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Mythos Varusschlacht
Wie kaum ein anderes historisches Ereignis hat die Varusschlacht den deutschen Nationalismus beflügelt. Und selten wurde in den letzten 500 Jahren ein historischer Ort so sehnsüchtig gesucht wie dieses legendäre Schlachtfeld. Am Ende hat ein metallurgischer Fingerabdruck Gewissheit gebracht.
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von ALEXANDRA BLOCH-PFISTER
Die Methode Heinrich Schliemanns, sich mit der Ilias in der Hand aufzumachen, um das alte Troja zu finden, brachte bei der Suche nach dem Ort der Varusschlacht keinen Erfolg. Die wenigen antiken Texte führten zu keinem oder an zu viele Orte. Erst vor Kurzem gelang es einem Team von Archäologen und Naturwissenschaftlern, die mit dem römischen Feldherrn Publius Quinctilius Varus untergegangene 19. römische Legion in Kalkriese bei Osnabrück eindeutig zu identifizieren.
David besiegt Goliath
Im Jahre 9 n.Chr. befanden sich rund 16.000 Soldaten der römischen Armee im kurz zuvor eroberten und vermeintlich befriedeten Germanien auf dem Weg ins Winterlager am unteren Rhein: die 17., 18. und 19. Legion sowie sechs Kohorten und drei Reiterverbände. Den Sommer hatten die Eroberer in der neuen Provinz Germanien im Raum Weser-Ems verbracht und dort begonnen, eine Verwaltung aufzubauen. Bei den unterworfenen Germanen waren sie damit vordergründig auf wenig Widerstand gestoßen.
Dass es im Hintergrund gärte, entging ihnen oder interessierte sie nicht. Ihr Anführer Varus scheint einen wenig diplomatischen Stil und ein arrogantes Auftreten gegenüber den neuen Untertanen gepflegt zu haben.
Ein Germane, Arminius, lebte schon länger bei den Römern, hatte bereits in mehreren Feldzügen für sie gekämpft und damit das römische Bürgerrecht erworben. Er war bestens mit der römischen Armee vertraut und begleitete den römischen Tross als Anführer germanischer Hilfstruppen. Varus gegenüber gab er sich als Freund und riet ihm, einen Umweg einzuplanen, um auf dem Rückweg ins Winterlager noch einen vermeintlichen Aufstand niederzuschlagen. Obwohl ihn seine Ratgeber warnten, vertraute Varus Arminius und verlegte den Weg des Zugs weiter nach Norden.
Auf diesem Umweg wurden die Legionen dann von Germanen angegriffen. Diese nutzten in der dicht bewaldeten Gegend eine Guerilla-Taktik, der die Römer, die keinen Platz zur Aufstellung ihrer schlagkräftigen Heeres-Formationen fanden, hilflos ausgeliefert waren. Die Schlacht tobte drei Tage lang, Tausende von Römern ließen ihr Leben, Varus stürzte sich in sein eigenes Schwert. Es war eine der größten Niederlagen in der Geschichte Roms, eine Schmach für das Imperium.
Rom ersetzte sofort die drei verlorenen Legionen – vergab ihre Nummern allerdings nie mehr – und erhöhte die Zahl der am Rhein stationierten Legionen auf acht. Damit stand ein Drittel der römischen Armee vor den Toren Germaniens, und unter dem Kommando von Tiberius begann Roms Rachefeldzug. Siedlungen wurden niedergebrannt, ganze Landstriche verwüstet. Germanicus, der als Stiefsohn von Tiberius 13 n.Chr. das Oberkommando über die Germanien-Feldzüge hatte, gelangte auf einem seiner Züge auch zum Ort der Varusschlacht, „grässlich anzusehen und voll schrecklicher Erinnerungen“, wie Tacitus berichtet. „Mitten auf dem Feld lagen die bleichenden Gebeine zerstreut oder in Haufen, je nachdem, ob die Leute geflohen waren oder Widerstand geleistet hatten.“ Germanicus ließ die Gebeine bestatten.
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Nachdem die Feldzüge der Römer bis 16 n.Chr. keine großen Erfolge gebracht hatten, stellte Rom seine Eroberungspläne für Germanien ein und zog sich hinter den Rhein zurück. Daraus entstand ein Mythos: Die Germanen hatten die Römer besiegt und ihr Land befreit – David hatte Goliath niedergerungen.
Von Arminius zu Hermann
Ab dem 16. Jahrhundert, nachdem die Humanisten die Schriften der römischen Geschichtsschreiber wiederentdeckt hatten, versetzte Arminius die Deutschen in Begeisterung. Grund dafür war der Satz von Tacitus: „Er [Arminius] war unbestritten der Befreier Germaniens und hat das römische Volk nicht (…) in seinen Anfängen herausgefordert, sondern als das Reich auf dem Höhepunkt seiner Macht stand.“ Arminius wurde zum Vorbild und Vorkämpfer für das Streben nach Unabhängigkeit und kultureller Identität. Martin Luther, der ebenfalls gegen die Vorherrschaft des nun katholischen Roms ankämpfte, lobte Arminius in einer Tischrede: „Wenn ich ein poet wer, so wollt ich den zelebrieren. Ich hab ihn von hertzen lib“. Er war einer der Ersten, der den deutschen Namen Hermann benutzte.
Nach der Gründung des Deutschen Reiches 1871 verkörperte nichts besser das neue Selbstbewusstsein der deutschen Nation als das nach einer 50-jährigen Planungs- und Bauzeit im Jahr 1875 endlich fertiggestellte und in Anwesenheit des Kaisers eingeweihte Hermannsdenkmal bei Detmold. Der Erbauer, Ernst von Bandel, ging nach damaliger Forschungslage noch davon aus, dass die Varusschlacht in dieser Gegend – dem Teutoburger Wald – stattgefunden hatte.
Die antiken Autoren schweigen sich über den Ort der Varusschlacht aus. Nur Tacitus erwähnt einen „saltus teutoburgensis“ (Teutoburger Wald), aber ohne diesen zu lokalisieren. Das übernahm ein lippischer Pastor in seiner 1629 erschienenen Chronik. Er bezeichnete darin kurzerhand ein Waldgebiet im Lipper Raum als Teutoburger Wald. Dass dies eine völlig willkürliche Benennung war, geriet schnell in Vergessenheit, und bald waren sich alle Forschenden sicher, dass die Schlacht in dieser Gegend stattgefunden haben musste. Nur: In Lippe gab es keine archäologischen Funde.
Im benachbarten Osnabrücker Land hingegen sorgten seit dem 17. Jahrhundert römische Münzfunde für Aufmerksamkeit. Ein dort lebender Adliger, Graf von Bar auf Barenau, trug eine beachtliche Sammlung davon zusammen.
Der Althistoriker Theodor Mommsen beauftragte Ende des 19. Jahrhunderts einen Münzkundler mit der Untersuchung der 227 gesammelten Münzen. Davon stammten 131 aus der Zeit der Römischen Republik und 47 aus der Zeit des Kaisers Augustus. Der Numismatiker kam zu dem Schluss, dass die in und bei Barenau gefundenen Münzen zum Nachlass der im Jahre 9 n.Chr. im Venner Moor bei Kalkriese zugrunde gegangenen Armee des Varus gehören mussten. Da allerdings keine weiteren archäologischen Zeugnisse wie zum Beispiel Waffen vorlagen, blieb auch diese von Mommsen publizierte These nur eine unter vielen. Und ein größeres Interesse, diese Spur weiterzuverfolgen, fehlte.
Anstoß durch einen Hobbyarchäologen
Erst 1987 kam mit Tony Clunn neuer Schwung in die Forschung. Er war Mitglied der britischen Rheinarmee, in Osnabrück stationiert und ging in seiner Freizeit gern mit einem Metalldetektor auf die Suche von römischen Münzen. Auf Anraten des örtlichen Kreisarchäologen Wolfgang Schlüter begann er damit in einem Gebiet rund 20 Kilometer nördlich von Osnabrück – dort, wo Mommsen die Varusschlacht vermutet hatte.
Bereits am ersten Tag fand Clunn römische Silbermünzen. Ein Jahr später lieferte er in der Kreisarchäologie drei undefinierbare, metallhaltige und mandelförmige Klumpen ab, die sich als römische Schleuderbeile, Wurfgeschosse römischer Hilfstruppen von den Balearen, erwiesen. Damit lag erstmals ein unstrittiger Befund für die Anwesenheit römischer Truppen im Kalkrieser Raum vor. 1989 begannen auf dieser Grundlage archäologische Ausgrabungen im größeren Stil – die Varusschlacht stand dabei aber noch nicht im Zentrum.
Viele Funde, aber keine Gewissheit
Ausschlaggebend für die Wahl des Grabungsortes war neben den hier zuvor gemachten Funden die Topografie der Landschaft: Wie ein Keil ragt der Kalkrieser Berg aus dem Wiehengebirge heraus und schiebt sich in die nördlich gelegene Senke, die früher nur bei trockenem Wetter passierbar war. Auf die Senke folgte das Große Moor, das heute nur noch in Restflächen erhalten ist. Wer früher von Ost nach West wollte, dem boten sich hier auf dem Oberesch genannten Raum nur wenige und schmale Wege zwischen Berg und Moor an. Der Engpass war nicht nur ein idealer Platz sowohl für ein Heereslager, das hier alle Wege kontrollieren konnte, sondern auch für einen Hinterhalt. Die rund 6.000 römischen Objekte, die seit 1989 dort geborgen wurden, sprechen eine klare Sprache: Hier sind römische Truppen vernichtend geschlagen worden.
Als echter Glücksfall für die Grabungen erwies sich die Plaggenwirtschaft, eine in der Gegend seit dem Mittelalter übliche landwirtschaftliche Düngeform für nährstoffarme Böden. Dabei wurden in Wäldern und an ungenutzten Orten Humusschichten abgestochen und zunächst als Stallstreu gebraucht. Der dann entstandene Mist wurde kompostiert und ausgebracht. Dadurch wuchsen die Böden an, und das Plaggenesch bewahrte wie ein Schutzschild die darunterliegenden archäologischen Zeugnisse.
Die Grabungen begannen 1989 mit sieben Suchschnitten; stichprobenartigen Untersuchungen kleinerer Flächen. Am erfolgreichsten verlief die letzte: eine über 180 Meter verlaufende, sieben Meter breite Grabung. Sie legte eine Pionieraxt, einen fußballgroßen Rostklumpen, der sich als Gesichtsmaske entpuppte, sowie eine Bodenverfärbung frei, die auf eine Wallanlage hindeutete. Seither wurden auf dem Oberesch rund 11.000 und im Umland 13.500 Quadratmeter archäologisch untersucht. Das Areal mit aussagekräftigen Funden wie Schuhnägeln, Ringen, Fibeln, Schnallen, Münzen oder Panzerscharnieren, die auf ein Kampfgeschehen hindeuten, erstreckt sich auf dem Oberesch über 30 Quadratkilometer – was die enormen Ausmaße der Auseinandersetzung deutlich macht.
Eine erstaunliche Entdeckung ist die Wallanlage. Obertägig nicht erhalten, deuten Verfärbungen in einem Meter Tiefe auf die Verwendung von Rasensoden als Baumaterial hin. Da die Standspur des Walls keine römischen Funde enthält, muss er vor den Kämpfen angelegt worden sein. Lange gingen die Forschenden davon aus, dass die am Hang liegende 400 Meter lange Wallanlage von den Germanen als Hinterhalt angelegt worden war, um die schmale Stelle zwischen Berg und Moor noch zusätzlich zu verengen. Neuere Forschungen weisen aber darauf hin, dass der Wall Teil eines großen Marschlagers gewesen sein muss, das die Römer bereits vorher hier aufgeschlagen hatten.
Das Schlachtfeld als Schrottplatz
Nach den Kämpfen diente das Schlachtfeld im metallarmen Germanien als ergiebiger Schrottplatz und wurde offensichtlich systematisch geplündert. So befinden sich unter den archäologischen Funden kaum Waffen. Die konnten die Germanen wohl gut gebrauchen und nahmen sie mit.
Ein gutes Beispiel für die ausgiebigen Plünderungen ist eine gefundene Gesichtsmaske. Die Plünderer entfernten die aufgebrachte verzierte Silberfolie und ließen nur die eiserne Grundform zurück. Die aufwendig hergestellte Maske zählt zu den ältesten ihrer Art und gehörte vermutlich einem Reiter, dessen Kopf durch Helm, Wangenkappen und Nackenschutz rundherum geschützt war.
In Wallnähe fanden sich zudem viele Schildrandbeschläge. Vermutlich sammelten die Germanen nach der Schlacht die römischen Schilde ein. Diejenigen, die unbrauchbar oder überschüssig waren, zerlegten sie in ihre Bestandteile und behielten, was sie brauchen konnten.
Rätsel gibt einer der neueren, sensationellen Funde auf: ein vollständig erhaltener Schienenpanzer. 2018 als Block, also mit dem umliegenden Erdreich geborgen, lag er am Fundort neben einem Wurfspeer, einer Dolchscheide, einer Kette, Zähnen und Gebissstücken eines Maultiers sowie einer Halsgeige, die als Fessel für Hals und Handgelenke benutzt wurde. Der bislang älteste und einzige vollständig erhaltene Schienenpanzer wurde komplett restauriert und ist seit 2023 im Varusschlacht-Museum in Kalkriese zu besichtigen.
Neben Helm, Schild und Pilum (Wurfspeer) gehörten ein Kettenhemd oder ein Schienenpanzer zur Grundausstattung der Legionäre. Die Herstellung eines Schienenpanzers, der mit Scharnieren, Riemen und Häkchen zusammengehalten wurde, war gegenüber der Produktion eines Kettenhemdes, das aus Tausenden von Ringen in langer Arbeit zusammengenietet wurde, deutlich weniger aufwendig und bedeutete einen geringeren Materialaufwand. In Kalkriese fanden sich beide Formen dieses Körperschutzes.
Die zahlreichen Funde von Scharnieren und Häkchen deuten auf rabiate Leichenfledderei hin: Den Gefallenen wurden die Panzer nicht ausgezogen, sondern vom Leibe gerissen, sodass die Verschlüsse abfielen.
Warum aber überstand dieser eine Schienenpanzer die offensichtlich gründliche Plünderung und Leichenfledderei der Germanen? Wurde hier ein besiegter, möglicherweise bereits toter Legionär öffentlich und mit einer Halsgeige gefesselt ausgestellt, um den Sieg symbolisch für alle sichtbar zu machen? Oder haben die Germanen im schieren Überfluss der erbeuteten Waffen und Reichtümer diesen einen Panzer übersehen?
Trotz der spektakulären Funde, ihrer faszinierenden Interpretationen und der Erkenntnis, dass hier eine römische Armee untergegangen ist, bleiben viele Fragen offen. Vor allem aber fand sich bis Ende 2022 kein definitiver Hinweis darauf, dass es tatsächlich die Varusschlacht war, die hier in Kalkriese stattfand. Denn aufgrund der archäologischen Funde hätte hier auch eine Schlacht ausgetragen worden sein können, die sechs Jahre später im Rahmen der römischen Rachefeldzüge unter Germanicus erfolgte.
Die kriminaltechnische Überführung
In einem gemeinsamen Forschungsprojekt untersuchten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus dem Deutschen Bergbau-Museum Bochum, dem Leibniz-Forschungsmuseum für Georessourcen und dem Museum und Park Kalkriese mit einer neuen Methode die aufgefundenen Buntmetalle verschiedener Legionen. Sie gingen von der Vermutung aus, dass sich Buntmetalle wie Messing und Bronze in ihrer Zusammensetzung unterscheiden und jeder römischen Legion ein sogenannter metallurgischer Fingerabdruck zugewiesen werden kann.
Diese Annahme gründet auf der Tatsache, dass sich Buntmetalle leicht schmelzen und umformen lassen. Sie wurden deshalb vor Ort von den Legionsschmieden bearbeitet und immer wieder recycelt. Dies führte über die Jahrzehnte zur Ausbildung eines „Recyclingpools“ mit einer charakteristischen Zusammensetzung der chemischen Spurenelemente. Diese Elemente sind über die ursprünglichen Erze, die verschiedenen Zuschläge bei der Verarbeitung oder durch Anhaftungen an den Werkzeugen in die Metalle gekommen.
Bei Messing, einer Kupfer-Zink-Legierung, wiesen die Forscher anhand unterschiedlich alter Funde der gleichen Legion nach, dass der Zink-Anteil, der theoretisch pro Recyclinggang sinkt, tatsächlich abgenommen hatte. Unterschiedliche Anteile lassen sich auch für andere Spurenelemente bestimmen.
Annika Lüttmann vom Deutschen Bergbau-Museum Bochum konnte auf der Basis dieser Ausgangslage aufzeigen, dass die Spurenelemente Nickel, Antimon und Arsen in zwei der untersuchten Objektgruppen von Buntmetallen fast vollständig übereinstimmten. Zum einen handelte es sich um Funde von Kalkriese, zum anderen um Buntmetall-Funde aus Dangstetten bei Waldshut – wo nachweislich und ausschließlich die 19. römische Legion stationiert war.
Da in der Varusschlacht auch die 17. und 18. Legion kämpften, von denen kein früherer Standort bekannt ist, ergibt sich keine vollständige Übereinstimmung. Die Ergebnisse sind aber, wie die Forschenden betonen, statistisch signifikant: Die Anwesenheit der 19. Legion ist mit Sicherheit in Kalkriese nachweisbar – hier hat tatsächlich die Varusschlacht stattgefunden.
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