn eine vergleichbare Wellenstruktur beobachtet“, berichten die Forschenden.
Bleibt das Zehneck bestehen?
Ebenso rätselhaft wie seine Entstehung ist auch die Zukunft des Südpol-Dekagons: Ob sich dieses zehneckige Strömungsgebilde demnächst wieder auflöst oder ob es ähnlich langlebig ist wie das Nordpol-Hexagon, ist zurzeit noch völlig offen. Die Astronomen wollen das Phänomen daher weiter im Auge behalten und dafür auch das James-Webb-Teleskop hinzuziehen. Möglicherweise deckt dies Merkmale auf, die mehr Aufschluss über den Mechanismus, den genauen Aufbau und die Zukunft des neuen Dekagons am Saturn-Südpol geben.
Quelle: Agustín Sánchez-Lavega (Universidad del País Vasco, Bilbao) et al., Science Advances, 2026; doi: 10.1126/sciadv.aee4251





