Reagenzglas-Haut haben Forscher der französischen Kosmetikfirma L’Oréal in Clichy bei Paris entwickelt. Die Modellhaut lebt und funktioniert fast wie normale menschliche Haut. Die L’Oréal-Forscher wollen damit die umstrittenen Tierversuche in der Kosmetikforschung, zum Beispiel an Kaninchenaugen, ersetzen.
Seit etwa 50 Jahren lassen sich die Hauptbestandteile der Haut, die Keratinocyten, in Zellkultur züchten. Ärzte lassen aus diesen Kulturen „Epidermislappen” wachsen, die sie als Nothaut Verbrennungspatienten verpflanzen. Sie haben allerdings nicht denselben Aufbau wie echte Haut und sind auch nicht so elastisch.
Die Produktion einer richtig aufgebauten Haut mit korrekter Schichtung und verschiedenen Zelltypen hatte lange Zeit nicht geklappt – bis die Forscher vor kurzem auf den richtigen Trick kamen. L’Oréal-Forschungsleiter Rainer Schmidt: „Wir haben die Keratinocyten auf ein kleines Drahtgitter gelegt und gerade soweit angehoben, daß sie unten noch in der Nährlösung waren. Oben bekamen sie Kontakt mit der Luft, das war der Reiz, den sie brauchten.” Rasch begannen die Keratinocyten sich weiterzuentwickeln und eine normal geschichtete Haut aufzubauen. Sie wiesen auch den anderen Zellen – wie den Pigmentzellen, den Melanocyten – ihre richtigen Plätze zu.
Die Modellhaut kann sogar die besonderen Empfindlichkeiten verschiedener Völker simulieren. „Wir haben Pigmentzellen der verschiedensten Menschentypen eingefroren”, sagt Forschungsleiterin Marcelle Régnier, „und können jetzt jederzeit die Haut eines weißen Mitteleuropäers, eines Afrikaners oder eines Chinesen herstellen.”
Die Modellhaut hat zwar keine Haare und keine Schweiß- oder Fettdrüsen, aber die kleinen Hautlappen fühlen sich an wie echt. Und sie reagieren auch so: Sie können einen Sonnenbrand bekommen oder mit Sonnencreme dagegen geschützt werden. Sie können Vorstufen von Hautkrebszellen entwickeln, und ihre Kollagenfasern können biochemisch altern.
Sogar allergisch kann die Modellhaut reagieren. Wenn die Wissenschaftler sie mit Reizstoffen traktieren, werden ihre Immunzellen, die Langerhans-Zellen, aktiv. Wie in echter Haut schütten sie „Alarmmoleküle” aus, die nach unten wandern, wo im Körper die Blutgefäße wären. Hierhin wollen sie die anderen Immunzellen locken, um ihnen den Weg zum vermeintlichen Angreifer zu zeigen. Natürlich funktioniert das in der Modellhaut nicht, da sie keine Verbindung zum Immunsystem hat. Aber an der Reaktion der Langerhans- Zellen läßt sich erkennen, ob ein Stoff eine Allergie auslöst oder nicht.
Mit ihren Modellen wollen die Forscher rascher und sicherer herausbekommen, welche Substanzen sich für Kosmetika eignen und welche nicht. Rainer Schmidt ist optimistisch: „Unsere Modellhaut ist der menschlichen Haut viel ähnlicher als die sonst für Tests verwendete Rattenhaut. Und wir wollen schließlich untersuchen, ob unsere Produkte die menschliche Haut schützen und nicht die von Ratten.”
Carola Hanisch





