Frauen leiden dreimal so häufig an Depressionen wie Männer, gehen häufiger zum Arzt, bekommen mehr Medikamente verschrieben. Sind Frauen wirklich kränker?
Eva Hagedorn (Name geändert), kaufmännische Angestellte, hat ihren Beruf nach der Geburt des zweiten Kindes aufgegeben. In der Familie läuft alles gut, nur mit ihrer Gesundheit steht es nicht zum Besten. Wegen ihrer häufigen Kopfschmerzen wandert Eva von Arzt zu Arzt; die Schwellungen im Knie haben sich als rheumatoide Arthritis entpuppt, und neuerdings reagiert sie auch noch allergisch auf alle möglichen Stoffe.
Gerd Hagedorn dagegen, Abteilungsleiter in einem großen Warenhauskonzern, fühlt sich kerngesund, besonders seit er sich das Rauchen abgewöhnt hat. Deshalb nimmt er die immer öfter auf-tretenden Magenschmerzen nicht weiter ernst. Erst nach Monaten, und dann auch nur auf Drängen seiner Frau, geht er zum Arzt. Nach eingehenden Untersuchungen und vielen Labortests der furchtbare Schlag: Magenkrebs – mit Metastasen im Darm und in der Speiseröhre. Gerd Hagedorn stirbt mit 62 Jahren. Eine ebenso tragische wie typische Geschichte. Die Statistik belegt das: Männer in westlichen Industrienationen leben durchschnittlich sieben Jahre weniger als Frauen. Schon bei der Geburt ist das starke Geschlecht anfälliger: Die Säuglingssterblichkeit liegt bei männli-chen Neugeborenen höher als bei weibli-chen (7,7 zu 5,8 pro Tausend). Und bei den „vorzeitigen Sterbefällen” (vor dem 65. Lebensjahr) stehen Männer ebenfalls nicht gut da: Sie sterben fünfmal häufi-ger an Bronchial- und Lungenkrebs und viermal häufiger an Herzinfarkt als Frauen. Kurz: Sie sind in schlechterer gesundheitlicher Verfassung als Frauen. Andererseits zeigen Studien zum subjektiven Gesundheitszustand der Betriebskrankenkassen, daß sich Frauen schlechter fühlen: Sie leiden häufiger unter psychischen Erkrankungen und Beschwerden ohne organische Befunde und erhalten doppelt so oft Beruhigungsmittel wie Männer.
Die natürlichen Unterschiede (andere Organe – andere Krankheiten) allein können dieses „Geschlechterparadox” nicht erklären. Die Soziologin und Public-Health-Professorin Ulrike Maschewsky-Schneider von der Technischen Universität Berlin hat deshalb 2500 Männer und Frauen zu ihrer Gesundheit befragt und kam zu dem Schluß: „Frauen sind an-ders krank” – so der Titel ihres jüngsten Buches.
Auch Petra Kolip vom Institut für Soziale und Präventive Medizin der Universität Zürich beschäftigt sich vor allem mit den qualitativen Differenzen in der Männer- und Frauengesundheit. Dafür, so meint die Psychologin, ist es unerläßlich, zwischen biologischem und sozialem Geschlecht zu unterscheiden. Unter dieser Voraussetzung kommt die Gesundheitsforscherin zu vier Erklärungsansätzen für geschlechtsspezifische Unterschiede bei Gesundheit und Krankheit: Genetisch-biologische Unterschiede: Die Existenz nur eines X-Chromosoms in seinem Erbgut (XY) macht den Mann anfälliger für Krankheiten, die auf dem X-Chromosom rezessiv vererbt werden (etwa die Bluterkrankheit). Durch das zweite X-Chromosom bei den Frauen (XX) werden Eiweißstoffe kodiert, „ Radikalenfänger”, die den Alterungspro- zeß verlangsamen. Zellalterungs-Erkrankungen – Arteriosklerose, einige Krebsarten – treten deshalb bei Frauen selte-ner auf. Unterschiede bei erworbenen Risiken: Übereinstimmend zeigen Studien, daß sich Männer und Frauen in ihrem gesundheitlichen Verhalten unterscheiden. Mädchen und Frauen stellen 95 Prozent der Anorexie- und Bulimiekranken. Auf der anderen Seite – passend zum Rollenklischee des starken Kerls – rauchen und trinken Männer mehr als Frauen, betreiben gefährlichere Sportarten und verursachen mehr Unfälle durch riskantes, oft alkoholisiertes Fahren. Hier findet allerdings, besonders beim Rauchen, eine Angleichung statt, meint der Onkologe und Vorsitzende der Berliner Krebsgesellschaft, Prof. Klaus-Peter Hellriegel: Fast jede dritte Deutsche raucht, während es vor zehn Jahren jede fünfte war. Deutschland weist dadurch den größten Anstieg an Lungenkrebs- Erkrankungen bei Frauen zwischen 35 und 55 Jahren auf – um 140 Prozent. Unterschiede in Krankheitswahrnehmung und -verhalten: Was manche Männer im Alltag krank macht, hält Frauen gesünder: ihre Bereitschaft, über sich selbst und ihre Beschwerden zu reden – mit Ärzten und mit Geschlechtsgenossinnen. Frauen bauen sich, sagt die Züricher Psychologin Kolip, ein Netz gleichfühlender Freundinnen auf, um mit gesundheitlichen Problemen fertig zu werden. Männer hingegen, die ohnehin weniger Freunde haben, suchen sich diese eher nach gleichen Interessen aus. Doch kein Licht ohne Schatten: Frauen, so Prof. Dieter Kleiber, Gesundheitspsychologe an der Freien Universität Berlin, werden auf diese Weise leicht zu „Wiederkäuern ihrer Leiden”, was sie anfälliger für Depressionen und psychosomatische Erklärungen macht.
Ungeklärt ist die Frage, ob Frauen und Männer lediglich in ihrer Bereitschaft differieren, über Beschwerden Auskunft zu geben, oder ob sie sich in der tatsächlichen Empfindung – beispielsweise von Schmerzen – unterscheiden. Die geschlechtsspezifische Gesundheitsforschung weiß nicht, was dran ist am Wort von den Mimosen und vom Indianer, der keinen Schmerz kennt. Erste Hypothesen liefert jetzt eine Studie zur Schmerzforschung der Universität Illinois (USA), in der nachgewiesen wurde, daß weibliche Mäuse Schmerz intensiver empfinden als männliche – vor einer allzu schnellen Gleichsetzung von Mann und Maus sei allerdings gewarnt.
Ein weiterer Grund, warum Frauen anders mit ihrer Gesundheit oder einer Krankheit umgehen, liegt nach Ansicht des FU-Psychologen Prof. Hans Peter Rosemeier in biologischen Erfahrungen: Menstruation und Geburt seien Ereig-nisse, die Frauen „realistischer macht, was ihre eigene Verletzlichkeit betrifft”. Männer dagegen pflegen einen gefährlichen Unverletzbarkeitswahn. Bestes Beispiel ist die Inanspruchnahme von Krebsfrüherkennungsprogrammen: Nur 15 Prozent der berechtigten Männer gehen regelmäßig zur Krebsvorsorge – von den Frauen 34 Prozent. Irrationalismen hinsichtlich ihrer Ge-sundheit gibt es aber auch bei Frauen, berichtet die Ärztin Dr. Christa Gohlke-Bärwolf: Sie fürchten den Brustkrebs mehr als den Herzinfarkt. Und das, obwohl nur jede vierte an einem Mammakarzinom stirbt, aber jede zweite an den Folgen einer Herz-Kreislauf-Erkrankung.
Unterschiede bei Wahrnehmung und Behandlung im Gesundheitssystem: So unterschiedlich, wie sich die Geschlechter bei einer Erkrankung darstellen, werden sie auch vom Medizinsystem wahrgenommen und behandelt: Die Magenbeschwerden von Gerd Hagedorn veranlaßten den Arzt sofort, entsprechende Untersuchungen einzuleiten – die Schmerzen im Knie von Eva Hagedorn dagegen wurden lange Zeit nicht näher untersucht, weil der Arzt den Eindruck hatte, bei ihr sei „vieles psychisch bedingt”.
Die größere Bereitschaft von Frauen, sich gegenüber Dritten zu öffnen, führt offenbar dazu, daß bei ihnen psychosomatische Aspekte schon in die Diagnostik mit einbezogen werden, während bei männlichen Arztbesuchern körperliche Kategorien im Vordergrund stehen. Signifikant sind die Ungleichbehandlungen beim Herzinfarkt: Noch immer glauben viele Ärzte, Frauen seien generell durch Östrogene vor Herzerkrankungen geschützt. So erklärt sich auch, warum sie weniger intensiv untersucht werden.
Richtig ist zwar, daß Männer ein größeres Risiko für einen Herzinfarkt haben und daß er bei Frauen später auftritt. Die MONICA-Studie (Monitoring trends and determinants in cardivascular disease, die weltweit größte Langzeit-Herzstudie der WHO), zeigt allerdings, daß die Infarktrate bei Männern rückläufig, bei Frauen aber gleichbleibend ist. Christa Gohlke-Bärwolf berichtet, daß Frauen bei einem akuten Infarkt im Vergleich zu Männern eine geringere Chance haben, das Krankenhaus lebend zu erreichen. Das hat vor allem soziale Hintergründe, denn viele Frauen leben im Herzinfarktalter allein. Zudem wird bei Frauen von Angehörigen und Ärzten seltener an ein Herzleiden gedacht als bei Männern. Sie haben eine andere Symptomatik: Ihre Beschwerden, etwa Bauch-schmerzen, werden oft als Magenverstimmung oder Gallenkolik fehlgedeutet. Fazit: Wer ist nun schlechter dran – Männer oder Frauen? Weder – noch. Sie sind unterschiedlich krank und müssen deshalb auch von den Ärzten unter-schiedlich wahrgenommen und behan-delt werden.
Das klingt wie eine Binsenweisheit, aber so banal ist die Forderung offenbar nicht, wie die Vergleichsstudien zur Männer- und Frauengesundheit zeigen – und nicht ohne Bedeutung für den einzelnen Menschen: Wenn zum Beispiel der Betriebsarzt Gerd Hagedorn nicht nur funktionell „durchgecheckt”, sondern eindringlicher nach seinem Befinden gefragt und dann zum Internisten geschickt hätte, wäre der Tumor vielleicht noch in einem behandelbaren Stadium entdeckt worden. Noch deutlicher bei Eva Hagedorn: Ihr wären viele Schmerzen erspart geblieben, wenn der Arzt ihr Rheuma früher diagnostiziert hätte.
Kompakt Frauen in den Industrienationen leben länger als Männer, fühlen sich aber gesundheitlich schlechter. Männer hegen gefährliche Unverletzlichkeitsillusionen und gehen deshalb seltener zum Arzt. Ärzte nehmen kranke Frauen anders wahr als kranke Männer und behandeln sie dementsprechend auch anders – meist weniger gut.
Bdw community INTERNET Aktuelle Presseartikel, internationale Tagungsberichte, Links und Adressen von Organisationen, die sich mit dem Thema „Herz der Frau” beschäftigen: www.medizin-2000. de/ herz/texte/herz14.html Kontakte Prof. Dr. U. Maschewsky-Schneider ist Professorin für Public Health/ Gesundheitswissenschaften in Berlin und Sprecherin vom „Berliner Zentrum Public Health” (BZPH). Sie ist ansprechbar auf alle Gesundheits-, insbesondere Frauengesundheitsfragen und auf ihre verschiedenen Studien zum Geschlechtervergleich. Tel: 030 | 31479426
Das BZPH bietet zum Thema vielfältige Informationen unter: www.tu-berlin.de/ bzph/ Anschrift: BZPH, Ernst-Reuter-Platz 7 10587 Berlin E-Mail: bzph@tu-berlin.de
PD Dr. Petra Kolip arbeitet zur Zeit am Institut für Soziale und Präventive Medizin der Universität Zürich Sumatrastr. 30, CH-8006 Zürich Telefon: 0041-1/634-4853 (-4654) E-Mail: kolip@ifspm.unizh.ch
PD Dr. Theodor Klotz ist Urologe an der Klinik und Poliklinik für Urologie der Universität Köln und Experte für Männergesundheit E-Mail: TKLOTZ@t-online.de
Lesen Theodor Klotz DER FRÜHE TOD DES STARKEN GESCHLECHTS Unterschiede im Gesundheits- und Krankheitszustand von Männern und Frauen Cuvillier-Verlag, Göttingen 1998
Petra Kolip FRAUEN UND MÄNNER in: F.-W. Schwartz, B. Badura u.a. (Hrsg.) DAS PUBLIC HEALTH BUCH Urban und Schwarzenberg München 1998, DM 78,–
Ulrike Maschewsky-Schneider FRAUEN SIND ANDERS KRANK Zur gesundheitlichen Situation der Frauen in Deutschland Juventa-Verlag Weinheim/München 1997, DM 38,–
Andrea J. Appel





