„Für eine Gruppe von Patienten, die bisher auf keine Therapie ausreichend angesprochen hat, ist das ein sehr gutes Ergebnis.” Dr. Astrid Zobel, Medizinerin an der Universität Bonn, spricht von ersten klinischen Studien, in denen amerikanische Ärzte schwere Depressionen mit der Vagusnerv-Stimulation (VNS) behandelt hatten. VNS wirkte bei der Hälfte der Patienten, bei einem Drittel gingen die Beschwerden vollständig zurück. Jetzt haben die Bonner Ärzte erstmals in Deutschland depressive Patienten mit VNS behandelt.
Der Vagusnerv ist einer der zwölf Hirnnerven. Er führt rechts- und linksseitig vom Gehirn zu verschiedenen Organen wie Kehlkopf, Herz, Lunge, Magen und Darm. Der Nerv sendet Informationen über Körperfunktionen ans Gehirn und beeinflusst unter anderem den Herzschlag. Im Halsbereich ist der Nerv zwei bis drei Millimeter dick – genug, um eine feine Elektrode daran zu befestigen, die den Nerv in regelmäßigen Abständen stimuliert. Die Elektrode ist über eine dünnes Kabel mit einem Taschenuhr großen Pulsgenerator verbunden: Diesen „Taktgeber” implantieren die Ärzte dem Patienten im Brustbereich unter die Haut. In den ersten 12 Wochen nach der Implantation führt der Arzt einmal wöchentlich eine ambulante psychiatrische Untersuchung durch und stellt, wenn nötig, Frequenz, Impulsdauer und Stromstärke des Stimulators neu ein. Die elektrischen Impulse, die der Generator sendet, gelangen über die Elektrode und den Vagusnerv ins Gehirn. „Hier normalisieren sie die Durchblutung bestimmter Hirnareale, die bei depressiven Patienten verändert ist”, erläutert Astrid Zobel. „ Daneben beeinflusst VNS die Botenstoffe im Gehirn.” Botenstoffe oder Neurotransmitter spielen eine wichtige Rolle bei der Weitergabe von Informationen zwischen Nervenzellen. Eine falsche „ Dosierung” dieser Überträger kann zur Depression führen.
Konventionell behandeln Ärzte Depressionen mit Antidepressiva oder psychotherapeutisch.Die Medikamente lenken den Botenstoffhaushalt wieder in geordnete Bahnen, und der Therapeut versucht im Gespräch mit dem Patienten herauszufinden, welche Gedanken und Verhaltensweisen zur Depression beigetragen haben. Meist wenden Ärzte beide Methoden gemeinsam an. Erst wenn ein Patient darauf nicht anspricht, kommt für ihn VNS in Betracht. In Amerika wurden in den letzten zwei Jahren 300 depressive Patienten mit VNS behandelt.
Epilepsiepatienten werden schon seit 1988 mit diesem Verfahren therapiert – inzwischen sind es weltweit 11000. „Auffallend ist, dass sich die Stimmung epileptischer Patienten während der VNS gebessert hat”, sagt Dr. Judith Scherrmann, Neurologin an der Klinik für Epileptologie der Universität Bonn. Die Medizinerin hofft, dass VNS auch bei Depressionen hilft – was die Behandlungserfolge der amerikanischen Ärzte bestätigen.
Hans Groth





