Die Zunge ist von einem dichten Geflecht aus Nervenfasern durchzogen, neben motorischen, die für die Bewegung zuständig sind, auch von sensiblen, die Tast- und Schmerzempfindungen Richtung Gehirn leiten. Vor allem ihre Spitze ist überaus empfindlich. Das spürt man zum Beispiel, wenn an einem Zahn eine Ecke abgebrochen ist. Berührt man den Defekt mit der Zungenspitze, fühlt er sich an wie ein riesiger Krater mit scharfen Kanten, und man wundert sich später, dass der Zahnarzt Mühe hat, die kaputte Stelle überhaupt zu finden. Und wenn man sich versehentlich auf die Zunge beißt – wobei man die Kaumuskelkraft deutlich zu spüren bekommt –, tut das nicht nur gemein weh, sondern der Schmerz hält auch mehrere Tage lang an.
Eine der wichtigsten Aufgaben unserer Zunge ist jedoch die Geschmacksempfindung. Etwa 8.000 der insgesamt ungefähr 10.000 Geschmacksknospen sitzen auf ihrer Oberfläche, der Rest verteilt sich auf Wangenschleimhaut, Gaumensegel, Nasenrachenraum, Kehlkopfdeckel und obere Speiseröhre. In diesen Knospen sind die eigentlichen Sinneszellen wie Orangenschnitze um einen flüssigkeitsgefüllten Trichter angeordnet, in den die geschmacksbestimmenden chemischen Substanzen hineingespült werden. Die Redensart, wonach Gourmets einen besonders „feinen Gaumen“ haben, ist also Unsinn. Korrekterweise müsste es „feine Zunge“ heißen. Das funktioniert jedoch nur, sofern die Zunge feucht, das heißt, mit Speichel bedeckt ist. Ist sie – in der Regel krankheitsbedingt – sehr trocken, kann der Betroffene nicht einmal sauren Zitronensaft oder scharfe Chilischoten schmecken.
Womit wir bei der Nahrungsaufnahme sind. Auch dabei kommt der Zunge eine wichtige Rolle zu, schiebt sie doch den Mundinhalt zusammen mit den Wangen immer wieder zwischen die Zähne, die nur so die Zerkleinerung bewerkstelligen können. Ist das erledigt, presst die Zunge den Speisebrei an den Gaumen und hilft so mit, ihn Richtung Rachen und Speiseröhre zu befördern.
Last not least ist die Zunge natürlich auch für die Sprachbildung von großer Bedeutung. Erst durch ihr Zusammenspiel mit Lippen und Zähnen werden die im Kehlkopf gebildeten Töne zu verständlichen Lauten, Wörtern und Sätzen geformt. Dabei ermöglicht die enorme Beweglichkeit der Zunge dem Sprechenden, bis zu 90 Wörter pro Minute hervorzubringen.





