Moderne Analyse-Methoden entlarven Kunstfälschungen. Der Handel mit gefälschten Kunstgegenständen ist mittlerweile ein Milliardengeschäft. Mit raffinierter Technik kommen die Experten den Fälschern auf die Schliche – doch die Naivität der Käufer macht alle Mühe zunichte.
Kein Zweifel: ein van Gogh. Der düstere, wolkenverhangene Himmel, der kräftige Pinselstrich, die pastosen Farben, der … “Gefälscht”, unterbricht mich Ernst Schöller. Gelassen blättert der Hauptkommissar des Fachbereichs Kunst- und Antiquitätendelikte des Stutt-garter Landeskriminalamts durch einen Stapel Gemälde: Renoir, Rembrandt, Cranach. Geschätzter Marktwert: 90 Millionen Mark. Doch die paar Quadratmeter Leinwand sind genauso wertlos wie der kniehohe Stapel von 800 Dali-Drucken mit einem theoretischen Wert von fünf Millionen Mark, die der skurrile Meister mit dem Zwirbelbart im Akkord signiert haben soll, als er schon im Rollstuhl saß. “Die kommen in den Reißwolf”, sagt Schöller unerbittlich.
Ernst Schöller gehört zu einer Handvoll Experten in Deutschland, die Kunstfälschern und ihren Hehlern ins illegale Handwerk pfuschen wollen. Zu tun gibt es genug: “Nach dem Zusammenbruch des Ostblocks wurde der Markt von gefälschten Kunstwerken überschwemmt”, erzählt Schöller. Dabei seien nicht die Sonnenblumen von van Gogh das Problem, sondern Drucke von Dali, Picasso, Mirù oder Chagall, die zu Tausenden auf den Markt geworfen würden. “Bis zu 50 Prozent aller Drucke im Handel sind falsch.”
Wie Sie Fälschungen erkennen
“Mein Onkel in der Schweiz hat mir die Gemälde vererbt.” “Die Bilder stammen aus Erich Honeckers Jagdhütte.” “Ich bin in finanziellen Schwierigkeiten und verkaufe die Bilder zu einem günstigen Preis.” Zwielichtige Händler erzählen die tollsten Geschichten, um Kunstwerke an den Mann zu bringen. Lassen Sie sich nicht von phantasievollen Herkunftsangaben beirren, und kaufen Sie keine “Schnäppchen” aus Zeitungsinseraten. Kennerschaft ist das A und O beim Kunstkauf. Wenn Sie keine Zeit oder Lust haben, sich mit dem žuvre eines Künstlers zu befassen, sollten Sie bei einem renommierten Händler kaufen. Lassen Sie sich keinesfalls von Emotionen leiten, wenn Ihnen ein Bild gefällt. Das Beste an vielen Fälschungen sind die “Echtheitszertifikate”. Die werden meist gleich mitgefälscht oder von inkompetenten “Sachverständigen” als Gefälligkeit ausgestellt. Signierte Drucke von berühmten Malern des 20. Jahrhunderts wie Dali, Picasso, Mirù oder Chagall sind eher falsch als echt. Wenn Sie schon gekauft haben, aber die Echtheit eines Bildes bezweifeln, können Sie in die Sprechstunde des Doerner-Instituts gehen: Barerstraße 28 (Gebäude Neue Pinakothek), 80799 München (dienstags 9 Uhr bis 12 Uhr).
Welche Ausmaße der Handel mit gefälschten Kunstwerken angenommen hat, zeigt das Zerschlagen eines Fälscherrings in New York vor sechs Jahren. Dabei fand die Polizei 83000 Drucke mit 577 verschiedenen Motiven, die einen astronomischen Handelswert von 1,8 Milliarden Mark gehabt hätten. Die Fälscher gingen professionell vor: Unbedrucktes Papier wurde in Frankreich signiert und in New York bedruckt, “bis die Druckpresse glühte”, sagt Ernst Schöller.
Daß der Markt für Kunstfälschungen so floriert, liege zum einen an einem großen Interesse der Käufer und zum anderen an deren Mentalität: “Beim Autokauf oder bei der Anschaffung einer Waschmaschine wälzen die Leute Prospekte und lassen sich intensiv beraten. Beim Kunstkauf, wo es um weit höhere Summen gehen kann, scheint dagegen alle rationale Vorsicht außer Kraft.”
Laut Hans-Ludwig Zachert, Leiter des Bundeskriminalamts, ist der illegale Kunsthandel weltweit der Markt mit dem zweitgrößten Umsatz nach dem Drogenhandel. Doch weil die Käufer in der Regel nicht merken, daß sie betrogen wurden, existiert auch kein Bewußtsein für diesen kriminellen Markt. “Kunstfälschung ist nur dort ein Problem, wo es Fachleute bei der Polizei gibt”, sagt Ernst Schöller.
Schöller interessiert sich beruflich nicht nur für Bilder, sondern auch für alte Möbel, Heiligenfiguren oder Gürtelschnallen aus der Bronzezeit. Sein wichtigstes Utensil: eine Lupe und 17 Jahre Erfah- rung. “Im Lauf der Zeit bekommt man ein Gespür, ob ein Kunstwerk stimmig ist oder nicht.” Wenn Schöller auf Auktionen oder Messen auftaucht, werden die Veranstalter nervös, denn der Stuttgarter hat schon vielen Verkäufern das Geschäft vermasselt. “Seriöse Häuser kommen vor der Auktion zu uns, um mögliche Fälschungen auszusieben.”
Wenn Erfahrung allein nicht weiterhilft, kommen wissenschaftliche Methoden ins Spiel. Renommiertestes Institut in Deutschland zur Begutachtung von Gemälden ist das Doerner-Institut der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen in München. In den Labors in einem Seitenflügel der Neuen Pinakothek lehnen Dutzende Gemälde an Wänden und warten auf den kritischen Blick von Dr. Andreas Burmester. Der Biochemiker leitet eine achtköpfige Truppe von Naturwissenschaftlern, die mit modernsten Analyse-Methoden der Echtheit von Gemälden auf den Grund gehen.
Jeden Dienstag ist Sprechstunde in der Neuen Pinakothek. Dann bringen frischgebackene Erben den röhrenden Hirsch aus Opas Wohnzimmer – in der Hoffnung auf schnellen Reichtum. Die meisten der rund 1000 Anfragen pro Jahr weisen die Fachleute sofort ab, weil sich die Bilder kunsthistorisch nicht eingrenzen lassen oder sich als schlechte Kopie entpuppen. Häufigste Beanstandungen:
Zweifelhafte Zuschreibungen, weil ein Bild eines unbekannten Malers einem großen Künstler untergeschoben wurde, und falsche Signaturen. Unter den Bildern findet Burmester auch öfters “alte Bekannte”, die schon mehrfach als Fälschungen entlarvt wurden und dennoch immer wieder einen neuen Besitzer finden. Tradition hat auch die “wöchentliche Spitzweg-Fälschung”, wie Burmester die Schwemme getürkter Bilder des humorvollen Biedermeier-Malers nennt.
Nur wenige Bilder – meist von kundigen Auktionshäusern, Händlern oder Strafverfolgungsbehörden eingereicht – widersetzen sich einer Beurteilung nach kunsthistorischen Kriterien. Sie werden so lange mit Röntgenstrahlen oder Infrarotlicht traktiert, bis sie ihre Herkunft preisgeben:
Röntgenstrahlen: Weil es dilettantisch wäre, einen falschen Rembrandt auf eine nagelneue Leinwand zu pinseln, übermalen viele Fälscher ein altes Bild, um mit der alten Leinwand Echtheit vorzutäuschen. Röntgenstrahlen durchleuchten alle Farbschichten, die Grundierung und die Leinwand. Nicht immer werden dabei Fälscher überführt, oft gewinnen die Experten auch neue Einsichten in die Arbeitsweise großer Meister. So haben Röntgenaufnahmen des Doerner-Instituts gezeigt, daß Tizian oder Rembrandt lange um die endgültige Komposition ihrer Bilder rangen und dabei frühere Fassungen übermalten. Infrarot-Reflektographie: Viele Maler machen auf der Leinwand eine Skizze, bevor sie die Farbe auftragen. Solche Unterzeichnungen werden unter Infrarotlicht sichtbar und verraten viel über die Arbeitsweise des Künstlers. Das Verfahren beruht auf der Tatsache, daß jedes Material Licht auf charakeristische Weise reflektiert. Die spektrale Zusammensetzung des Lichts ist also wie ein Fingerabdruck. Die Reflektographie ist nicht allein auf den infraroten Bereich beschränkt: Auch sichtbares Licht oder ultraviolettes Licht wird verwendet – zum Beispiel zur Entzifferung alter Handschriften und Bücher.
Mikroskopie: Mit einem optischen Mikroskop, das an einem langen Galgen montiert ist, untersuchen die Kunstexperten Signaturen und beurteilen anhand retuschierter und restaurierter Stellen den Zustand eines Gemäldes.
Wenn nach all diesen Untersuchungen immer noch Zweifel an der Herkunft eines Werkes bestehen und weitere Analysen nötig sind, muß der Auftraggeber tiefer in die Tasche greifen – denn die Dienste des Doerner-Instituts sind nicht kostenlos.
Allerdings liegen die Preise weit unter den tatsächlichen Kosten, wie Andreas Burmester versichert. “Andernfalls würden wir keine Aufträge mehr bekommen und den Zugang zum Kunstmarkt verlieren.”
Viel mehr als die Kosten schmerzt den Besitzer eines möglicherweise wertvollen Bildes, daß für die nächsten Analysen Farbproben des Gemäldes entnommen werden müssen. Sie dienen der Analyse der Pigmente und Bindemittel – eine Spezialität des Doerner-Instituts. In den Kellern der Pinakothek lagern Hunderte von Pigment- und Bindemittelproben, darunter sowohl pflanzliche Rohstoffe und Öle als auch fertig gemischte Farben. Sinn der Sammelwut: Die Pigmente dienen als Referenz für Messungen an verdächtigen Bildern. Die Experten wissen bei fast jedem Pigment in welcher Zeit es hergestellt, von welchen Künstlern es benutzt wurde und wie der Stoff chemisch zusammengesetzt ist. Zur Aufschlüsselung der Elemente nutzen die Chemiker modernste Analytik.
Gas-Chromatographie und Massenspektrometrie: Diese Methoden gehören zum Standard jedes analytischen Chemikers. Sie schlüsseln Materialproben nach ihrer molekularen Zusammensetzung auf. Schon wenige Mikrogramm einer Farbe genügen, um die Bestandteile ihres Bindemittels zu klären. Der Computer vergleicht die Daten mit einer Bibliothek, in der Messungen an bekannten Substanzen gespeichert sind. So finden die Chemiker heraus, welche Öle, Weichmacher oder sonstigen Zusätze in der Farbe enthalten sind. Röntgendiffraktometer: Die pulverisierte Probe wird mit Röntgenlicht einer bestimmten Wellenlänge bestrahlt. Dieses Licht wird am Kristallgitter gebeugt und in einem Detektor aufgefangen. Aus dem charakteristischen Muster läßt sich ablesen, welche mineralischen Phasen in der Probe enthalten sind. Rasterelektronen-Mikrosko-pie: Schliffe der Farbschichten und Pulverproben offenbaren in vieltausendfacher Vergrößerung einiges über die Herkunft der Farbe, verraten aber auch viel über die Geschichte eines Gemäldes. So erkennen die Experten sofort, wo mehrere Schichten übereinandergelegt wurden und wo ein Restaurator am Werk war.
Ob Burmesters Team ein stichhaltiges Ergebnis auf den Tisch legen kann, hängt von der Epoche ab, in der ein Bild entstanden ist. In den letzten Jahren geht der Trend zu modernen Künstlern, weil sich auch unter den Fälschern herumgesprochen hat, daß sich mit Rembrandt, Rubens und Renoir kein Experte mehr hinters Licht führen läßt. Je jünger ein Gemälde ist, um so mehr verwischen sich allerdings die Grenzen zwischen Original und Fälschung. “Doch auch fürs 20. Jahrhundert gewinnen wir zunehmend an Sicherheit”, sagt Andreas Burmester.
Über manche Fälschungen kann Ernst Schöller vom Landeskriminalamt Stuttgart nur schmunzeln. So prahlt Deutschlands berühmtester Fälscher, Konrad Kujau, alle Meister von Mirù bis Chagall kopiert zu haben. Doch manche dieser “offiziellen Fälschungen” stammten gar nicht von Kujau, sagt Schöller. Ein Teil seiner Bilder lasse der renommierte Fälscher mittlerweile von anderen Künstlern malen, signiere sie nur noch mit seinem Namen und verkaufe sie dann als “echte” Kujaus zu horrenden Preisen.
Bernd Müller





