Würde in der Berliner U-Bahn ein mit heutiger Kleidung ausstaffierter Neandertaler auffallen? Mit seinen breiten Schultern, dem kräftigen Hals und breiter Nase – und vor allem den markanten Überaugenwülsten würde er zwar etwas ungewöhnlich wirken. Jedoch könnte der seltsame Fahrgast in der diversen und anonymen Umgebung auch als besonders urwüchsiger Zeitgenosse durchgehen.
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von THORSTEN DAMBECK
Würde in der Berliner U-Bahn ein mit heutiger Kleidung ausstaffierter Neandertaler auffallen? Mit seinen breiten Schultern, dem kräftigen Hals und breiter Nase – und vor allem den markanten Überaugenwülsten würde er zwar etwas ungewöhnlich wirken. Jedoch könnte der seltsame Fahrgast in der diversen und anonymen Umgebung auch als besonders urwüchsiger Zeitgenosse durchgehen.
Es ist ein Gedankenexperiment, man kann es nicht ausprobieren. Denn obwohl die Neandertaler oder ihre Vorfahren vielleicht schon seit 400.000 Jahren vor unserer Gegenwart permanent Europa besiedelten, sind sie vor rund 40.000 Jahren ausgestorben. Wieso verschwand dieser archaische Menschentyp, obwohl er doch so lange dem schwankenden Klima und sogar den Eiszeiten getrotzt hatte?
Eine Studie, die DNA-Daten mit archäologischen Befunden kombiniert, gibt nun neue Antworten auf die alte Frage. Denn in der im März 2026 publizierten Untersuchung zeichnet das internationale Forscherteam unter der Leitung von Cosimo Posth vom Senckenberg Centre for Human Evolution and Palaeoenvironment der Universität Tübingen den Untergang dieser Spezies nach.
Enormer Umbruch
Über die Bevölkerungsgeschichte der Neandertaler sind nur Bruchstücke bekannt. „Wir wussten vor allem wenig darüber, welche evolutionäre Entwicklung ihrem Aussterben vorausging“, sagt Posth.
Deshalb waren die späten Neandertaler, die zwischen 60.000 bis 40.000 Jahren vor unserer Zeit lebten, für die Forscher besonders interessant. In ihrer Untersuchung konzentrierten sie sich auf die DNA der Mitochondrien, die in unterschiedlichen Proben von Zähnen und Knochen der Neandertaler geborgen wurden. Diese Zellorganellen besitzen ihre eigene DNA, die unabhängig von der Haupt-DNA des Zellkerns vererbt wird. „Die Mitochondrien-DNA enthält zwar lange nicht so viele genetische Informationen wie das gesamte Erbgut eines Menschen, aber sie bleibt meist länger erhalten und kann leichter gewonnen werden“, erläutert Charoula Fotiadou von Posths Team.
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Bei der Studie wurden Relikte von insgesamt zehn „neuen“ Neandertaler-Individuen berücksichtigt. Sie stammen aus sechs Fundstätten in Deutschland, Belgien, Frankreich und Serbien. Daraus wurde die DNA der Mitochondrien sequenziert. Zusätzlich flossen weitere 49 DNA-Proben ein, die bereits veröffentlicht waren. Außerdem stellte das ROCEEH-Projekt (The Role of Culture in Early Expansions of Humans) wichtige Informationen zum Vorkommen von Neandertalern zur Verfügung. So konnten die Forscher beide Beweislinien kombinieren und schließlich die demografische Geschichte der Neandertaler entschlüsseln.
Das Team fand nun heraus, dass wohl das raue Eiszeitklima vor rund 75.000 Jahren den europäischen Neandertalern zugesetzt hatte. Was folgte, war ein enormer Umbruch in der genetischen Geschichte dieser Menschen. Denn es zeigte sich, dass die unter Druck geratene Spezies bessere Lebensbedingungen in der Ferne suchte.
„Aus unseren Daten ließ sich geografisch rekonstruieren, dass sich die Neandertaler in das heutige Südwestfrankreich zurückgezogen hatten“, resümiert Posth. Dort entstand vor rund 65.000 Jahren eine neue Population, die später erneut ganz Europa besiedelte. So sei es zu erklären, warum fast alle späten Neandertaler vom Kaukasus bis zur Iberischen Halbinsel zur gleichen Vererbungslinie mitochondrialer DNA gehören.
Überleben in der Eiszeit
Darüber hinaus gingen die Forscher mit statistischen Methoden der Frage nach, ob die Veränderungen der Mitochondrien-DNA mit der Annahme einer gleichbleibend großen Population vereinbar sind. Das ist nicht der Fall: Der Berechnung zufolge ging die Zahl der Neandertaler schnell und stark zurück. Das geschah bereits kurz vor ihrem endgültigen Aus, zwischen 45.000 und 42.000 Jahren vor heute.
Warum aber verschwand der Neandertaler? Posth formuliert es vorsichtig: „Die späten Neandertaler bildeten genetisch gesehen eine sehr homogene Gruppe. Denkbar ist, dass die geringe genetische Vielfalt – und womöglich auch die anschließende Isolation kleiner Gruppen – zu ihrem Verschwinden beigetragen haben.“
Zudem wird die genetische Mischung mit dem Homo sapiens als Grund diskutiert, weil auch von anderen Arten bekannt ist, das in solchen Fällen die Fruchtbarkeit sinken kann. Klar ist, dass bei solchen Paarungen, ganz überwiegend männliche Neandertaler mit Frauen von Homo sapiens sapiens Nachfahren zeugten. Das belegt die aktuelle genetische Studie des Teams um Alexander Platt von der University of Pennsylvania.
Anders als bei der hypothetischen Begegnung in der U-Bahn, lassen sich Neandertaler und Homo sapiens hinsichtlich ihrer Gene klar unterscheiden. Was beide gemeinsam haben, ist eine komplexe Abstammungsgeschichte. Denn auch die allerersten sogenannten modernen Menschen in Europa, die vor mindestens 45.000 Jahren hier lebten, sind nicht die direkten genetischen Vorfahren späterer Populationen. Das zeigte eine umfangreiche Studie, die 2023 in der Fachzeitschrift nature erschien. Mit einem großen Genomdatensatz europäischer Jäger und Sammler hat die 125-köpfige internationale Gruppe um Cosimo Posth die Geschichte der Abstammung und Wanderbewegungen des Homo sapiens neu geschrieben.
Die Forscher analysierten dazu das Erbgut von insgesamt 356 Vorzeitmenschen verschiedener archäologischer Kulturen, darunter neue Genomdatensätze von 116 Individuen aus mehr als einem Dutzend Länder Europas und Zentralasiens. Dabei konzentrierten sie sich auf Menschen, die zumindest in Teilen als Vorfahren der heutigen Bevölkerung Europas und angrenzender Regionen Westasiens gelten. Diese lebten im Zeitraum zwischen 35.000 und 5.000 Jahren vor heute, also auch in der kältesten Phase der letzten Eiszeit. Sie wird als Letztes Glaziales Maximum bezeichnet, kurz LGM. Das war vor circa 19.000 bis 25.000 Jahren.
Zuflucht im Südwesten
Das Team stellte überrascht fest, dass die Menschen der sogenannten Gravettien-Kultur, die vor 32.000 bis 24.000 Jahren in Europa verbreitet war, nicht näher miteinander verwandt waren. Zwar verwendeten sie ähnliche Waffen und stellten auch ähnliche, mit Tiergesichtern verzierte Schnitzereien her. Genetisch unterschieden sich die Populationen auf der Iberischen Halbinsel beziehungsweise im gegenwärtigen Frankreich jedoch von den zeitgleich lebenden Populationen im heutigen Tschechien und Italien.
Jene Nachkommen, die der Solutréen- und der bis Mitteleuropa reichenden Magdalénien-Kultur zugeordnet werden, fanden während des Kältemaximums ein milderes Klima im südwestlichen Europa. Später breiteten sie sich wieder nord- und ostwärts über den Kontinent aus.
„Mit diesen Funden können wir erstmals direkt die These untermauern, dass Menschen während der kältesten Phase der letzten Eiszeit Zuflucht in Südwesteuropa suchten, das klimatisch günstigere Bedingungen bot“, sagt Posth.
Bislang galt unter anderem die italienische Halbinsel als möglicher Rückzugsort während der garstigsten Phase der letzten Eiszeit. Für diese These fanden sich jedoch keine Belege. Im Gegenteil: Die in Mittel- und Südeuropa lebenden Jäger und Sammler der Gravettien-Kultur sind dort nach dem Kältemaximum genetisch nicht mehr nachweisbar – sie gelten als ausgestorben. Ihren Platz nahmen nun Menschen mit einem anderen Genpool ein.
„Die dort lebenden Individuen unterscheiden sich genetisch stark von den vorherigen Bewohnern der italienischen Halbinsel“, sagt He Yu von der Universität Peking in China. Sie werden mit einer späteren Kultur in Verbindung gebracht, der Epigravettien-Kultur. Deren Vertreter hatten eine mildere Klimazukunft vor sich. „Vermutlich kamen sie um die Zeit des glazialen Maximums vom Balkan nach Norditalien und breiteten sich bis nach Sizilien aus.“
Schwindende Mammutsteppe
Mit den analysierten Genomen lässt sich zudem nachvollziehen, dass die Nachfahren dieser frühen Italiener vor rund 14.000 Jahren in ganz Europa Fuß fassten und dabei diejenigen Gruppen verdrängten, die mit der Magdalénien-Kultur assoziiert waren. Wie schon viele Jahrtausende zuvor bei den Neandertalern waren es wohl klimatische Veränderungen, die unsere Vorfahren auf die Wanderschaft geschickt haben: „Damals erwärmte sich das Klima in kurzer Zeit deutlich, in ganz Europa breiteten sich Wälder aus“, sagt Johannes Krause vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig, der maßgeblich zu der Studie beigetragen hat.
Irgendwann endet auch die längste Eiszeit. In Europa war dies vor 11.700 Jahren der Fall. Dies könnte Bewohner des Südens, beispielsweise die frühen Italiener, veranlasst haben, ihren Lebensraum auszudehnen. Krause vermutet, dass dabei andere Menschen verdrängt wurden, nämlich als deren Lebensraum, die Mammutsteppe, mehr und mehr verschwand.
Welche Prozesse waren es genau, die für den Austausch ganzer Eiszeit-Populationen verantwortlich waren? „Weitere interdisziplinäre Forschung wird dies klären“, erwartet Posth.
Heute schon kann man der Studie entnehmen, dass zwischen den Jägern und Sammlern West- und Mitteleuropas und ihren Zeitgenossen in Osteuropa mehr als 6.000 Jahre lang kein genetischer Austausch stattfand. Erst vor 8.000 Jahren lassen sich wieder Begegnungen nachweisen, bei denen Menschen Zentraleuropas auf solche trafen, die im Baltikum leben. Dies geschah erstmals, als sich Bewohner des heutigen Nordostdeutschlands – womöglich im Zusammenhang mit kulturellem Austausch entlang der Ostseeküste – mit baltischer Bevölkerung verbanden. Rund 500 Jahre später kam es zu Kontakten mit Bewohnern des oberen Wolgagebiets.
„Zu dieser Zeit vermischten sich dort Gruppen von Jägern und Sammlern unterschiedlichen Aussehens: Sie hatten nicht dieselbe Haut- und Augenfarbe und unterschieden sich auch in anderen Merkmalen“, stellt He Yu fest. Und mit dem Ackerbau breitete sich bald ein neuer, sesshafter Lebensstil aus, der von Anatolien nach Europa gelangte. Vielleicht war es die Einwanderung der frühen Bauern, die den endgültigen Rückzug der Jäger und Sammler an den nördlichen Rand Europas auslöste. ■
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