Im Hochmittelalter zogen zunehmend deutschsprachige, christliche Siedler in die östlichen Randgebiete des Heiligen Römischen Reichs. Mit Unterstützung des Deutschordens kam es in der “Germania Slavica” zur Gründung zahlreicher Landgüter und Städte. In den 1320er Jahren drangen die Siedler auch bis in den Nordosten des heutigen Polens vor. Unter der Ägide des ermländischen Bischofs Eberhard von Neisse und der ihn unterstützenden Deutschordensritter wurde etwa um diese Zeit auch die Burg und Stadt Wartenburg gegründet. Sie wird in der “Chronica terrae Prussiae”, einer damals vom Deutschorden angefertigten Chronik der Besiedlung Preußens, erwähnt und lag in der Nähe des heutigen polnischen Dorfs Barczewko.
“Zeitkapsel” des hochmittelalterlichen Ermlands
Schon wenige Jahrzehnte nach der Gründung der Stadt Wartenburg mehrten sich jedoch die Konflikte zwischen dem Deutschorden und Großfürstentum Litauen, das sein Territorium nach Westen erweiterte und Anspruch auch auf dieses Gebiet erhob. Im Winter 1353/1354 kam es zu einem Überfall der litauischen Truppen, bei der Wartenburg weitgehend zerstört und entvölkert wurde. Die Umstände der Zerstörung von Wartenburg werden unter anderem in den Aufzeichnungen des Wigand von Marburg erwähnt, der heftige Kämpfe der Deutschordensritter mit den Litauern und Einheimischen schildert.
Weil die Stadt Wartenburg später an anderer Stelle wiederaufgebaut wurde, blieben die Ruinen weitgehend unberührt und gelten deshalb als “ermländisches Pompeji”. Bis heute zeugen dort Funde aus dem Hochmittelalter vom Leben und den Kämpfen um diesen Vorposten der damaligen Siedlungspolitik dieser Ritterorden. Seit 2022 führt ein Team von Archäologen unter Leitung der Universität Danzig in dieser “Zeitkapsel” des hochmittelalterlichen Ermlands Ausgrabungen durch. Während der aktuellen Grabungssaison stießen die Forschenden dabei unter anderem auf zahlreiche Armbrust-Projektile, Speerspitzen, ein langes Entermesser sowie das Heft eines Schwerts.
Ein Hort von 150 Brakteat-Silbermünzen
Ein besonderer Fund war jedoch ein Hort von 150 Silbermünzen aus dem 14. Jahrhundert. Dabei handelt es sich um sogenannte Brakteat-Münzen, wie die Archäologen berichten. Diese damals gängigen Münzen bestanden aus dünnem Silberblech, das nur einseitig geprägt wurde. “Der Münzfund besteht zwar nur aus Brakteat-Pfennigen, deren Geldwert gering war”, erklärt Arkadiusz Koperkiewicz von der Universität Danzig. “Aber er ist dennoch wertvoll für uns, weil er wahrscheinlich alle Arten der Münzen umfasst, die in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts im Ermland im Umlauf waren.” Die nähere Untersuchung der Prägungen auf den Silbermünzen kann daher verraten, ob neben den deutschen Silberstücken aus den Münzprägen von Torun und Elbing auch Münzen bischöflicher Prägungen darunter waren.





