Vor rund 200.000 bis 150.000 Jahren entwickelte sich in Afrika der Homo sapiens, der anatomisch moderne Mensch – so viel scheint klar. Jahrtausende lang lebten seine Nachfahren in den Wäldern und Savannen Afrikas, bis sich plötzlich etwas änderte: Vor rund 120.000 Jahren begannen unsere Vorfahren, aus ihrer Heimat auszuwandern. In der Folge besiedelte der Homo sapiens von Ostafrika aus zuerst die Levante und den Süden der Arabischen Halbinsel. Vor rund 80.000 Jahren könnte er Asien erreicht haben und von dort aus Australien und Ozeanien. Eine zweite Migrationsroute brachte den Homo sapiens vor rund 50.000 Jahren nach Europa, wo er wahrscheinlich auf die letzten Reste der Neandertaler-Populationen traf. Zu guter Letzt schließlich wurde auch der amerikanische Kontinent über die Bering-Landbrücke besiedelt. Soweit das grobe Szenario dieser Erfolgsgeschichte unserer Vorfahren. Doch wie genau diese “Out-of-Africa”-Migration ablief, ist noch immer heiß umstritten. Uneinigkeit herrscht darüber, in wie vielen Wellen oder Schüben der Homo sapiens Afrika verließ, aber auch, auf welchen Wegen und wann genau. Das Problem dabei: Fossilien, archäologische Funde und verlässliche Klimadaten aus der frühen Ära des modernen Menschen sind rar, so dass es schwer ist, sein Timing und seine Routen zu rekonstruieren.
Deutlich mehr Licht in die bewegte Geschichte unserer Vorfahren bringen nun Axel Timmermann und Tobias Friedrich von der University of Hawaii in Honolulu. Denn sie haben in der bisher umfassendsten Studie zu diesem Thema ein Modell entwickelt, das die Auswirkungen des vergangenen Klimas auf Vegetation, Meeresspiegel und die Lebensbedingungen des frühen Menschen für die letzten 125.000 Jahre simuliert. Ihr Modell erlaubt es einerseits, die Zeiten einzugrenzen, in denen sich dem Homo sapiens grüne Korridore durch die Wüsten Nordafrikas und Arabiens auf andere Kontinente eröffneten. Andererseits aber kalkulieren die Forscher anhand ihrer Simulation sogar, wie viele unserer Vorfahren diesen Routen folgten und zu den verschiedenen Zeiten in den neu eroberten Gebieten lebten.
Vier große Wellen
Das erste wichtige Ergebnis: Unsere Vorfahren verließen Afrika in vier großen Wellen. Die erste wurde vor 106.000 bis 94.000 Jahren ausgelöst, als ein günstiges Klima einen grünen Korridor durch den Süden der Arabischen Halbinsel öffnete. Eine zweite Migrationswelle folgte vor 89.000 bis 73.000 Jahren, als der Homo sapiens sowohl über den Nahen Osten als auch durch Südarabien nach Asien und Europa vordrang. Dies aber bedeutet, dass die ersten Vertreter des Homo sapiens sehr viel früher in Europa angekommen sein könnten als bisher angenommen. “Unsere Modellsimulation spricht für eine fast zeitgleiche Ankunft des anatomisch modernen Menschen in Südchina und Europa vor rund 90.000 bis 80.000 Jahren”, konstatieren Timmermann und Friedrich. Das allerdings widerspricht archäologischen Funden, nach denen unsere Vorfahren sich erst vor rund 45.000 Jahren in Europa etablierten. Eine mögliche Erklärung für diesen Widerspruch liefert die Simulation der Forscher gleich mit: Ihren Berechnungen nach erreichte die Dichte der allerersten afrikanischen Einwanderer in Europa maximal fünf Menschen pro hundert Quadratkilometer. “Diese kleine Population könnte damals komplett von den noch dominierenden Neandertalern assimiliert worden sein”, vermuten die Forscher. Das würde erklären, warum von diesen allerersten “modernen” Europäern keine Spuren gefunden wurden.





