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Neandertaler: Mit dem Steinbohrer gegen Karies
Archäologie

Neandertaler: Mit dem Steinbohrer gegen Karies

Der fossile Neandertaler-Backzahn von allen Seiten. Das tiefe Loch in der Kaufläche wurde wahrscheinlich zur Entfernung von Karies mit einem Steinbohrer erzeugt. · Foto: Zubova et al./ PLOS One, CC-by 4.0

Der 59.000 Jahre alte Zahn eines Neandertalers liefert Hinweise auf die älteste bekannte Karies-Behandlung. Archäologische Untersuchungen zeigen, dass die von Karies befallene Stelle wahrscheinlich mit einem feinen Steinbohrer entfernt wurde. Die Entdeckung wirft ein neues Licht auf die kognitiven und motorischen Fähigkeiten der Neandertaler. Offenbar waren die Frühmenschen bereits in der Lage, die Ursache der Zahnschmerzen zu erkennen und erfolgreich mit einer feinmotorisch anspruchsvollen Technik zu behandeln.
Autor
Redaktion
13. Mai 2026
Lesezeit
3 Minuten
Rubrik
Archäologie

Neandertaler galten lange als primitive Schwesterart unserer eigenen Spezies, des Homo sapiens. Doch neue Funde zeigen zunehmend, dass diese Frühmenschen schon über fortgeschrittene kognitive Fähigkeiten und ein komplexes Sozialsystem verfügten. Sie kümmerten sich um alte, kranke und verletzte Mitglieder ihrer Gemeinschaft und nutzten wahrscheinlich sogar bereits Heilkräuter. „Bisher war jedoch unklar, ob solche Praktiken bewusste medizinische Strategien widerspiegeln oder eher einer instinktiven Selbstmedikation ähneln, wie sie bei nichtmenschlichen Primaten beobachtet wird“, erklärt ein Team um Alisa Zubova von der Russischen Akademie der Wissenschaften in Sankt Petersburg.

Bohrloch im fossilen Zahn

Nun legt ein außergewöhnlicher Fund nahe, dass die Neandertaler tatsächlich bewusst, geschickt und erfolgreich medizinische Behandlungen durchführten: In der Chagyrskaya-Höhle in Russland entdeckten Zubova und ihr Team einen 59.000 Jahre alten Backenzahn eines Neandertalers mit einem tiefen Loch in der Kaufläche, das bis zum Zahnmark reicht. Das Loch schien nicht natürlich entstanden zu sein, sondern wies an den Rändern charakteristische Rillen auf.

Um diese Spuren zu interpretieren, führten die Forschenden experimentelle Bohrungen an menschlichen Zähnen durch, darunter modernen und fossilen Homo-sapiens-Zähnen. „Der Vergleich der mikroskopischen Spuren am ursprünglichen Neandertaler-Exemplar mit den experimentell erzeugten Spuren ergab eine eindeutige Übereinstimmung“, berichtet Zobovas Kollegin Lydia Zotkina. „Die Mikrospuren zeigen, dass die Technik Bohr- oder Drehbewegungen beinhaltete und nicht nur ein Schaben. Dies erfordert Feinmotorik und Planung.“

Chagyrskaya-Höhle
Gefunden wurde der Zahn in der Chagyrskaya-Höhle im Südwesten Sibiriens. © Zubova et al./ PLOS One, CC-by 4.0

Älteste Zahnbehandlung der Menschheitsgeschichte

Computertomographische Untersuchungen enthüllten, dass der Neandertaler-Zahn stellenweise deutlich demineralisiert war, wie es typisch für Karies ist. Demnach litt der Besitzer des Zahns vor der Behandlung wahrscheinlich an starken Zahnschmerzen. Doch der Neandertaler-Zahnarzt hatte offenbar Erfolg mit seinem Eingriff: „Das kariöse Dentin wurde weitgehend entfernt, die Zahnmarkkammer freigelegt und die spätere Abnutzung im Inneren der Vertiefung beweist, dass der Zahn nach dem Eingriff weiterhin funktionstüchtig blieb“, berichtet das Forschungsteam. „Dies ist unseres Wissens der früheste Nachweis einer invasiven Kariesbehandlung in der menschlichen Evolution und datiert auf vor etwa 59.000 Jahren.“ Die bislang älteste beim Homo sapiens dokumentierte Zahnbehandlung fand erst vor rund 14.000 Jahren statt und umfasste lediglich ein Abschaben geschädigter Stellen.

Aus Sicht der Forschenden bietet die Entdeckung nicht nur Einblicke in die feinmotorischen Fähigkeiten unserer Schwesterart, sondern deutet auch auf ein fortgeschrittenes Verständnis von Krankheiten und nicht zuletzt auf eine große Willensstärke hin. „Die Behandlung eines kariösen Zahns erfordert die Diagnose der Schmerzquelle, die Auswahl eines geeigneten Werkzeugs, die Durchführung einer schmerzhaften, invasiven Handlung und das Durchhalten trotz der Beschwerden des Patienten“ erklärt Zubovas Kollegin Ksenia Kolobova. „Das ist eine aktive, gezielte medizinische Intervention. Sie deutet darauf hin, dass Neandertaler Ursache und Wirkung verstanden: ‚Wenn ich das kariöse Gewebe entferne, hört der Schmerz vielleicht auf.‘ Das ist ein kognitiver Sprung über den Instinkt hinaus.“

Zubova und ihr Team hoffen, in zukünftigen Studien weitere Einblicke in die Heilkunst der Neandertaler zu gewinnen. „Letztendlich wollen wir nicht nur herausfinden, dass Neandertaler Medizin praktizierten, sondern auch, wie ihr medizinisches Wissen über Generationen hinweg weitergegeben wurde und ob es ihr Überleben als Spezies beeinflusste.“

Quelle: Alisa Zubova (Russian Academy of Sciences, St. Petersburg) et al., PLOS One, doi: 10.1371/journal.pone.0347662

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